Ruben wollte noch etwas sagen, aber das Klingeln kam ihm zuvor. Und ohne, das er es merkte, wurde er leicht hibbelig.
„Ich geh aufmachen,„ sagte er, ging an die Sprechanlage und drückte dann den Summer.
Calliel saß brav auf der Couch, glättete sein Haar mit den Finger, obwohl er sowieso wie geleckt aussah und harrte der Dinge.
Julian stieg die Treppen hoch. Ein dicker Schal hüllte ihn ein und auf seinem Haar glänzten noch ein paar Schneeflocken. „Hallo.„ Lächelte er und ließ die nassen Straßenschuh vor der tür.
„Hallo.„ Ruben strahlte und öffnete die Türe weit, damit Julian eintreten konnte. „Schneit es schon wieder?„ fragte er und nahm dem anderen seine jacke und den Schal ab. „Geh durch ins Wohnzimmer, dort ist es schön warm. Und Calliel sitzt da auch.„
„Ja, immer noch.„ Lachte Julian, und ließ sich von Ruben aus der Jacke helfen. Er rieb seine Hände aneinander und nickte.
Calliel, ja...der Engel. Mal sehen, was in erwartete.
Julian betrat das Wohnzimmer und betrachtete den blonden jungen Mann. Nun, man könnte ihn als Engel bezeichnen ja; aber er hatte mehr von einem Fickpartner.
„Hi. Ich bin Julian.„ Höflich reichte er ihm die Hand. Calliel spürte die leichte Anspannung des anderen und grinste in sich. „Hallo. Calliel.„ Stellte er sich ebenfalls vor. Ein wenig betreten, sah Julian sich um, fast hilfesuchend zu Ruben.
Ruben hatte die Jacke sorgfältig aufgehängt und kam ebenfalls ins Wohnzimmer. „Habt ihr euch schon bekannt gemacht. Also, Calliel ist wirklich ein Engel. Und zwar ein richtiger.„ betonter er dann nochmal, damit Julian wirklich keine falschen Schlüsse zog. „Ich mache Kaffee. Und Schokoladentorte hab ich auch besorgt„ Ruben sah Julian an und lächelte. „Setz dich doch. Der Sessel ist sehr gemütlich.„
„Danke.„ Julian ließ sich nieder und schwieg verlegen. Calliel lächelte und setzte sich ebenfalls wieder.
„Ja, hm. Also mit Flügeln kann ich nicht dienen, noch nicht um dir zu beweisen, das Ruben die Wahrheit sagt.„
Julian zog unmerklich eine Braue nach oben. Also wohl doch eher der Fickpartner. Langsam fühlte er sich irgendwie unwohl...man hatte ja schon von so kranken Menschen gehört.
Ruben setzte in der Küche Kaffee auf und kam mit einem Tablett wieder, Darauf hatte er Kuchen Teller, Tassen und das ganze Equipment platziert, welches er jetzt auf dem Tisch verteilte. „Kaffee ist gleich fertig„ meinte er und setzte sich, auf den anderen Sessel.
„Ist ne komische Situation, hm?„ fragte er leise. „Du denkst bestimmt, wir verarschen dich und sind total durchgeknallt.„
Julian sah Ruben an. „So würde ich es vielleicht nicht ausdrücken. Aber, man trifft nicht jeden tag einen Engel.„ Er lächelte leicht. Calliel enthielt sich seiner Stimme und zog die Beine auf die Sitzfläche, umschlang sie mit beiden Armen.
„Ja, da hast du recht. Ich hab Calliel auch erst nicht geglaubt. Es ist auch nicht grade einfach zu verstehen.„ Ruben war verlegen, er wurde das Gefühl nicht los, das Julian dachte, er hätte einen an der Waffel. „Ich geh den Kaffee holen.„ Er flüchtete regelrecht, es war einfach nur schrecklich. Was hatte er sich dabei gedacht, Julian das alles zu erzählen.
Calliel betrachtete Julian lächelnd. „Du kannst Ruben glauben. Und selbst wenn du es nicht glaubst, dann kannst du zumindest glauben: Wir haben keine Beziehung. Also nichts sexuelles. Wir sind bloß Freunde.„ Fiel er gleich mal mit der Tür ins Haus.
Julian wurde rot um die Nase und sah verlegen weg. Calliel grinste breit und zufrieden.
Ruben hatte nichts gehört, er war nur etwas irrtiert, als er mit dem Kaffee zurückkam und Julian rot war. „Alles okay bei euch?„ fragte er und sah Calliel etwas mißtrauisch an. Er goß Kaffee ein, bevor er die Kanne hinstellte und sich wieder auf den Sessel plumpsen ließ. „Greif zu.. Wir sind ja gestern nicht zum Kuchen gekommen.„
Calliel entgegnete Rubens Blick unschuldig. „Wenn ihr nichts dagegen habt, würde ich mich gern zurückziehen. Ich könnte ein Bad gebrauchen, oder zumindest eine Dusche.„ Der Engel stand auf. Julian nickte nur, hatte sich rettend eine Tasse Kaffee genommen und wärmte seine Hände daran.
Calliel wollte die beiden Turteltauben allein lassen.
Ruben nickte zustimmend, er war damit beschäftigt, Julian ein Stück Kuchen auf den Teller zu tun. „Handtücher sind im Schrank unter dem Waschbecken. Komm einfach wieder, wenn du fertig bist.„ sagte er mit einem kleinen Lächeln.
Als Calliel gegangen war, wandte er seine Aufmerksamkeit wieder Julian zu. „Und, was denkst du jetzt?„ fragte Ruben ernst.
Julian bedankte sich und überlegte eine Weile bevor er antwortete.
„Na ja, er sieht wie ein Engel aus.„ Bemerkte er als erstes, betrachtete interessiert seinen Kuchen und zuckte schließlich die Schultern.
„Hast Du was mit ihm?„ fragte er dann direkt und sah auf.
Ruben nahm einen Schluck Kaffee und stellte die Tasse zurück auf den Tisch, bevor er antwortete. „Nein, ich habe nichts mit ihm. Er ist in den paar Tagen, wo er hier ist, ein guter Freund geworden, aber ich schlafe nicht mit ihm.„ sagte er dann ruhig. Und das stimmte ja auch. Ruben schlief nicht mehr mit Calliel, es war eine einmalige Sache gewesen.
Julian nickte. „Das glaube ich.„ Er betonte es merkwürdig und seufzte dann leise.
„Entschuldige, es steht mir gar nicht zu, dich so etwas zu fragen.„
„Warum nicht? Du kannst mich alles fragen, was du willst und wenn es mir möglich ist, werde ich dir auch alles beantworten.„ Ruben sah Julian an und lächelte leicht. „Also mach dir darüber nur keine Gedanken. Wenn es mir unangenehm ist, dann sage ich es dir schon.„
„Weil es privat ist, intim. Und wir uns nicht gut genug kennen, uns dererlei Dinge zu verraten.„ Julian seufzte leise, widmete sich seinem Kaffee. Vorrangig um etwas zu tun zu haben. Aber was lag da näher, als der Kuchen?
Er nahm seinen Teller auf und aß schweigend, die Torte betrachtend.
