Friedrich war nervös. Heute sollte er seine neue Arbeitsstelle antreten. Seine erste richtige seit seinem Studium. Dementsprechend aufgeregt war er als er das Gebäude des Schleswiger Boten betrat.
Journalist war das, was er schon immer machen wollte und jetzt war er seinem Traum zum Greifen nahe.

Allerdings musste Friedrich zugeben, dass es ein kultureller Schock gewesen war - vom Studium in Berlin hierher zu kommen. Nach Schleswig, das in seinen Augen ein Kaff war.
Allerdings konnte man sich als Anfänger keine großen Ansprüche leisten und er wollte sich erst einmal seine Lorbeeren verdienen. Bleiben musste Friedrich ja nicht und er wollte es auch auf keinen Fall. Eine Großstadt; eine Großstadtzeitung, das war sein Ziel.

Er meldete sich bei der Empfangsdame und wurde kurze Zeit später in das Büro seiner Chefin gebeten. Anne Olm war eine schlanke Frau in den Vierzigern und musterte Friedrich mit einem wohlwollenden Blick. Friedrichs Nervosität legte sich und er lächelte. Die Reaktion kannte er. Bei seinem Aussehen ging er immer als der liebe, nette Junge durch, der keinen Ärger machte. Der Typ idealer Schwiegersohn eben.
“Moin, Herr Lüders.” Anne deutete dem jungen Mann mit der Hand sich zu setzen. “Ich freue mich, dass Sie bei uns anfangen werden.”

“Moin, Frau Olm. Die Freude ist ganz auf meiner Seite.” Friedrich reichte ihr die Hand und setzte sich dann. “Ich werde Sie nachher herumführen und mit den anderen bekannt machen. Aber ich denke Sie werden uns später genauer kennen lernen müssen, denn ich habe da schon einen Auftrag für Sie.”

Frau Olm lehnte sich etwas nach vorne. “In Brodersby gab es eine angebliche Ufosichtung. Ich möchte, dass Sie dorthin fahren und mit den Leuten vor Ort sprechen. Ich glaube nicht, dass da was dran ist. Aber man kann ja nie wissen.”

Friedrich war etwas überfahren. “Brodersby?” Wo um alles in der Welt lag das? Und eine Ufosichtung? Wie schräg war das denn?

“Ist ein beschauliches kleines Dorf. Sie werden es mögen.” Frau Olm lehnte sich wieder auf ihrem Stuhl zurück. Es war ein Test. Mal sehen was der Frischling aus der Story machen würde. Friedrich lächelte. Ein Dorf also. Na schlimmer konnte es ja nicht mehr werden. “Wie lange soll ich dort bleiben?” “So lange wie Sie für die Geschichte brauchen. Ich möchte, dass Sie alles gründlich nachprüfen.” Frau Olm erhob sich. “Und jetzt kommen Sie; ich zweige Ihnen Ihren zukünftigen Schreibtisch und stelle Sie Ihren Kollegen vor.”

Friedrich folgte ihr. Seine neuen Kollegen waren ausnahmslos nett und freundlich und manche wahrscheinlich schon in dem Geschäft, seit Gott Himmel und Erde geschieden hatte. Lange allerdings konnte er sich nicht ihrer Gesellschaft erfreuen, denn Frau Olm drückte ihm eine Straßenkarte in die Hand. Zeigte ihm wo Brodersby lag und gab ihm noch ein paar Informationen.

Nach gute einer Stunde befand sich Friedrich wieder auf der Straße und stieg in seinen kleinen Citröen, um den komischen Ort aufzusuchen.

Wer auch immer ein Ufo gesehen und darüber gesprochen hatte – Lennart Jacobs war es nicht gewesen. Der junge Hufschmied hing zwar mit einer Affenliebe an seiner Windmühle, aber an Ufos glaubte er nun wirklich nicht. Da stand er mit beiden Beinen im Leben. Auf sicherem Boden.

Ihr Dorf war nicht groß und sicher nicht der Nabel der Welt, aber Lennart lebte gern hier. Und er konnte sich auch keinen schöneren Ort vorstellen. Einige Jahre hatte er wo anders gelebt. Doch es wäre ihm nie in den Sinn gekommen von hier endgültig wegzugehen. Da der Ort auch vom Tourismus lebte, fiel der kleine Citröen mit dem Hamburger Kennzeichen auch gar nicht auf.

Lennart war eben dabei – mit Hilfe des Kneipenwirtes Hendrik – eine schmiedeeisene Tür von seinem Pickup zu heben. Dabei schwitzten die zwei Männer doch sehr stark. Das Ding war ziemlich schwer und dieser Junitag war auch besonders warm.

