Es war die dümmste Idee, die ihm seit Jahren... ach Quatsch, seitdem er geboren wurde, nein, noch schlimmer, seitdem er angefangen hatte Ideen zu produzieren, eingefallen war.
Aber das kam ihm ja erst in den Sinn, als es zu spät war.
Mit zugekniffenen Augen betrachtete er sich im Spiegel.
Was war schlimmer? Der weiße Rauschebart? Die angeklebten weißen Augenbrauen, die wahrscheinlich nur abgingen wenn er den Verlust seiner eigenen hinnahm? Die Kissen, die ihn ausstopften? Oder allgemein dieses rote Kostüm?
Es war die dümmste Idee der Menschheitsgeschichte.
Wie schaffte es ein 20jähriger auch auf so eine Idee zu kommen?
Stirnrunzelnd versuchte er sich umzudrehen, um seiner Chefin diese Frage zu stellen. Doch erstens kam er mit seinem massigen Körper nicht klar und konnte sich nicht umdrehen ohne in Schweißausbrüchen zu enden, und zweitens war die gerade dabei sich spitze Elfenohren anzukleben.
„Hat das Teil auch eine Klimaanlage?“, keuchte er stattdessen nur und fühlte sich immer mehr wie ein Sumoringer.
„Glaube nicht,“ kam es belustigt von hinten und seine Chefin Martina rückte ihre Elfenmütze auf ihrem blonden Rauschgoldhaar zurecht.
„Aber ich kann dir ja ab und zu mit meinen Zuckerstangen Luft zufächeln.“
„Ha ha,“ sagte er missmutig und schaffte es mit ihrer Hilfe sich um ein paar Grade zu drehen.
„Du siehst wirklich gut aus..... mit diesem dicken Bauch... und naja... das rot, es steht dir,“ scherzte sie etwas dünn und brachte ihm nur zum noch böser gucken.
Schön jaaaa er war selber Schuld an dieser Situation... okay.. trotzdem. Es war erniedrigend und verdammt warm.
Zum ersten Mal bereute er es, in dem größten Kaufhaus der Stadt einen Beruf ergattert zu haben. Er arbeitete zwar nur in der Verwaltung, aber das ihn niemand aufhielt, wenn er so eine schwachsinnige Idee von sich gab, war schon erniedrigend.
„Den Kindern etwas bieten“, hatte er gesagt.
„Ein Ohr für sie hinhalten,“ war seine Idee.. . Ha, und jetzt? Jetzt stand er...hier in einem Weihnachtsmannkostüm, der Schweiß lief ihm schon in Bächen den Rücken hinunter und seine Chefin hatte nichts weiter zu tun als zu scherzen.
Es war zwar schwer sich unter den Kissenbergen zu straffen, aber irgendwie schaffte er es. Gut, er hatte diese Idee gehabt, die Samstage im Dezember Weihnachtsmann zu spielen und sich von den Kindern ihre Wünsche erzählen zu lassen, deshalb hatte er das hier auch durchzustehen.
„Martina?“
„Ja... Weihnachtsmann?“
„Sattel die Rentiere, es geht los,“ befahl er in seiner besten Weihnachtsmannstimme und mit einem brummigen 'Ho ho ho' rollte er an der kichernden Martina vorbei.
Benjamin Burkehrt war soweit! Er würde da jetzt rausgehen und den Weihnachtsmann spielen und zwar den besten den dieses Kaufhaus bisher gesehen hatte!!
Es war nun das mindestens hundertste Kind, das auf seinen Schoß geklettert war, ihn mit großen Augen angesehen hatte und dann in Tränen ausgebrochen war... Bestürzt sah er dem kleinen Jungen hinterher.
Sah er so furchteinflößend aus?
Doch schon verlangte das nächste Kind nach ihm und zog ihm versuchsweise am Bart.
„Au,“ machte er.... der war schließlich angeklebt. Schon sah er die nächsten Sturzbäche fließen weil der Kleine meinte den Weihnachtsmann verletzt zu haben und schob ein schnelles, „Ho ho ho“ hinterher.
„Was kann ich für dich tun ...“, schnell sah er zu Martina, die von der Mutter den Namen gesagt bekommen hatte und las ihn ihr von den Lippen ab.
„Christian... was kann ich für dich tun.“
„Boah Alter, du kennst ja meinen Namen?“
„Ähm.. jaa... ich kenn alle Namen von euch kleinen Kind-“
„Ich bin aber nicht klein,.. ich bin schon sieben,“ unterbrach ihn der Kleine verärgert und streckte ihm seine Finger entgegen.
„Ähm jaaa..... ho ho ho...du bist wohl schon ein großer Junge?“, stotterte Benjamin etwas aus dem Konzept gebracht.