Was zum Teufel tat er hier? Er war zu Besuch bei einem homosexuellen Typen, der ihn anziehend fand, aß Kuchen und dachte sich nichts dabei....ganz toll.
„Aber wir wollen uns ja kennen lernen. Und dann liegt es doch auch nahe, dass man fragt, wenn man etwas wissen will, egal, wie intim es ist.„ Ruben nahm einen Bissen von seiner Torte und sah Julian aufmerksam an. „Oder hast du mittlerweile kein Interesse mehr, hinter meine Fassade zu sehen?„
„Müssen wir jetzt darüber diskutieren, ob es unpassend war oder nicht? Ich empfinde es eben so.„ merkte Julian an, umschiffte die letzte Frage und knabberte sich etwas Schokolade von der Unterlippe.
„Nein, natürlich nicht. Entschuldige.„ Ruben biss sich auf die Unterlippe und schob sich noch ein Stück Torte hinein. Verdammt, er war einfach nicht geschickt in Plaudereien und Flirten konnte er schon gleich gar nicht. Hoffnungslos, sein Fall. Und so abweisend, wie Julian ihm schien, hatte er wohl auch übertrieben.
Julian betrachte Ruben über den Rand seiner Kaffeetasse und seufzte leise.
Er sah so verloren aus, irgendwie.
„Ruben?„ sprach er ihn leise an und stellte die Tasse auf dem Tisch ab.
„Ja?„ Ruben schrak aus seinen Gedanken auf und sah Julian an. „Was ist denn?„
„Ich...bin nicht...glaube ich zumindest.„ Murmelte Julian etwas stümperhaft zusammen.
„Du bist nicht...was?„ Ruben sah im Moment wahrscheinlich ziemlich blöde drein, er kapierte nicht, auf was Julian hinauswollte. „Schwul? Das hab ich schon vermutet.„
Julian seufzte. „Nein,...hetero...„ murmelte er, sah aufmerksam seinen Kaffee an, wie ein Orakel.
„Aha..„ Ruben brauchte einen Moment, um die Nachricht zu verarbeiten und richtig umzusetzen. „Du bist also nicht hetero.„ wiederholte er dann nochmal, unsicher, ob er es richtig kapiert hatte. „Und? Das bedeutet für mich?„
Julian seufzte fast verzweifelt. Woher sollte er das wissen? Am liebsten würde er jetzt wieder flüchten. Warum hatte er das gesagt?
„Vergiss es einfach.„ Brachte er dann mit hängen und würgen heraus und musterte interessiert das Aquarium.
Ruben stellte seine Kaffeetasse etwas heftig auf den Tisch, beugte sich vor und griff nach Julians Hand. „Ich möchte es aber nicht vergessen. So kann ich mir doch zumindestens Hoffnung machen, dass wir vielleicht ein bisschen mehr als Freunde werden.„ murmelte er, seine Ohren waren rot dabei. Flirten lag ihm wirklich nicht, kein Wunder, dass er immer noch allein war.
Julian betrachtete seine Hand und sie zitterte leicht. Rubens fühlte sich warm und weich an. Er konnte nicht verhindern, das ihm ein Schauer das Rückgrat hinunterrann. „Und wenn wir es nicht werden? Bist du enttäuscht und unsere Freundschaft gefährdet.„ Er konnte dem anderen nicht in die Augen sehen.
„Dann hat es eben nicht gepasst und wir können trotzdem Freunde sein.!„ sagte Ruben ruhig. „Ich akzeptiere aber auch, wenn du von vornherein sagst, das wir nur Freunde werden. Ich kann so oder so nicht flirten, du wirst also sicher nicht von mir ständig verbal angemacht werden. Zudem...unter Umständen bin ich ja auch nicht dein Typ oder du bist bereits anderweitig vergeben.„ Er lächelte und ließ die and nicht los. „Ich will nicht, das du dich in meiner Nähe unwohl fühlst.„
Das tat er nun ganz und gar nicht. „Ich bin Single.„ Murmelte er verdrossen. Aber er ließ Ruben seine Hand und seufzte leise, schließlich entzog er sie ihm doch. „Ich nehm noch Kuchen.„
„Klar.„ Ruben zog seine Hand rasch wieder zurück und gab noch ein Stück Torte auf Julians Teller. „Magst du auch noch Kaffee?„ fragte er dann, ganz der aufmerksame Gastgeber. Irgendwie kam er sich linkisch vor, hatte er doch normalerweise keinen Besuch und wusste auch nicht so recht, was er sagen sollte. „Du arbeitest ja im Einkaufzentrum, das hast du bestimmt mit jeder Menge verrückter Leute zu tun.„ Ruben versuchte, das Gespräch etwas aufzulockern, `Julian zum erzählen zu verleiten.
„Hin und wieder tauchen schon Leute auf, bei denen man sich fragt, wann und ob die überhaupt Schulbildung genossen haben.„ Stieg Julian auch sofort auf das Thema ein.
Er tat sich an seinem Kuchen gütlich, leckte sich Krümel vom Mundwinkel und den Löffel.
„Dieses Jahr hab ich mir über Weihnachten Urlaub genommen.„ Jetzt wirkte er wieder durchaus betrübt. „Und du?„
„Ich habe zwischen den Jahren Urlaub, zwangsläufig. Da haben wir immer zu. Aber ich bin eh allein, von daher wäre es mir egal, ob ich nun arbeiten muss oder nicht. Wenn die Feiertage rum sind, kann man wenigstens mal ins Einkaufszentrum gehen oder so....um so die Zeit totzuschlagen.„ Ruben lächelte etwas bitter, bisher hatte es ihn eigentlich nie gestört, allein zu sein.
Julian nickte langsam. „Hast du Lust dann zu Weihnachten bei mir vorbei zu kommen? Ich koch uns was, und so kriegen wir die Feiertage gemeinsam rum.„ Er lächelte leicht, stellte sich das auch durchaus schön vor.
Ruben war einen Moment etwas aus dem Tritt, damit hatte er gar nicht gerechnet. „Gerne.„ Strahlte er, nachdem er sich wieder gefangen hatte. „Soll ich was mitbringen? Ich kann hervorragende Waffeln machen.„ Mit funkelnden Augen sah er Julian an, man konnte regelrecht mit den Händen greifen, das Ruben sich freute.
Julian gluckste leise. „Wenn du möchtest. Ansonsten hab ich auch alles bei mir daheim. Hast du einen besonderen Wunsch, was es zu Essen geben soll?„ fragte er nach, lächelte erleichtert und vorfreudig.
„Ich esse alles, außer Innereien. Und das beinhaltet Zunge.„ Ruben schüttelte sich leicht, als er es nur aussprach. „Ich mag Nudeln, Kartoffeln, alle Arten von Gemüse, ich bin sehr pflegeleicht.„ erklärte er treuherzig. „Mach etwas, das schnell geht, damit du nicht stundenlang in der Küche stehen musst.„
Julian lächelte sanft. „Aber es ist doch Weihnachten.„
Rubens Augen glänzten wie die eines kleinen Kindes. Zuneigung durchflutete sein Herz. So abwegig er es sonst fand, einmal etwas mit einem Mann zu haben, so sehr fühlte er sich von Ruben angezogen. So sehr, das es ihm für den Moment ganz normal erschien und überhaupt nicht mehr fremd.