Friedrich fuhr langsam die Straße entlang und sah sich immer wieder um. Endlich hatte er Brodersby gefunden, nachdem er schon gedacht hatte, er käme niemals mehr an. Gott, was für ein Nest. Mit ländlich hatte Frau Olm sicherlich untertrieben, Friedrich war ja schon froh, dass die Straße geteert war. Auf der rechten Seite stand ein Pickup und zwei Männer luden etwas aus. Die Gelegenheit nutzte er, um ein Stück weiter vorne rechts ranzufahren und den Wagen abzustellen. Friedrich würde nach dem Weg fragen. Ansonsten würde er die Pension, wo der Ufoseher wohnte, niemals finden. Er stieg aus und streckte sich. Dann lief er auf die beiden Männer zu. „Tach. Können Sie mir vielleicht weiterhelfen?“

Endlich hatten sie das Teil vom Wagen gehoben und gegen die Hausmauer von Hendriks Kneipe gelehnt. Einen Rahmen für die Tür hatte Lennart schon vor einigen Wochen fertig gestellt und auch angebracht. Es war jetzt nur mehr ein Kinderspiel die Tür einzuhängen. Lennart war stolz auf sich. Es war wirklich eine sehr kunstvolle Arbeit geworden. Ganz so, wie er es gelernt hatte. Natürlich hatte er Fotos davon gemacht und seinem ehemaligen Lehrherrn geschickt. Das machte er mit allen Auftragsarbeiten. Lennart dokumentierte einfach alles.

„Kommt drauf an?“ Lennart richtete sich ächzend auf und strich sich die etwas verschwitzten Haare zurück. Also hinters Ohr, denn er hatte ja auch einen Haargummi auf, damit ihm die Haare nicht ins Gesicht hingen. Neugierig musterte er den Fremden. Wie ein Tourist sah er ja nicht aus. „Was oder wen suchen Sie denn?“ erkundigte sich Lennart höflich und auf Hochdeutsch. Sicher war sicher.

Friedrich musterte den anderen und kramte dann nach seinem Zettel. “Die Pension zu alten Mühle.” erklärte er dann und verfiel, ohne es zu merken, in einen leichten Dialekt, der allerdings schon mehr berlinerisch angehaucht war. “Dort soll ein gewisser Ulf Hergen wohnen.” Friedrich lächelte Lennart an und warf dann einen Blick auf die Tür. “Schöne Arbeit.” bemerkte er.

Also die Besitzerin war die Marte. Und einen Ulf Hergen kannten weder Lennart noch Hendrik. Aber sie tauschten einen kurzen Blick. „Danke. Schön, dass Sie Ihnen gefällt.“ erwiderte Lennart höflich und lächelte wieder leicht. „Also zu alten Mühle geht es hier lang.“ Lennart trat neben den Fremden und deutete die Dorfstraße entlang. Einfach Richtung Sportplatz und Schlei halten. Am Ende des Dorfes steht noch einmal ein Wegweiser zur Pension. Sie können es dann auch gar nicht verfehlen. Ist ein Fußweg von 20 Minuten von hier.“ Und Lennart war viel zu Fuß unterwegs. Oder mit dem Rad. Aber wen er natürlich Arbeiten auslieferte oder zu einem Pferd unterwegs war, dann fuhr er natürlich seinen Wagen.

Friedrich sah in die angedeutete Richtung und schnupperte unbewusst. Er roch Schweiß und den Hauch eines Aftershaves. Angenehm überrascht. Hatte er doch vermutet, dass auf dem Land alle samt und sonders nach Mist rochen. Ja, die Vorurteile eines Großstädters konnte man eben nicht so schnell ablegen.

"Vielen Dank. Ich denke, das werde ich finden." Friedrich lächelte freundlich. Zumindest hoffte er das. Sein Orientierungssinn war, wie seine Schwester mal so schön bemerkt hatte, wenig bis gar nicht vorhanden. "Sie haben wirklich ein Händchen dafür." Er deutete nochmal auf die Tür, verabschiedete sich und ging zurück zu seinem Wagen.

"Danke. Ist auch mein Job." gab Lennart mit einem Grinsen zurück und schüttelte dann unmerklich den Kopf. Lennart lachte leise, als Hendrik etwas von Großstädter in seinen Bart nuschelte. Gemeinsam hoben sie die schwere Tür wieder an und trugen sie durch die Gaststätte hindurch zum Hinterausgang. Dort sollte sie dann auch hin. Nachdem sie sie unter Kraftanstrengung eingehängt hatten, machte Lennart sich noch an die Feinadjustierung, schmierte die Scharniere etwas und packte dann wieder zusammen.

"Jo. Sieht doch ganz gut aus." dröhnte Hendrik als er wieder aus der Wirtschaft kam und Lennart ein kleines Bier in die Hand drückte. Der junge Jacobs war ein genauso guter Handwerker wie seine restliche Sippe. Allerdings konnte er mit Eisen besser als mit Holz umgehen. "Was bin ich schuldig?"