„Ja, ich bin schon ziemlich groß und deswegen brauch ich dieses Jahr auch voll viel zu Weihnachten.... also...hör zu,“ befahl der Kleine autoritär und ruckelte es sich auf seinem Schoß zurecht.
Benjamin konnte nur einen verzweifelten Blick zu Martina werfen, die ihn grinsend zuwinkte.
Er selbst saß auf einem, mit rotem Samt verzierten Thron, inmitten des Kaufhauses. Rechts eine Kutsche, links ein kleines Pfefferkuchenhaus, in dem anscheinend Martina, seine Hilfselfe, wohnen sollte.
Der Kleine war gerade bei dem neuesten Mega Hero Action Figur Spiel angekommen als Benjamins Blick auf eine Gestalt fiel, die an einen Pfeiler gelehnt die ganze Show beobachtete.
Sein Herz setzte für eine Sekunde aus.
Conrad Geihs, Abteilungsleiter der Sportabteilung lehnte, mit seiner sportlichen Gestalt lässig an dem Pfeiler. Wie immer war er in einen Anzug gehüllt, der, wie Benjamin mit einen Schlucken feststellte, dessen Beine noch länger machten, und die Schultern noch breiter. Die braunblonden Haare nach hinten gegeelt und eine rahmenlose Brille, dahinter hellbraune Augen die amüsiert funkelten.
Das war der Kerl, der ihn mehr oder weniger die ganze Sache eingebrockt hatte.
Als der Junge kurz überlegen musste, nutzte Benjamin die Gelegenheit um schnell „Ho ho ho ... das sind aber viele Wünsche,“ zu sagen und schon ratterte der kleine seine Liste weiter hinunter.
Das mit dem Weihnachtsmann war zwar seine Idee gewesen, aber der Plan dahinter war, das sie jemanden von einer Zeitarbeitsfirma engagierten und das er nicht selber in das Kostüm springen musste.
Nur bevor er dementsprechend etwas sagen konnte meldete sich schon Herr Geihs zu Wort und mit einem Glitzern in den Augen beglückwünschte er Benjamin zu seiner Idee und das er das freiwillig erledigen wollte.
Ha,.. von wegen freiwillig.
Der Blick aus den hellbraunen Augen war so herausfordernd und provozierend das Benjamin nichts anderes konnte als ’Ja zu sagen’’, das er den Weihnachtsmann spielen würden.
Blödmann.
Verdammt gutaussehender, attraktiver Blödmann.
Benjamin seufzte unhörbar, er hatte schon lange aufgehört in dieser Richtung von Herrn Geihs zu träumen. Schnell wand er deshalb den Blick ab, nicht das dieser seinen auffing und ihn wieder so herausfordernd ansah.
Das schien von dem Kerl sowieso ein Hobby zu sein. Egal über was sie redeten, immer schien er ihn zu irgendwas provozieren zu wollen, warum er das immer tat, hatte er noch nicht herausgefunden.... wollte er auch lieber nicht.
Der hatte bestimmt eine sadistische Ader.
„Dann noch die Playmobil Polizeitstation und die Walky Talkies, weil dann können ich und Andy, das ist mein bester Freund,.. uns unterhalten, OHNE das unsere Eltern was mitkriegen,“ verschwörerisch hatte Christian ihm das zugemurmelt, nachdem er einen misstrauischen Blick auf seine Mutter geworfen hatte.
„Weil wir dürfen nämlich noch keine Handys haben obwohl das schon voll viele in unserer Klasse haben, ich bin nämlich schon in der zweiten Klasse und voll viele haben schon ein Handy... nämlich der Thomas, die Susi und... halt voll viele,“ beteuerte er und sah ihn durchdringend an.
„Ich schau mal was ich in dieser Richtung machen kann,“ antwortete Benjamin ebenso verschwörerisch und zwinkerte.
Zufrieden beendete der Kleine endlich seine Wunschliste und hüpfte von seinem Schoß. Erleichtert sah Benjamin das nur noch zwei Kinder in der Reihe standen, dann konnte er endlich Pause machen bis die Eltern nachmittags noch mal ankamen.
Schnaufend lies er sich von Martina aus seinem Thron wuchten und watschelte in Richtung Personalabteilung. Oh Gott,.. er wollte dieses Kostüm so schnell wie möglich loswerden.
Auch wenn das hieß, sich nachher wieder hineinzuzwängen.
Kichernde Kollegen säumten seinen Weg, doch er starrte nur geradeaus und strahlte so viel Würde aus wie man(n) es konnte, wenn man(n) in einem Weihnachtsmannkostüm steckte.
Seitwärts robbte er in das Umkleidezimmer hinein und schnaufte erst einmal tief durch. Martina die ihm gefolgt war, lachte.