Nein, er fragte sich sogar, wie es war, wenn er ihn küssen würde.
Prompt überzog ein roter Schimmer seine Wangen und er wandte den Blick ab, denn in seinen Lenden tat sich ebenfalls einiges. Es fühlte sich gut an, aber machte ihn auch unsicher.
Dieses Mal bemerkte Ruben nichts von der Verlegenheit Julians, er erzählte weiter. Das seine Eltern sich nichts aus dem Fest machten und lieber irgendwohin in Urlaub fuhren, dass er schon seit Jahren an Weihnachten nichts mehr vorgehabt hatte und so weiter. Schließlich sah er den anderen direkt an. „Sollen wir dann vielleicht zusammen einen Baum besorgen? Oder hast du schon einen?„ Ruben lächelte etwas schief. „Ich glaube meinen letzten Baum hab ich vor acht Jahren gesehen, bei meiner Exbeziehung....wenn man das so nennen konnte. Wir haben nicht zusammen gewohnt, uns nur ab und an getroffen und wie gesagt, einmal Weihnachten zusammen verbracht.„
Es war, als wären sie bereits zusammen.
Einen Baum besorgen. Daran hatte Julian noch gar nicht gedacht. „Sicher, ich würde mich freuen, wenn du mich begleitest. Dann muss ich ihn auch nicht allein tragen.„ Lachte er und stellte den leeren Teller auf dem Tisch ab.
"Mach ich gern." Ruben nickte zustimmend und überlegte dann weiter. "So etwas wie Baumschmuck habe ich aber nicht. Das hab ich ja auch noch nie gebraucht" sagte er nachdenklich. "Sollte man vielleicht mal über den Weihnachtsmarkt gehen, und da Ideen sammeln. Ich mag Silber und rot, aber auch Strohsterne find ich schön."
Julian lachte leise, hinter vorgehaltener Hand.
„Ich dafür schon. Oder möchtest du gern, einen eigenen Baum?„
Er zog ein Bein unter und betrachte Ruben. Merkwürdig, aber er fühlte sich mit ihm bereits so verbunden, als wären sie seit Jahren befreundet.
„Ich dachte,...du könntest die Weihnachtsfeiertage bei mir verbringen. Also ich meine...komplett, mit Übernachtung.„ Ein verlegenes Lächeln bildete sich auf seinen Lippen.
„Nein, einen eigenen Baum möchte ich nicht. Ich glaube, so weit geht das mit der Feierlaune doch nicht.„ Ruben lachte leise und sah Julian dann groß an. Nun war er an der Reihe, verlegen zu werden und er kratzte sich am Hinterkopf, so zur Ablenkung. Die Gedanken, die grade durch seinen Kopf schossen, waren alles andere als züchtig gewesen. „Wenn du das möchtest...kann ich was trinken und muss nicht mehr mit dem Auto nach Hause fahren. So ein Glas Wein am Abend, Kerzen brennen, das ist sehr gemütlich. Findest du nicht auch?„
In Julians Gedanken lief wohl gerade ein ähnlicher Film ab. Denn ihm wurde heiß und er war glücklich darüber, das er gerade nicht aufstehen musste, sonst wäre das sehr peinlich geworden.
Allein diese Stimme...
Julian zwang sich tief durch zu atmen, seine Gedanken in eine unkeuschere Richtung zu lenken und nickte schließlich. „Klingt gut.„ Seine Stimme dagegen etwas rau, so das er sich räusperte.
Wie schaffte es Ruben nur, allein durch seine Anwesenheit, Julian so schwach zu machen. So sehr zu verwirren, das er im Moment keine Bedenken mehr an Konventionen oder Moralvorstellungen verschwendete. In ihm brach der Mann durch, und der dachte alle zehn Minuten an Sex...Julian jeweils zehn Minuten lang.
Ruben lehnte sich zurück und sah Julian nun erst einmal so richtig an. Süß sah er aus, wie da so saß und seine Ohren war gerötet, es schien ihm auf jeden Fall nicht mehr kalt zu sein.
„Ich freu mich.„ stellte er plötzlich fest und seine Stimme klang weich. „Das erste Mal seit Ewigkeiten freu ich mich auf Weihnachten.„ Ruben lächelte, im Moment fragte er sich gerade, ob er Julian an diesen Tagen wohl mal küssen durfte. So ganz züchtig und unschuldig natürlich...oder aber auch ein wenig heftiger, wenn er ihn denn ließ.
„Darf ich dich küssen, wenn du nachher nach Hause gehst?„ platze er dann plötzlich heraus und sah Julian gleich darauf erschrocken an. Er wollte sich dem anderen doch nicht aufdrängen.
Julian sah auf, überrascht weniger geschockt. Er legte; nicht schützend, sondern als wolle er eine noch nicht erlebte Erfahrung in Gedanken nachvollziehen; seine Finger auf seine Lippen.
Sein Herz schlug wild in seiner Brust, dröhnte in seinen Ohren und ihm wurde heiß und kalt gleichzeitig.
„Willst du mich küssen, bevor ich nach Hause gehe?„ fragte er leise. Er schluckte. Sein Mund wurde plötzlich trocken und das Blut in seinem Kopf ließ ihn schwindeln. Wie im Fieber.
Ruben hatte sich auf einen Wutausbruch mittlerer Klasse vorbereitet und bereits den Kopf eingezogen. Als Julian sprach, war er einen Moment lang so überrascht, dass er nicht antworten konnte.
„Ja!„ kam es dann entschieden von Ruben. Es war ja auch so, warum sollte er es leugnen? „Das würde ich sehr gern.„
Julian saß wie festgefroren da. „Gut.„ War die einzige Antwort, zu der er sich durchringen konnte. Alles andere wäre viel zu forsch gewesen, und außerdem hätte er sich gar nicht getraut. Er lächelte leicht und versuchte seine Finger irgendwie zu beschäftigen.
Ruben saß da, jetzt hatte er gequatscht und wusste nicht, wie er sich weiter verhalten sollte. Irgendwie kam die Befangenheit wieder und er schimpfte sich einen Idioten. „Magst du was anderes trinken? Oder soll ich dir meine Wohnung zeigen? Von meinem Balkon hat man eine wunderschöne Aussicht auf die Dächer der Stadt.„ fragte er dann und streckte die Hand aus. „Komm, ich glaube, ein bisschen frische Luft tut uns ganz gut.„
„Lass uns auf den Balkon gehen.„ Julian zögerte einen Moment, doch dann griff er nach Rubens Hand und ließ sich hochziehen.
Ruben lächelte und zog Julian hoch, und hinter sich her. Er zeigte ihm im Vorbeigehen die Küche und dann ging es durch sein Schlafzimmer auf den Balkon. Er hatte ganz am Anfang, als er eingezogen war, die Zimmer getauscht, da sie gleich groß waren. Und irgendwie fand er die Idee witzig, am Schlafzimmer einen Balkon zu haben. „So..„ meinte Ruben, als sie draußen standen. „Ist das nicht eine tolle Aussicht?„ Fragend sah er Julian an. „Wenn es aber zu kalt wird, sag es, ja?„
Julian errötete bei der Erkundungstour, denn er warf einen prüfenden Blick durch das Schlafzimmer. Ordentlich und sauber.
Auf dem Balkon nickte er lächelnd. „Sicher...oder...„ Er überlegte eine Weile und schmiegte sich dann an Ruben an. „Ich kuschel einfach mit dir, dann wird mir auch warm.„
Um nicht zu sagen heiß, brütend heiß.
Dann brauchte Ruben sicher auch keine Jacke mehr. Seine Körpertemperatur lag im Moment so oder so schon im roten Bereich eines Hochofens. Julian war so unschuldig, auf seine Art wie Calliel und das trieb ihm den Schweiß auf die Stirn. Hey, er war auch nur ein Mann. Er schlang seine Arme kurzerhand um Julians Taille und drückte ihn an sich...aber unaufdringlich. So, dass sich der andere jederzeit wieder lösen konnte, wenn es ihm zuviel war.
„Da wird mir auch mehr als warm„ murmelte er leise.
Julian betrachtete die Aussicht und genoß einfach die Nähe zu Ruben.
Das er einmal so eng bei einem Mann stehen würde, hätte er nie im Leben für möglich gehalten. Vor allem das es sich gut anfühlen würde, ganz anders als bei Victoria.
Er seufzte leise, wohlig.
Rubens Finger machten sich selbstständig, ohne dass er das eigentlich wollte. Er streichelte mit den Spitzen über Julians Seite, genoß die Wärme, die dieser ausstrahlte. Es schneite immer noch und irgendwie sah die Stadt so auch viel schöner aus, wie unter einer Watteschicht und wesentlich ruhiger. „Ein Spaziergang im Schnee wäre jetzt auch was schönes„ sinnierte er leise. „Ich hab das als Kind immer gern gehabt, wenn alles noch so frisch war und noch nicht zertrampelt.„
„Lass uns das doch auf heut Nacht verschieben, wenn du mich heimbringst.„ Meinte Julian leise und verschwörerisch. Er hatte das kosen durchaus bemerkt, und es hinterließ auch seine Wirkung. Er war unerfahren, vielleicht auch naiv; aber er war ein Mann und reagierte auf Reize.
Wie ein Frosch von Galvani.
„Okay.„ Ruben hatte sich vorgebeugt und flüsterte dieses eine Wort in Julians Ohr. Anschließend hauchte er einen Kuss darauf, er konnte sich einfach nicht beherrschen. Der andere fühlte sich gut an in seinem Arm und er schien auch offensichtlich nichts gegen seine Liebkosungen einzuwenden zu haben. Das stimmte Ruben hoffnungsvoll. Vielleicht würde sich doch ganz langsam etwas entwickeln, was über eine reine Freundschaft hinaus ging.
Ganz kurz nur gestattete er sich einen Gedanken an Calliel, aber er wurde gleich wieder von Julians Person gefangen genommen.
Über Julians Körper breitete sich eine feiner Gänsehaut aus. Der heiße Atem, der sein Haut striff und die sanften Lippen. Seine Knie wurde ganz weich und er musste sich an Ruben festhalten.
Gab es so etwas tatsächlich? Liebe die einen so unerwartet und plötzlich traf? Oder nicht Liebe. Anziehung? Leidenschaft? Purer Sex?
Zumindest machte er Julian ganz schwach und seine Vorhaben, Prinzipien rückten in weite Ferne. Wurden uninteressant.
Julians Hände erfühlten unter dem Pullover eine breite, männliche Brust und in seinem Kopf begann alles zu schwirren. Er atmete hörbar aus und seine Hose wurde zunehmend enger.
Wie konnte das sein? Es brach wie eine Naturgewalt über ihn.
Ruben zog scharf die Luft ein, als er Julians Hände auf seiner Haut fühlte. Dessen Reaktion war ihm nicht verborgen geblieben, kämpfte er seit einer Weile doch auch mit dem gleichen Problem. Seine Hose war schon längst zu eng und sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Nichts mehr war übrig von dem souveränen Banker, den nichts aus der Ruhe brachte. Vorsichtig und doch zielstrebig brachte Ruben seine Hände an Julians Hüften und drückte ihn enger an sich, so das er die Beule in seiner Hose spüren musste.
Julian jappste auf und schloss sogleich erschrocken den Mund.
Erst nach Weile wagte er es aufzusehen, auch wenn er beschämt Rubens Blick auswich. Er wusste so überhaupt nicht was er jetzt tun sollte, konnte oder durfte.
Da stand er nun: Mit einem Fremden im Schnee und einer prall gefüllten Hose, dazu Emotionen die er nirgends einordnen konnte und die ihn förmlich überfluteten.
Ruben hielt Julian einfach nur fest, machte sonst nichts weiter. Er wollte ihn nur fühlen lassen, das seine Anwesenheit und vor allem seine Nähe ihn nicht unbeeindruckt ließ. Nach einer Weile sah er auf und suchte Julians Blick, was sich als schwierig erwies, da dieser immer auswich.„ Julian..„ sagte Ruben leise. „Sieh mich an.„
„Ich...kann nicht.„ Jammerte Julian verlegen, vergrub das Gesicht an Rubens Halsbeuge und war froh, das es bereits dunkel wurde.
Die Verlegenheit stand in großen Leuchtbuchstaben über seinem Kopf, genauso wie das Verlangen, nur in kleinerem Verhältnis.
„Du bist süß.„ stellte Ruben fest und legte Julian einen Finger unters Kinn, zwang ihn sanft, ihn anzusehen. Er verlor sich in den Augen des anderen und hätte wahrscheinlich auch nicht mehr reagiert, wenn neben ihm eine Bombe eingeschlagen hätte. Ganz wie von selbst näherten sich seine Lippen denen Julians, bis sie sich auf dessen legten und ihn küssten.
„Nein, nur furchtbar schüchtern.„ Der Rest den Julian sagen wollte, blieb ihm im Halse stecken.
Er dachte er müsse sofort in Ohnmacht fallen. Seine Augenlider fielen wie mit Blei beschwert nach unten und er drückte sich automatisch näher an Ruben.
Die Kälte machte ihm überhaupt nichts mehr aus.
Ruben hatte die Arme um Julians Taille gelegt, küsste ihn sanft und stuppste mit seiner Zungenspitze gegen dessen Lippen, bat um Einlass. Er hätte ewig so stehen bleiben können, konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal so intensiv geküsst und gefühlt hatte. Es musste Jahre her sein. Nach einer Weile löste er sich von Julian, sah ihn atemlos und mit einem zärtlichen Lächeln an. „Alles okay?„ fragte Ruben leise, ließ den anderen aber nicht los.
„Wenn man das so nennen kann...„ flüsterte Julian, lächelte leicht.
„Mir ist kalt.„ Murmelte er schließlich und löste sich etwas von Ruben, überlegte es sich aber wieder anders. Denn die Beule in seiner Hose, war nicht nur fühlbar sondern auch weithin sichtbar.