„Man.. Benny, das war allererste Sahne, der Hammer. Manchmal hab ich echt gedacht du wärst der wirkliche Weihnachtsmann,“ giggelte sie und rauschte, mit ein paar Zuckerstangen fuchtelnd wieder hinaus.
Toll... und wer half ihm jetzt aus seinem Kostüm? Er würde bis heute Nachmittag da drin bestimmt nicht vergammeln.
Er erblickte sein Bild im Spiegel und besah sich etwas genauer.
Er wirkte größer, was wohl an den klobigen, schwarzen Stiefeln lag, die er anhatte. Seine hellblauen Augen wurden durch die weißen, buschigen Augenbrauen betont und sie strahlten förmlich. Das dunkelbraune, kurze Haar war gänzlich versteckt unter der Perücke und der roten Mütze, selbst sein etwas rundlicheres Gesicht war nicht zu erkennen. Schnell zog er sich die Mütze und die Perücke vom Kopf.
Er zog sich die weißen Handschuhe aus und versuchte dann die Knöpfe vorne aufzukriegen, doch die waren.... natürlich nur zur Zierde da.
Er hatte gedacht Martina hatte ihn nur aus Spaß in das Kostüm hineinsteigen lassen doch anscheinend war der Reißverschluss für sein Oberteil wirklich am Rücken angebracht.
Toll...
Nach einigen Minuten, die er unter schmerzhaften Verrenkungen verbracht hatte gab er auf und war außer Atem. Hochrot im Gesicht wischte er sich notdürftig den Schweiß von der Stirn. Verdammt! Er musste aus diesem Kostüm raus, oder er erlitt einen Hitzschlag.
Erschrocken quietschte er auf, als auf einmal der Reißverschluss geöffnet wurde.
Phuu. Martina,.. gerade wollte er sich bei ihr bedanken, als ihn ein warmer Atem an seinen nun freigelegten Nacken stocken lies.
„Das Kostüm steht dir gut,“ murmelte jemand hinter ihm.
Er erstarrte, diese Stimme kannte er. Stocksteif blieb er stehen, doch Conrad Geihs schien das nicht zu stören, ungerührt machte er damit weiter, Benjamin auszuziehen. Er streifte ihm das Oberteil vom Körper, schnallte den Gürtel ab und befreite ihn von den Kissen.
Samtene Berührungen, die er wie zufällig auf seiner Haut spürte, denn unter dem Kostüm hatte er nur ein Unterhemd und Boxershorts an.
Doch das Geräusch des Reißverschlusses an der Hose lies ihn aus seiner Erstarrung aufwachen. Er sprang schon fast einen Schritt nach vorne,.. wollte sich nur noch vor diesen Berührungen in Sicherheit bringen.
„Da..danke,“ stotterte er etwas gehetzt. Mit hochgezogener Augenbraue, und Conrad Geihs war der Meister der hochgezogenen Augenbraue, sah ihn dieser an. Doch schnell setzte er wieder dieses provozierende Grinsen auf und verschränkte abwartend die Arme.
„Gern geschehen,“ schnurrte er.
Benjamin fühlte sich wie die Fliege im Netz. Etwas verlegen räusperte er sich.
„Ich kann dir auch noch beim Rest helfen,“ bot sich Conrad mit glitzernden Augen an.
„NEIN,“ rief Benjamin, errötete aber sogleich, „nein .. danke. Also,.. das schaff ich schon alleine.“
Verlegen irrte sein Blick im Raum hin und her, doch zum Glück erlöste ihn Martina aus dieser Situation. Lachend kam sie in den Raum gerauscht.
„Bennyyyy rate Maaal..- oh,“ verwirrt hielt sie inne und sah zwischen Benjamin und Conrad hin und her.
Conrad sah Benjamin nur süffisant an und ging dann mit einem 'Viel Spaß noch' hinaus.
Erleichtert lies sich Benny auf einen Stuhl sinken.
„Martina,“ ächzte er, „du hast mir das Leben gerettet!“
„Wie das denn?“
„Keine Ahnung,“ murmelte Benny als Antwort. Aber irgendwie kam er sich gerettet vor.
„Was wolltest du sagen?“
Sie sah ihn für einen Moment misstrauisch an, beließ es aber dabei und fing wieder an zu strahlen.
„Ich hab grad den Chef getroffen, also unseren 'Big Boss' und der hat gemeint das schon zahlreiche Mütter bei ihm waren um ihm zu der Idee des Weihnachtsmannes zu gratulieren. Alle sind davon begeistert!!!“
„Wirklich?“
„Jap,.. so wahr ich hier stehe und das heißt, dir winkt bestimmt eine fette Gehaltserhöhung, ist das nicht geil?“
Aufgeregt sprang sie auf und ab und Benjamin konnte nichts anderes tun, außer überdimensional zu grinsen.
Lachend umarmten sie sich. Doch plötzlich wandelte sich Martinas Gesicht wieder und sie sah ihn streng an, „Und jetzt erzählt was Herr Sportabteilung böses getan hat, du hast ausgesehen als wäre er eine Schlange und du das Kaninchen!“
Benny seufzte nur niedergeschlagen. „Das übliche halt.“
„Wie das übliche?“
„Er macht Andeutungen, die ich nicht verstehe und dann schaut er immer so .“
„Er schaut?!“
„Jaaa, so provozierend.“
Martina konnte nur ungläubig den Kopf schütteln, sie wusste ja das Benny in solchen Sachen nicht der Hellste war aber für so naiv hätte sie ihn auch wieder nicht gehalten.
„Junge,... der Kerl steht auf dich!“, knallte sie ihm gnadenlos an den Kopf und sah grinsend dabei zu wie Bennys Gesichtszüge entgleisten. Dann huschte ein trauriger Schatten über sein Gesicht.
„Nein tut er nicht,“ murmelte er und senkte den Kopf.
„Hey... woher willst du das denn wissen? Hast du ihn denn schon gefragt?“
„Nein,.. natürlich nicht, aber... er will eigentlich nur das eine.“
„Ach?“ Skeptisch sah ihn Martina an, „Hat er dir ein eindeutiges Angebot gemacht oder was?“
„Nein, aber ich hab das von Robert gehört!“
„Robert?“
„Ja, er hat erzählt, das Conrad das mit allen so macht, er will sie nur ins Bett und bei mir ist es halt so, das ich ihm bis jetzt immer entwischt bin!“
„Und das hat Robert gesagt?“, fragte Martina nach und runzelte die Stirn... Robert... „Ist das dieser Typ aus dem zweiten Stock mit dem Piercing in der Augenbraue?“
„Ja,“ murmelte Benjamin und setzte sich abermals. „Außerdem, was sollte so ein Typ wie Conrad von einem wie mir wollen?“
Kopfschüttelnd ging Martina in die Knie
„Junge, wenn du das nicht weißt... du bist süß, du bist etwas ganz besonderes. Was Robert sagt, das kann ICH dir sagen ist nicht wahr. Ich hab damals zur selben Zeit hier angefangen wie Conrad und es mag sein, das er ein wenig undurchschaubar ist und etwas arrogant wirkt, aber glaub mir, in all der Zeit hat er nicht auch nur einen Mitarbeiter so angesehen wie dich.“
Eindringlich sah sie ihn an.
„Ich weiß ja nicht was dieser Robert noch für Unsinn verzapft hat, aber es stimmt nicht.“
„Er hat behauptet Conrad hätte mit ihm auch.. ... du weißt schon,“ murmelte Benjamin.
„Pff. Also bitte, ich kenne Conrad nicht sehr gut, aber Geschmack traue ich ihm durchaus zu und dieser Möchtegern- Coolness- Verschnitt Robert sollte lieber aufpassen. Wer solche Gerüchte in die Welt setzt ist bei unserem Chef ziemlich schnell unten durch.“
Etwas verwirrt fuhr sich Benjamin durchs Haar.
„Wenn Robert gelogen hat..-“
„Er hat gelogen,“ beteuerte Martina noch einmal.
„Wenn er gelogen hat... trotzdem, ich weiß nicht... ich hab irgendwie Angst vor , ich mein ich hab nicht so... eine Erfahrung wie .. Conrad,“ stotterte er und versteckte sein hochrotes Gesicht in seine Hände.
„Also bitte, du tust ja gerade so als würde er wirklich nur auf das eine scharf sein, schon mal darüber nachgedacht, das er mehr will als nur Sex.“
„Sag das nicht so laut,“ panisch sah Benjamin sich um. Warum musste Martina auch immer so direkt und unverblümt sein?
Sie war ja schon fast ein weiblicher Conrad.
„Warum sollte ich das nicht laut sagen,“ empörte sie sich, „Dir muss endlich mal jemand sagen wo´s lang geht, damit du checkst was Sache ist.“
„Ich mag ja vielleicht ein bisschen naiv sein aber so blöd bin ich nun auch wieder nicht.“
„Doch bist du,“ meinte Martina trocken, „du denkst lieber an das bequemste, das Conrad nur das eine von dir will und so kannst du ihm schön aus dem Weg gehen und dir sagen, das ist das Beste. Aber daran zu denken das es anders sein könnte, darauf kommst du nicht, weil du dich damit ja auseinander setzten müsstest. Denk darüber nach.“ Mit diesen Worten lies sie den verblüfften Benjamin sitzen.