„Dann sollten wir wieder reingehen und uns auf das Sofa setzen.„ meinte Ruben und wollte sich in Bewegung setzen, als er Julians Zögern bemerkte. Er stutzte, dann kam ihm aber eine Erleuchtung und er begann zu schmunzeln. „Julian, du musst dich nicht genieren. In meiner Hose sieht es genauso aus.„ murmelte er ihm ins Ohr und küsste ihn wieder darauf. „Komm, sonst erfrierst du mir hier.„
Warum eigentlich das Sofa...
Julian nickte zögernd und hielt sich beim Laufen hinter Ruben. Hatte dadurch einen Ausblick auf die knackige Heckpartie und errötete erneut. Wenn er immer gezweifelt hatte, auf Kerle zu stehen. Jetzt war er wohl eindeutig eines besseren belehrt worden.
In der Wärme der Wohnung rieb er sich die Hände und bald begannen die Ameisen an seinen Ohren zu kauen.
Ruben schloß die Balkontür sorgfältig hinter ihnen. Sie standen noch immer im Flur, als Julian sich die Hände rieb. Spontan umarmte er ihn und rubbelte zärtlich seinen Rücken. „Schon wärmer? Ansonsten entführe ich dich ins Bett und wir kuscheln uns unter die Decke.„ So, jetzt hatte er es einfach gesagt. Mal sehen, was passieren würde.
Als aller erstes wurde Julian knallrot.
„Das klingt... sehr warm.„ Hörte sich das nur in seinen Ohren so bescheuert an?
Unschlüssig stand er im Flur und wartete, das Ruben etwas tat. Schließlich war er der Aktivere Part auf diesem Gebiet.
„Das ist... sehr warm.„ Ruben schmunzelte über die Wortwahl und zog Julian kurzerhand zurück ins Schlafzimmer. Die Türe wurde ins Schloss gedrückt und vorsichtshalber drehte er den Schlüssel herum, wusste er doch nicht, wie neugierig Calliel war.
Ruben trat zu seinem Bett und schlug die Decke zurück, zog sich ungeniert den Pullover und die Jeans aus und setzte sich auf die Bettkante. Ohne ein weiteres Wort breitete er die Arme aus und wartete, sah Julian nur an.
Julian fühlte sich merkwürdig. Warum schloss Ruben ab?
Im Moment dachte er in keinster Weise an den Engel...Mitbewohner.
Da sein Puls aber immer noch raste und er viel zu fasziniert von dem herrlichen Anblick war; schmiss er sämtliche Bedenken über Bord und folgte Rubens Beispiel.
Er entledigte sich seine Kleidung. Sich der Beule in seiner Unterhose nunmehr bewusst, da auch deutlicher sichtbar.
Er war froh, dass das Licht im Schlafzimmer aus war. Er sah Rubens Umrisse, noch war es nicht ganz dunkel, aber es reichte aus, das Julian sich sicherer fühlte.
Seine blasse Haut hob sich vom dunklen Hintergrund ab und fühlte sich genauso kühl an, wie sie aussah, als er sich an Ruben schmiegte.
Ruben ließ sich rücklings auf das Bett fallen, mit Julian im Arm und rollte sich herum. Dann nahm er die Decke, zog sie hoch und stopfte sie fest. Ganz dicht zog er den anderen an sich heran, streichelte mit den Fingerspitzen die kühle Haut. „Du bist eiskalt„ stellte Ruben flüsternd fest und küsste ihn auf die Nasenspitze. „Aber warte, gleich wird es warm.„ Mit einem Lächeln begann er, Julian ein wenig zu rubbeln, damit dessen Haut sich erwärmte. Dabei konnte er nicht vermeiden, das ihre Erregungen sich berührten, was ihm ein leises Stöhnen entlockte.
Man konnte es als fasziniert bezeichnen, wie Julian Ruben betrachtete.
Dieser Mann war zurückhaltend und liebevoll. Und er fragte sich wieso? Ganz unbeleckt war er nun nicht.
„Küss mich...noch einmal.„ Bat er ihn, befreite seine Arme und vergrub beide Hände in dem weichen Haar.
Ruben wollte es nicht versauen und außerdem war er so ein Typ. Lieber langsam angehen lassen und niemanden verschrecken. Und Julian machte nunmal den Eindruck eines verschreckten Kaninchens.
Dessen Aufforderung kam er nun zu gerne nach, küsste den anderen, zuerst sanft, dann jedoch vertiefte er den Kuss, ließ ihn leidenschaftlicher werden. Seine Hände wanderten wie von selbst nach unten, legte sich auf Julians Hintern und begann, diesen zu massieren.
Calliel klebte mit einem Ohr am Türblatt und mit einem Auge am Schlüsselloch, abwechselnd. Er grinste und lehnte sich mit dem Rücken dagegen.
Es war schön zu sehen, das es den beiden gut ging. Sie waren sowieso wie geschaffen füreinander.
Als der Engel wieder ins Wohnzimmer ging, fand er eine weitere Feder vor. Seine dritte nun.
Im Moment musste er nicht mehr viel machen, das schafften die Zwei auch allein.
Er fiel auf die Couch und nahm sich die Fernbedienung. Uriel war süchtig nach Schokolade, da konnte er süchtig nach Fernsehen werden.
Wie auf das Stichwort materialisierte sich der Genannte in der Küche und kramte im Kühlschrank herum. Keine Schokolade, was war denn das für ein Haushalt. Uriel ging hinüber ins Wohnzimmer und betrachtete die Schokotorte, die noch auf dem Tisch stand. Dann ließ er sich ohne ein weiteres Wort in einen Sessel fallen. „Zuviel Fernsehen macht blöde.„ bemerkte er.
„Dann musst du ja förmlich übersättigt damit sein.„ Erwiderte Calliel bissig, der die Präsenz des Engels gespürt hatte. Er sah Uriel an. „Was machst du hier? Ich habe dich nicht eingeladen, und Ruben auch nicht.„
„Ruben ist beschäftigt und kann mich nicht einladen. Und außerdem, sei nicht so frech zu mir, immerhin bin ich dein Vorgesetzter.„ Uriel beugte sich vor und schnippte Calliel gegen die Stirn. „Frecher Engel.. Mich als blöd zu bezeichnen. Biete mir lieber ein Stück Schokotorte an.„
Calliel starrte den anderen verdattert an, die Hand an seiner Stirn.
Er reichte ihm den Kuchen und wurde ich dann erst bewusst, was eigentlich gerade passiert war.
„Verflixt...es ist mir egal, das du mein Vorgesetzter bist. Deswegen muß ich mich nicht von dir bequatschen lassen.„
Uriel griff gierig nach dem Teller, nahm einen Bissen Torte und seufzte zufrieden. Dann runzelte er die Stirn. „Calliel...das nennst du bequatschen? Das sieht bei mir anders aus.„ stellte er zwischen zwei Bissen fest.
„Nerv mich nicht!„
Versendete Calliel seine Botschaft nochmals. „Was willst du eigentlich hier? Hier in dieser Wohnung?„ fragte er misstrauisch.