Scheißßßeeee. Stöhnend lehnte er sich zurück an die Wand.
Mann,... so eine Standpauke hatte er ja noch nie bekommen. Aber, ob das stimmte was Martina gesagt hatte? Bis jetzt hatte er nur darüber nachgedacht, warum Conrad ihn immer so provozierend angesehen hatte, als würde er irgendwas von ihm haben wollen. Als Robert ihm dann diese Sache erzählt hatte, hatte er sich eingeredet dass er das nächste Opfer von Conrad werden sollte. Dieser Gedanken hatte wehgetan.
Mit gerunzelter Stirn schloss er die Augen. Doch er konnte nicht nachdenken, denn auf einmal spürte er die Finger wieder auf seiner Haut. Gott, der Typ hat ihm nicht beim ausziehen geholfen er hatte ihn.... „ausgezogen“..
„Whaaaa, ich will nicht mehr,“ schrie er frustriert auf. Auf der ganzen Haut fühlte er die zärtlichen Streicheleinheiten und es störte ihm nicht im Geringsten.
„Ich brauch ´ne Dusche,“ murmelte er und wenn er sich auf dem Klo nur kaltes Wasser über den Kopf schütten würde, irgendwie musste er den jetzt klar bekommen.
Sie waren im Bereich für die Angstellten, also würde kein Kunde auf einmal reinplatzen und ihn in diesem Outfit sehen und die anderen hatten auf seine Kosten ja schon genügend Witze gerissen. Er schlurfte also in Richtung Herrentoilette, als aus der gerade zwei Personen kamen.
Warum auch immer versteckte er sich hinter der nächsten Ecke und fragte sich im nächsten Moment warum auf einmal.
„Du sollst mich endlich in Ruhe lassen,“ knurrte eine nur allzu bekannte Stimme und Benjamin konnte nichts machen, er spitzte um die Ecke.
Wirklich, dort stand Conrad und fuhr sich mit einem genervten Gesichtsausdruck durchs Haar und der andere?
Sein Herz stockte als er Robert erkannte.
Ach du scheiße.. Robert + Conrad + kamen gerade aus dem Klo = Benny wollte gar nicht daran denken.
„Warum sollte ich? Ich weiß doch was du willst.“ Roberts Stimme klang Bennys Meinung nach wie die einer läufigen Hündin.
Außerdem, woher wollte der bitteschön wissen was Conrad wollte?
Spöttisch kam auch dessen Antwort: „Du hast wirklich keine Ahnung was ich will, also lass mich endlich in Ruhe oder ich beschwer mich beim Boss. Du gehst mir wirklich auf den Sack!“
Jaaaaa, weis ihn in seine Schranken. Ha. Triumphierend ballte Benny die Fäuste und schielte wieder um die Ecke.
Conrad sah nun wirklich wütend aus und Robert zog eine beleidigte Fratze.
„Pfff, rennst du immer noch diesem Babyface hinterher? Wenn du auf kleine Jungs in Weihnachtsmannkostümen stehst, bitte, wirst schon sehen was du davon hast.“
Was heißt denn hier Babyface, brauste Benny in Gedanken auf, bis ihm einfiel das sie ja wirklich über ihn redeten.
Conrad rannte ihm hinterher?? Seit wann das denn? Und seit wann redete Robert so abwertend über ihn... er hatte immer den Eindruck gehabt sich gut mit ihm zu verstehen.
„Babyface?“, erklang die nun wirklich wütende Stimme von Conrad, „Du hast ja sowas von keine Ahnung. Ich rate dir deine Zunge zu hüten wenn du deinen Job behalten willst, glaubst du, ich hab nicht mitgekriegt was du für einen Scheiß erzählt hast, als würde ich dich auch nur mit einem Finger anfassen wollen. Wenn ich Benny hinterher renne, dann ist das allein meine Sache. Ein für allemal, LASS, MICH, IN, RUHE!!!“
Drohend war er an Robert herangetreten und hatte ihm diese Worte geradezu entgegengezischt. Benny war wie in Trance,... es war also wirklich ein Gerücht gewesen. Hatte Robert ihn nach außen hin nur so nett behandelt und ihm diese Geschichte aufgetischt, weil er eifersüchtig war?? Weil er – Benjamin - ohne es eigentlich provoziert zu haben Conrads Aufmerksamkeit erlangt hatte?
Den restlichen Tag war nichts mehr mit ihm anzufangen, als wäre er in Watte gepackt und nahm alles nur noch halb wahr, durchstand er die Mittagspause, bis er sich von Martina wieder in den Anzug helfen lassen musste und seine Schicht weiterging.