„Ich bin ein Engel Ich nerve nicht.„ stellte Uriel klar. „Ich helfe.„ Er sah ihn an und zuckte die Schultern. „Ich wollte sehen, was du so machst. Deswegen bin ich hier, in dieser Wohnung. Und da ich wusste, das Ruben beschäftigt ist, umso besser.„
„Ich habe aber keinen Bedarf dich zu sehen. Also, wie du gemerkt hast, schau ich fern, jetzt kannst du wieder gehen.„ Bemerkte Calliel kühl und blickte demonstrativ auf die Mattscheibe, auch wenn er gar nicht wirklich mit bekam was gerade da passierte.
Jetzt hatte er wirklich einen Grund, sauer auf Uriel zu sein.
Auch wenn er irrational war...
Uriel seufzte leise, warum wurde er immer missverstanden? Das war wahrscheinlich Engelsschicksal. Aber das sie sich untereinander auch nicht verständigen konnten, das war schon hart.
„Es geht nicht darum, was du tust und ob du mit deinem Auftrag klarkommst.„ sagte er schließlich. „Es geht schlicht und einfach darum, das ich dich gern sehen wollte.„
„Das ist mir egal.„ Calliel knipste den Fernseher aus und erhob sich.
„Wir werden uns mit Sicherheit im Himmel wieder über den Weg laufen. Hast du nicht noch ein paar Menschen auf Erden, die du beglücken kannst?„ fragte er spitz und wanderte um die Couch herum, sah Uriel nicht an.
„Verdammt, Calliel.„ Uriel würde für diesen Fluch wieder einmal Abbitte leisten müssen, aber im Moment war ihm das egal. „Du kapierst es nicht, oder? Ich habe hier niemanden, den ich beglücken will. Denkst du, ich hüpfe von Blume zu Blume wie eine alberne Biene, oder was? Meine Erfahrung mit einem Mensch ist lange Jahre her und hat mich lange Jahre Buße gekostet. Hast du dich nie gefragt, warum immer nur Michael, Rafael und Gabriel erwähnt werden, wenn von den Erzengeln die Rede ist? Vielleicht solltest du dem Klatsch im Himmel mal mehr Aufmerksamkeit schenken.„ Der Engel erhob sich von der Couch und warf Calliel noch einen Blick zu, bevor er verschwand. Dass er das schwarze Schaf der vier Erzengel war, das musste doch sogar schon bis zu Calliel vorgedrungen sein...oder nicht?
„Deine Prominenz hat darunter gelitten...eine schwere Buße.„ meinte Calliel sarkastisch. Er schenkte dem Getratsche nun mal keine Aufmerksamkeit, wozu auch. Die meisten Gerüchte enthielten zwar einen Körnchen Wahrheit, aber die war meist so verdreht, das es trotzdem nur ein Hirngespinst blieb.
Außerdem, was ging ihn Uriel an? Er hatte seine eigenen Probleme...mit Uriel.
Seufzend fiel er auf die Couch, nach einem kurzen Blick zu Rubens Schlafzimmer, verschwand auch er.
Die beiden waren im Moment mit sich selbst beschäftigt.
Ruben hielt Julian im Arm und strich ihm eine verschwitzte Haarsträhne aus der Stirn. Selbst wenn er gewollt hätte, er hätte von Calliels Problemen nichts mitbekommen, dazu war er selbst viel zu glücklich und aufgewühlt. Er sah Julian an und lächelte. „Wie geht es dir?„ fragte er leise.
Julian hielt die Augen geschlossen, lächelte leicht als er meinte.
„Erschöpft, glücklich...und mir tut der Hintern weh.„ Gluckste er leise. Er öffnete die Augen und betrachtete Rubens Konturen im seichten Licht der Straßenlaternen. „Und ich fühl mich irgendwie unwirklich.„ fügte er leise an.
„Hm, ich weiß, was du meinst.„ Ruben beugte sich hinunter und küsste Julian zärtlich, bevor er sich wieder neben ihn legte und seine Finger ihr Streicheln wieder aufnahmen. „Ich bin glücklich, wie schon lange nicht mehr. Und gleichzeitig bin ich versucht, mich zu ohrfeigen um festzustellen, ob ich nicht vielleicht doch nur träume.„
Julian leckte sich über die noch immer leicht geschwollenen Lippen.
„Das auch, aber...ich kann es gerade gar nicht realisieren, das ich das hier getan habe. Verstehst du?„
Zögernd streckte er einen Arm aus und begann schließlich über Rubens Oberarm zu streicheln. Er erfühlte sich feinen Härchen und die kleinen Unebenheiten.
Schließlich zwickte er ihn sanft und grinste, als Ruben die Luft einzog.
„Du träumst nicht.„ Gluckste er, hatte sich aufgesetzt und betrachtete ihn ein wenig verträumt.
Ruben zuckte zusammen und musste dann schmunzeln. „ Biest.„ murmelte er, griff nach Julians Oberschenkel und drückte ihn liebevoll. „Wieso das getan? Du hast mir doch gesagt, dass du nicht hetero bist. Oder habe ich da was falsch verstanden?„
Julian bekam prompt rote Ohren. Er raffte die Decke um sich, da es kalt wurde und sah aus dem Balkonfenster hinaus, beobachtete die dicke Flocken dabei, wie sie langsam auf den Boden herabsanken, im Lichtschein der Laterne.
„Kapierst du grad nicht...das du...der Erste warst.„ Murmelte er fast unhörbar.
Ruben sah aus, als wäre ihm so eben Christus persönlich begegnet. Das hatte er wirklich nicht bemerkt, er hatte angenommen, Julian sei einfach nur schüchtern. Nun war er etwas konsterniert und er griff nach der Hand des anderen. „Entschuldige. Hab ich...hab ich dir wehgetan?„ fragte er leise, besorgt. „Ich bin ein Depp, ich hab das wirklich nicht bemerkt.„
Julian grinste schief, als er Ruben ansah. „Ich befürchte, dafür ist es gerade ein bisschen spät, oder?„ Er seufzte leise. „Außerdem, hab ich dir den Eindruck vermittelt, Schmerzen zu empfinden.„ Wieder kroch die Röte über seine Wangen.
„Nein, deswegen ja. Ich dachte, du bist einfach nur schüchtern.„ Ruben lächelte mehr als verlegen und seine Ohren wurden rot. Er machte sich hier grade zum Affen, zumindest hatte er das Gefühl. Naja, kein Wunder, im zwischenmenschlichen Bereich hatte er eindeutige Defizite. Also machte er das Einfachste, er stemmte sich hoch und küsste Julian auf die Lippen. „Bleibst du heute Nacht bei mir?„ fragte er dann leise.
„Willst du mich denn sonst rausschmeißen?„ fragte Julian schmunzelnd, erwiderte den Kuss.
Er schlug die Enden der Decke um Rubens Schultern, wärmte ihn, zog ihn so unter seine schützende und wärmende Höhle.. „Du bist ganz kalt...„ wisperte er an seinen Lippen.