Gut,.. er musste darüber nachdenken. Er durfte sich selbst nicht mit bequemlichen Ausreden abspeisen lassen.
Er wusste zwar immer noch nicht was Conrad konkret von ihm wollte, aber anscheinend war er ihm so wichtig, das er ihn vor Robert verteidigte.
Ah, dieser Robert, dem würde er nichts mehr von seinem Pausenbrot abgeben.
Zahlreiche Kinder saßen wieder auf seinem Schoß, doch er nahm sie gar nicht richtig wahr. Er erhielt ihre Namen von Martina, hatte sie im nächsten Moment aber auch schon wieder vergessen, in den richtigen Momenten sagte er automatisch 'Ho ho ho' ansonsten glänzte sein Verstand durch Abwesenheit.
Die Schlange der Kinder wurde immer kürzer und draußen begannen immer mehr Straßenlaternen zu leuchten. Bald wäre dieser Tag geschafft.
„Darf ich auch meine Wünsche sagen, oder dürfen das nur kleine Kinder?“
Benjamin konnte gerade noch einen lauten Schrei unterdrücken. Panisch sah er zu Martina, die ihn nur breit angrinste und Conrad ein Zeichen gab sich doch nach vorne zu begeben. Was der Kerl dann auch tat und nicht nur das.
Erst hatte Benny gedacht, das sollte ein Scherz sein, oder er würde langsam an Halluzinationen leiden aber er kam wirklich geheimnisvoll lächelnd auf ihn zu und
SETZTE SICH AUF SEINEN SCHOß!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Benny war zur Salzsäule erstarrt und dann RUCKELTE SICH DER KERL AUCH NOCH ZURECHT!!!!!
Hilflos sah er zu Martina die ihm nur zuckersüß zulächelte.
Er würde sie umbringen. D E F I N I T I V
„Ähhh,“ ächzte er mit hochrotem Kopf, doch niemand schien ihm helfen zu wollen. Die Kinder sahen aus als wäre es ganz normal das auch Große dem Weihnachtsmann ihre Wünsche sagen wollten und die Eltern kicherten nur amüsiert.
Toll, wirklich toll, heute wollten sie ihn jedenfalls fertig machen.
„Okay ??... Ho ho ho... Nun, sag dem Weihnachtsmann deine Wünsche,“ murmelte er peinlich berührt und starrte auf einen Punkt an der gegenüber liegenden Wand.
„Also,“ fing Conrad gut gelaunt an und schien sich prächtig zu amüsieren, „ich hätte gern ein neues Snowboard zu Weihnachten, mein anderes hat mein kleiner Bruder geschrottet, aber das weißt du als Weihnachtsmann sicher schon. Gut, was noch,? Ach ja, dieses Parfüm von Hugo Boss, ich weiß den Namen nicht mehr aber es riecht richtig gut,“ die letzten Worte hatte er geradezu in Bennys Ohr gehaucht und der hatte das Gefühl ein heißer Lavastrom breitete sich von dort in seinem gesamten Körper aus.
Er wollte hier weg...
„Dann bräuchte ich ein paar Unterhosen, keine Boxershorts oder Slips, sondern Pants die ein wenig enger anliegen,... du weißt was ich meine?“
Benny brachte einen Ton zusammen der in etwa nach 'Yiek' klang.
„Dieses neue Buch von dieser Krimiautorin wäre natürlich auch nicht schlecht und ein paar CD´s und DVD´s aber da lass ich dir freie Hand sie auszusuchen.“
Überlegend tippte sich Bennys Nemesis gegen die Lippen.
„Ach ja,“ mit einem Grinsen das Benny nichts gutes verheißen lies, beugte er sich hinunter und hauchte ihm in das empfindliche Ohr:
„Da wäre auch noch dieser junge Mann aus der Verwaltung. Er hat braunes Haar und die geilsten blauen Augen die ich je gesehen habe ( an dieser Stelle konnte Benjamin abermals nur ein leises quietschen von sich geben). Ich wäre dir sehr dankbar wenn ich ihn zu Weihnachten bekommen würde.“
Benny war fertig, fix und alle, er konnte bestimmt noch Karriere in der Biotonne machen, aber das war auch schon alles.
Er hatte einfach nichts darauf antworten können. Conrad wollte ihn haben!..... Wie erstarrt war er dagesessen, konnte sich nicht rühren, nichts sagen. Merkte nicht einmal wie Conrad nach seinen Worten aufgestanden war und verschwand.
„Fuck!“
Was sollte er denn machen? Er konnte es nicht leugnen, er fand Conrad anziehend. Damals, als er seinen ersten Arbeitstag hier hatte, hatte er sich verlaufen und war in der Sportabteilung gelandet wo ihm prompt Conrad über den Weg gelaufen war. Fast auf den ersten Blick hatte er sich verknallt. Doch zu mehr hatte er es nicht kommen lassen. Ja, er war ihm dauernd aus dem Weg gegangen. Ja, er hatte sich eingeredet das Beste wäre, keinen Kontakt zu haben.