„Aber nie.„ Ruben kuschelte sich an und schloß die Augen. Schön war es und er seufzte zufrieden. „Sicher, das du kein Engel bist?„ fragte er nach einer Weile leise. „Es kommt mir nämlich so vor.„
Julian lachte leise. „Damit müsstest du dich doch auskennen, oder nicht? Immerhin ist dein Mitbewohner einer, oder etwas nicht?„
Er sah auf Ruben hinunter und streichelte durch sein Haar, spielte hier und da mit den dunklen Strähnen.
„Naja, ich bin kein Experte, was das betrifft. Aber ich muss Calliel Abbitte leisten. Auch wenn ich nicht flirten kann und mich selten dämlich anstelle, was zwischenmenschliches betrifft, ich habe dich kennen gelernt. Wenn ich dich auch erst angeblafft habe.„ Ruben öffnete die Augen und sah Julian an, dass, was er in diffusen Licht der Straßenlaternen von dessen Gesicht erkennen konnte.
Julian lächelte sanft. „Oh ja, das hast du. Aber, das hat mich nicht abgeschreckt, schließlich warst du beim zweiten Treffen weitaus netter und sympathischer.„
„Was glaubst du, macht dein Engel? Ich habe zumindest nie Wasser rauschen hören.„
„Ich weiß nicht. Calliel kommt und geht, wie er will. Ich denke mal, er hat sich diskret zurückgezogen. Vielleicht sitzt er im Wohnzimmer und sieht fern.„ Ruben strich mit den Fingerspitzen Julians Oberarm entlang.
„Es gibt noch einen Engel, der hier ist...ein rothaariger names Uriel. Und ich glaube, dass Calliel den sehr mag, es aber nicht zugeben will.„
Julian schraubte die Brauen hoch.
„Schwule...Engel.„ bemerkte er langsam und betrachtete Ruben. „Naja, sie sind ja eigentlich geschlechtslos. Sehr bezeichnend, das beide sich einen Männerkörper gesucht haben.„
„Keine Ahnung, warum. Vielleicht dachte Calliel, das er in einem Männerkörper besser an mich herankommt.„ Ruben lächelte und zuckte die Schultern. „Jesus soll ja auch was mit Johannes haben„ fiel ihm plötzlich ein. „Und wenn sie geschlechtslos sind, ist es doch so oder so egal, sie mögen sich...ob als Mann oder Frau. Das innerste bleibt in dem Fall ja das gleiche.„
Julian starrte Ruben an. „Jesus und...das stellt ja sogar, den DaVincicode in den Schatten.„ Murmelte er.
„Aha, du gehst also schon davon aus, das beide sich mögen.„ Schmunzelte er dann. „aber...ist das denn so einfach? Ich meine, selbst hier auf Erden, haben die Menschen Probleme damit, zitieren die Bibel...„
„Ich weiß es nicht. Calliel spricht nicht darüber, aber ich denke schon, dass er Uriel mag. Nur ist Uriel ein Erzengel, sein Boss sozusagen und das macht es sicher nicht einfacher.„ Ruben seufzte leise, Calliel tat ihm leid und er wusste so gar nicht, wie er ihm helfen konnte. „Die Menschen...die machen sich ihre Probleme selber. Und ich glaube, das alles, was in der Bibel steht, Auslegungssache ist. Aber ich kenn mich nicht aus, ich wurde als Atheist erzogen. Meine Eltern waren Hippies und hatten mit Gott nichts am Hut.„
„Naja, aber von ungefähr kommt es ja nun nicht.„ Julian seufzte leise, auch ihm tat der Engel plötzlich leid.
Dann musste er allerdings leise lachen. „Hippies? So richtig?„
„Ja..so richtig. Kommune, freie Liebe und was weiß ich nicht noch alles.„ Ruben räusperte sich etwas verlegen. „Und ich mit ein paar anderen Kindern mittendrin.„
„Andere Kinder? Du hast Geschwister? Oder Kinder von anderen?„ fragte Julian neugierig nach.
„Nein, keine Geschwister. Kinder von Mitgliedern der Kommune. Vielleicht war mein Vater auch der Vater von einem der anderen, die nahmen das nicht so genau. Aber rausgekommen ist das nie.„ Ruben zuckte die Schultern. „Wahrscheinlich bin ich deswegen so ein biederes Kerlchen.„
Julian lachte. „Bieder? Du?„
Er umschlang ihn mit beiden Arme, drückte ihn und küsste seine Lippen, als er über ihn beugte.
„Ich habe nur noch eine Schwester. Die ist Älter als ich.„
Ruben stimmte in das Lachen ein. „Naja, stimmt doch. Ich gehe einer geregelten Arbeit nach und mache keine One Nights. Als Schwuler bist du da schon bieder.„ Er erwiderte den Kuss und strich Julian durch die Haare. „Siehst du sie oft, deine Schwester? Und was ist mit deinen Eltern?„
Julian seufzte leise.
„Meine Schwester schon, und meine Eltern viel zu oft.„ Er verdrehte die Augen. „Das Einkaufszentrum in dem ich arbeite, gehört meinem Vater...„ er verzog das Gesicht. Das stellte wohl alles klar.
„Ah.„ Ruben sah Julian an. „Dann ist deine Familie nicht gerade mittellos. Meine Eltern reisen sehr viel, sind immer unterwegs. Das ist von ihrer Hippiezeit mit Freiheit und so noch übrig geblieben. Ansonsten sind sie gegen später wirklich spießig geworden...arbeiten und leben in einer Wohnung, keinem Wohnwagen.„ Er grinste. „Allerdings hat es auch einen Vorteil, sie stören sich nicht an meiner Homosexuälität.„
„Das ist doch toll.„ Julian lächelte leicht, aber nicht wirklich überzeugend. „Wenn du nichts dagegen hast...ich habe Durst und würde mir gern etwas holen.„
„Deine Eltern wissen es noch nicht, hab ich recht?„ fragte Ruben leise nach und nickte dann. „In der Küche sind alle mögliche Arten von Saft und Mineralwasser. Bringst du mir ein Glas Wasser mit?„
„Sicher.„ Julian nutzte die Gelegenheit um sich eine kleine Auszeit zu nehmen und dachte an Rubens Wasser. Er seufzte leise. Und was seine Eltern betraf...wie Recht er hatte.
Ruben lehnte sich zurück und sah an die Decke. Er hatte sich so etwas schon gedacht, sonst wäre Julian nicht so zurückhaltend. Calliel fiel ihm ein und er fragte sich, was der Engel wohl grade machte. Er würde ihm so gern helfen. Vielleicht sollte er ja mal zusehen, dass er diesen Uriel auftrieb...und mit dem reden.
Calliel saß im Park auf der Bank und unterhielt sich mit den Schwänen und Enten, die auf dem Teich schwammen und immer in seiner Nähe blieben.
„Es wird Zeit das ich mich von Ruben verabschiede...„ murmelte er dem Schwan zu. „Ich habe meine drei federn bereits. Es war aber auch einfach.„
Uriel war in der Nähe, er beobachtete Calliel, wollte aber nicht zu ihm gehen. In der Nähe des anderen Engels fühlte er sich immer irgendwie befangen, auch wenn er sich das natürlich nicht anmerken ließ.Er lehnte gegen den Baumstamm und dachte nach. Wenn sie wieder im Himmel waren, würden sie sich zwangsläufig so gut wie gar nicht mehr sehen. Sie waren in verschiedenen Abteilungen und hatten ihren Aufgaben. Zudem waren auch immer andere um sie herum, sie waren nie allein. Uriel hatte das noch nie so gemerkt, aber er wollte eigentlich mit Calliel allein sein, mit ihm allein reden. Und wenn er es hier versuchte, dann war der andere nur garstig zu ihm. Sehr toll.