„Gut...,“ murmelte er, Conrad hatte sich mit seinem Auftritt öffentlich lächerlich gemacht, die Hinweise die er ihm mit seiner provozierenden Art gegeben hatte, wurden von ihm einfach übersehen. Jetzt war es an der Zeit das er mal Tatsachen schaffte.
Ohne auf die Blicke der anderen zu achten, stapfte er in voller Weihnachtsmannmontur durch die Geheimgänge des Personals.
Das Kaufhaus würde in wenigen Minuten für die Kunden schließen, also war keine Menschenseele mehr in der Sportabteilung.
Suchend sah er sich um. Vielleicht war er schon im Büro. Ächzend zwängte sich durch die Ständer und stapfte auf die Tür zu auf der 'Personal' stand.
Vorsichtig öffnete er diese und schielte hinein.
Er war noch da... sitzend auf einem Stuhl, die Beine übereinander geschlagen und eine Ausstrahlung die pure Coolness ausdrückte.
Er schien in Gedanken zu sein.
Leise öffnete Benny die Tür und trat vorsichtig hinein, was nicht leicht war, schließlich musste er mindestens 1000 kg zusätzliches Gewicht mit sich rumschleppen.
„Ähm,“ räusperte er sich und Conrad drehte sich herum, „kann man Weihnachtsgeschenke schon vorher abgeben?“
Es blieb einen Moment still, indem Conrad ihn nur perplex anstarrte und Benny den Boden betrachtete.
Er hörte wie der Stuhl zurückgeschoben wurde und Conrad auf ihn zukam.
„Ich weiß nicht,“ ihm wurde sanft der Bart entfernt, „du bist der Weihnachtsmann.“
Benny starrte Löcher in den Boden, atmete noch einmal tief ein und aus.
„Hilf mir erst mal aus dem Kostüm,“ stöhnte er und sah Conrad bittend an. Er würde wirklich langsam aber sicher schmelzen.
Conrad lachte dunkel auf und trat hinter ihn.
Diesmal rieselte ihm ein angenehmer Schauer über den Rücken als Conrad den Reißverschluss an seinem Oberteil öffnete. Es klang so aufregend.
„Schwitzt man unter diesem Teil nicht ziemlich,“ murmelte Conrad und Benny fühlte sich auf einmal wieder provoziert. Aber er antwortete nicht, denn Conrad war gerade dabei um ihn herum zu fassen um den Gürtel zu öffnen.
Und irgendwie fand er es nicht schlimm, das er mitten im Büro von Conrad ausgezogen wurde, oder den Gedanken, das Conrad mehr von ihm wollen könnte. Er mochte diese Stimmlage eigentlich, die Conrad nur dann auflegte wenn er mit ihm redete. Samtweich, wie die eines verliebten Katers. Conrad hatte eigentlich viel von einem verliebten Kater. Er sah ihn des öfteren an, als wäre er ein Schälchen Milch das er auslecken wollte, seine Augen glitzerten auch oft als würde er gleich zum Angriff übergehen. Und in den kalten Wintertagen, waren solche Blicke sehr nützlich, das es einem wieder warm wurde.
Ja, vielleicht hatte Martina Recht... er sollte sich nicht mit den einfachsten Ausreden begnügen. Auch wenn das sehr viel Mut von seiner Seite erforderte, und er war normalerweise nicht sehr mutig, aber... einen eigenen Stubentiger zu haben, das hatte seinen Reiz.
„Robert hat mir erzählt du hättest ihn flachgelegt,“ murmelte er und achtete auf Conrads Reaktion, der hielt in seiner Tätigkeit innen und knurrte auf.
„Ach..?“
Es klang wütend, unterdrückt wütend, so, als müsse er sich beherrschen nicht gleich loszugehen und Robert eine zu verpassen.
Benny hätte ihn jetzt gerne angesehen, es kam nicht oft vor, das Conrad die Beherrschung verlor. Er war immer cool und immer lässig.
„Ja... er hat auch gesagt, das ... das du das mit allen machst,“ murmelte er und scharrte mit den Füßen auf dem Teppichboden.
Plötzlich fühlte er zwei Hände an seiner Hüfte, die ihn an einen warmen Körper zogen. Sie waren fest und unerbittlich, davon würde er nicht so schnell loskommen.