Calliel seufzte leise und wandte sich in Richtung Uriel.
„Du musst nicht im dunklen lauern und mich beobachten.„ Bemerkte er. Spürten sie doch einander.
Uriel stieß sich vom Baumstamm ab und kam näher. „Na, wenn ich mich neben dich setze, dann bist du gleich wieder garstig.„ bemerkte er. „So wie vorhin.„
Calliel seufzte und sah auf den Teich hinaus. Die Schneeflocken fielen um die beiden Engel herum, berührten sie nicht.
„Meine dritte Feder habe ich heute bekommen. Ruben hat es mir richtig einfach gemacht, oder aber es hat wirklich nur der kleine Schubs gefehlt. Und die von oben hatten etwas anderes im Sinn, als sie mich hierher schickten.„
„Was hatten sie im Sinn?„ fragte Uriel nach. „Es ist doch schön, dass du deine dritte Feder so schnell bekommen hast. Bald bist du wieder im Himmel. Nur leider werden ich dich dann kaum noch sehen.„
„Ich brauche nicht mehr viel. Ich muß meine Sünde nur aufrichtig bereuen, dann kann ich zurück. Aber, wenn ich um das zu tun müsste ich lügen oder mich selbst verleugnen. Und beides will ich nicht.„ Meinte Calliel nachdenklich.
„Beides wäre eine weitere Sünde vor dem Herrn.„
Uriel betrachtete Calliel nachdenklich. „Es wäre auch nicht richtig, weder dir gegenüber noch dem Herrn gegenüber. Aber in erster Linie dir gegenüber. Es sind Dinge, die du für dich entscheiden und mit denen du klarkommen musst.„ sagte er dann.
„Und etwas auf Lügen oder Selbstverleumdung aufbauen, kann nicht gut gehen. Zumindest nicht auf Dauer.„
„Da hast du wohl Recht.„ Stimmte Calliel ihm zu und wandte sich Uriel zu, lächelte.
„Dann habe ich meine Entscheidung wohl getroffen.„ Er streckte die Hand aus und berührte sanft die Wange des anderen Engels, zwang dessen Gesicht sich ihm zuzuwenden. Calliel lächelte noch immer und küsste ihn sanft auf die Lippen.
„Ich liebe dich...„ meinte er leise „...und das ist wohl die schwerste Sünde. Der Herr ist nicht mehr mein oberster Hirte.„
Langsam löste sich der Engel auf und ließ Uriel, dem er endlich das sagen konnte, was er immer wollte, zurück.
Uriel saß da wie vom Donner gerührt, doch bevor er reagieren konnte oder vielleicht auch etwas sagen, hatte sich Calliel aufgelöst. Na toll. Löste sich auf und ließ ihn hier mit wirren Gedanken und noch wirreren Gefühlen zurück.
Uriel hatte sehr wohl eine Ahnung davon, wie Calliel sich fühlte, hatte er sich schließlich bei seinem ersten Ausflug auf die Erde in einen Menschen verliebt, für den er bereit gewesen war, alles aufzugeben. Leider hatte das Schicksal etwas anderes geplant und welche Ironie, sein Geliebter kam bei einem Zugunglück ums Leben. Seither machte er einen großen Bogen um Menschen. Für seine angebliche Sünde hatte er gebüßt, wobei er bis heute noch nicht begriffen hatte, warum es eine Sünde sein sollte, jemanden zu lieben...zu begehren.
„Du bist ein Idiot, Calliel„ sagte Uriel laut und deutlich. „Kannst du dir nicht vorstellen, dass es mir genauso geht?„
Ohne darüber nachzudenken, kehrte Calliel in Rubens Wohnung zurück. Direkt in dessen Schlafzimmer.
Julian fuhr erschrocken zusammen und starrte den Engel groß an. Er verkniff sich den Kommentar, das er von anklopfen wohl nicht viel hielt.
Ruben, der gerade damit beschäftigt war, Julians Halsbeuge mit den Lippen zu liebkosen, hielt inne, als er dessen Zusammenzucken bemerkte. Er hob den Kopf und bemerkte Calliel. „Calliel...was gibt es?„ fragte er, denn das der Engel aufgewühlt war, konnte man sehen.
Das er gerade störte, interessierte Calliel diesmal nicht.
„Ich wollte mich nur verabschieden.„ Meinte er lächelnd. „Meine Arbeit hier ist getan. Wobei ich eigentlich gar nicht soviel gemacht habe. Das wart ihr beide allein. Und ich wünsche euch alles Glück der Welt.„
Julian betrachtete Ruben anklagend. Den schien es nicht mal zu stören, das sein Mitbewohner einfach reinplatzte.
Ruben sah Calliel etwas schockiert an. „Du gehst? Einfach jetzt schon?„ Er wandte den Blick zu Julian und lächelte diesem entschuldigend zu, drückte seine Hand. „Was ist mit Uriel?„ sagte er dann zu dem Engel.
„Meine Zeit ist gekommen. Und was Uriel betrifft...er weiß endlich Bescheid.„ Calliel zuckte die Schultern. „Leb wohl Ruben. Auch wenn die Zeit die ich hier war, sehr kurz war, ich habe sie wirklich genossen.„ Er schenkte ihm einen Handkuss.
„Wie, er weiß Bescheid? Und was hat er dazu gesagt?„ Ruben war verwirrt und eigentlich hatte er sich ja auch schon an den Engel gewöhnt, und es war doch schwerer, loszulassen.
„Ich danke dir Calliel, für alles, was du getan hast. Ich werd dich vermissen.„ meinte er dann schließlich leise, während er Julian an sich zog. Er brauchte ein wenig Wärme und Nähe.
„Was soll er schon gesagt haben.„ Calliel lächelte sanftmütig. „Es ist wie es ist.„
Als der Engel sich diesmal in Luft auflöste, tat er es nicht wie sonst. Seine Gestalt wurde von einem blendenden Schein erhellt, der immer mehr zunahm, bis er Calliel vollkommen verschluckt hatte. Die Umrisse zweier Flügel waren zu sehen.
So stellte man sie sich vor: Lichtwesen. Und sie sahen sie auch aus, da oben, über der Erde, im Himmel.
„Halte dein Glück fest, Ruben. Du weißt was geschieht, wenn du ein Stoßgebet gen Himmel schickst.„ Man konnte das Schmunzeln heraushören, und dann war der Engel verschwunden.
Ruben sah Calliel nach, mit einem lachendem und einem weinenden Auge. Dann sah er Julian an. „Das wars jetzt wohl„ meinte er etwas wehmütig. „Aber zum Glück hab ich ja dich.Und ich hoffe, du löst dich nicht auch einfach in Luft auf.„