„Und? Hast du ihm geglaubt?“, fragte Conrad nah an seinem Ohr und der warme Atem war nah, zu nah. Conrads Frage hatte etwas lauerndes, wie ein Kater eben, der vor dem Mauseloch Wache hielt und nun war Benny die Maus und es ging jetzt darum ob er so dumm war, das Mauseloch zu verlassen, oder ob er drinnen blieb.
Und obwohl Conrad etwas fester zupackte entschied er sich für die Wahrheit.
„Am Anfang schon,“ der Griff wurde fester, „ich weiß nicht,... es klang irgendwie logisch.“ Unsicher nestelte er an seinem Hosenbund herum.
„Du bist schließlich,... ich mein... Robert war von Anfang an so nett zu mir und du hast mich die ganze Zeit schon.... arg dein Blick, der war einfach zum verrückt werden.“ Hilflos versuchte er zu erklären was er meinte und fuchtelte mit den Armen wild in der Luft herum.
„Verrückt werden also,“ murmelte Conrad und man konnte das Schmunzeln geradezu sehen.
Benny seufzte, genau das hatte er gemeint. Der Kerl machte ihn noch fuchsteufelswild.
Der Griff um seine Hüfte wurde wieder lockerer und missbilligend sah er sich etwas von Conrad weg geschoben.
„Ich helf´ dir mal bei den Augenbrauen,“ bestimmte Conrad und verschwand kurz aus dem Raum.
Zurück kam er mit einer Schüssel und einem kleinen Tuch.
In der Schüssel war Wasser, in das er das Tuch tauchte.
„Augen schließen,“ befahl er und Benny tat wie ihm geheißen. Er zuckte zurück als ihm auf einmal kaltes Wasser über die Wange und den Hals lief.
„Sorry,“ murmelte Conrad entschuldigend, machte aber damit weiter die Augenbraue einzuweichen.
Flach atmete Benny ein und aus, er wollte nicht das Conrad damit aufhörte sein Gesicht zu berühren. Denn schon wie zuvor beim ausziehen, berührte Conrad nicht nur seine Augenbrauen, sondern strich ihm immer wieder über Stirn und Wangen und ein einziges Mal über seine Unterlippe... was ihn leicht erzittern lies.
„Okay,“ Conrads Stimme war leise und etwas tief in Benny fing an zu vibrieren.
„ich versuch vorsichtig zu sein. Erschrick nicht.“
Mit einem einzigen Ruck, wie bei einem Pflaster, riss Conrad eine Augenbraue hinunter. Es tat nicht weh, doch dann fing es an zu brennen.
„Ahh,“ wisperte Benny und verzog das Gesicht.
„Gleich vorbei“, versprach Conrad und streichelte ihm einmal über die Wange bis er auch die andere Augenbraue abriss.
„Und?? Sind meine Augenbrauen noch dran,“ fragte Benny und traute sich nicht seine Augen zu öffnen.
„Jep, alles noch dran,“ lies Conrad verlauten.
Erst dann öffnete Benny seine Augen.
Er sah direkt in Conrads Braune. Sie waren hell, und hatten leichte dunkelbraune Flecken, außerdem einen gelben Ring um die Iris.
Interessant.
„Du hast echt die beeindruckendsten blauen Augen, die ich je gesehen habe,“ murmelte Conrad mit einem abwesenden Klang in der Stimme.
Bennys Herz setzte aus, nur um in halsbrecherischem Tempo weiter zuschlagen. Er hatte auf einmal das Gefühl, Conrad konnte sein Herz hören.
Dieser blinzelte auf einmal und trat schnell einen Schritt zurück.
„Du ... solltest wohl besser gehen,“ murmelte Conrad.
Benny musste auf einmal lächeln und raffte seine Sachen zusammen.
„Danke... fürs ausziehen,“ meinte er mit einem Anflug von Mut und machte sich davon.
Es merkte niemand, wie er nur mit Hose und Unterhemd durch das Kaufhaus zu den Umkleiden lief
Er zog sich komplett um und verstaute das Weihnachtsmannkostüm in seinem Spind. Mit einem verliebten Lächeln strich er über den roten Stoff... er begann sich auf die nächsten Samstage zu freuen, schließlich brauchte er ja Hilfe beim An- und Ausziehen.
Und Conrad war sicher bereit ihm da zu helfen.
Das Geräusch der zufallenden Spindtür hallte in dem Raum noch lange nach, doch Benny war schon längst auf den Weg zum Ausgang.
Er schulterte gerade seinen Rucksack als er die Person bemerkte die an der Eingangstür wartete.
In seiner unnachahmlichen Art lehnte er dort.
Als er den Kopf drehte und ihn ansah fing wieder irgendwas in Benny an zu vibrieren. Auffordernd hielt Conrad die Tür auf und Benny ging weiter auf die Tür zu, hinaus in die kalte Dezembernacht, doch in ihm war es wohlig warm.