"Danke." Lennart trank einen Schluck Bier und blieb neben Hendrik stehen, der weiter die Tür betrachtete. "Ich schick Dir die Rechnung." Lennart grinste. "Aber Du weisst ja eh schon was sie kostet." Längst waren sie sich über den Preis einig. Und Lennart hatte noch nie erlebt, dass einer von hier dann plötzlich den verlangten und veranschlagten Preis nicht zahlen wollte.

Friedrich war wieder in sein Auto gestiegen und fuhr in die angegebene Richtung. Erst als er schon fast einen Kilometer aus dem Dorf heraus war, kam es ihm doch merkwürdig vor und er wendete.
Nachdem er zurückgefahren und das Ortsschild passsiert hatte, konnte er dann ein kleines Holzschild ausmachen, das auf die Pension hinwies. Friedrich seufzte erleichtert. Vielleicht sollte er sich sich doch einfach mal ein Navi leisten. Es würde ihm sicher eine Menge Zeit und Benzin sparen.
Vor einem kleinen, gemütlichen Haus parkte er den Wagen. Es stand am Ende der Straße - gleich dahinter begannen Feld und Wiese. Schön - wenn man es mochte.
Friedrich schwang seine langen Beine aus dem Auto und ging zur Tür, wo er klopfte.

"Moment", plärrte es aus dem Inneren und kurz danach wurde die Tür geöffnet. Eine ältere Dame, um die siebzig, stand vor Friedrich. "Bitte?" fragte sie.

"Moin. Ich möchte zu Herrn Hergen." sagte Friedrich mit einem freundlichen Lächeln.

"Wie bitte, mein Junge?" Die alte Dame sah ihn fragend an.

"Ich möchte zu Herrn Hergen." sagte er etwas lauter.

"Warum haben Sie das denn nicht gesagt? Der ist an die Nordsee gefahren, zum Baden. Vor heute Abend werden Sie den nicht erwischen." Sie musterte Friedrich. "Ich bin Marte Petersen, mir gehört die Pension. Herr Hergen ist ein Gast von mir."

Friedrich seufzte leise. Das war ja doof. "Ich komme vom Schleswiger Boten, ich wollte ihn etwas fragen." erklärte er dann.

Marte lachte. "Sagen Sie bloß, Sie glauben den Unsinn mit dem Ufo? Wenn Sie mich fragen, der gute Mann hat nicht alle Tassen im Schrank. Sehr nett, sehr höflich und ruhig, aber eindeutig zuviel Phantasie." Sie winkte ab. "Mir soll es egal sein, aber wie gesagt, Sie erwischen ihn sicher erst am Abend."

Friedrich überlegte kurz, seine Chefin hatte ja gesagt, er solle sich Zeit lassen. "Haben Sie noch ein Zimmer für mich?" fragte er dann. So bekam er vielleicht mehr über Hergen mit, wenn er selbst hier ein paar Tage einhütete.

"Von mir aus gern." Sie öffnete die Tür weiter und schlurfte voraus." Ich geb Ihnen das Zimmer 10, das ist neben dem von Herrn Hergen. Die Treppe rauf und gleich links. Wenn Sie Hunger haben, müssen Sie zurück ins Dorf, ins Gasthaus. Bei mir gibts nur Frühstück."

Friedrich nickte und nahm den Schlüssel, ging nach oben und sah sich um. Allerdings musste er jetzt wohl erst mal zurück nach Schleswig und sich ein paar Sachen holen. Auf Übernachtung war er nicht ausgerichtet. Naja, sollte kein Problem darstellen.

Er sagte zu Frau Petersen, dass ihm das Zimmer gefiel und erklärte ihr, dass er gegen später wieder kommen würde. Kurz danach saß Friedrich wieder im Auto und fuhr zurück ins Dorf. Am Gasthof hielt er, er konnte ja auch zuerst einmal etwas essen. "Hallo" grüßte er freundlich, als er die Gaststube betrat.

Hendrik der Wirt war ein Mann Anfang Fünfzig. Seine blonden Haare lichteten sich schon leicht und das gute Leben hatte so seine Spuren hinterlassen. Auch an seiner kleinen Wampe. Bierbauch. Aber er war ein gutmütiger und gemütlicher Mann. "Moin, moin." Er stand eben hinter dem Tresen und zapfte Bier ab. Hinten in der Küche hörte man Geschirr klappern. Seine Frau Rieke hatte dort das Kommando. Da würde er sich niemals einmischen. "Und? Haben Sies gefunden?" wollte er jovial wissen. Natürlich erinnerte er sich an den Fremden von vorhin.

"Ja. Dank der guten Beschreibung." Friedrich grinste und zuckte die Schulter. "Mein Orientierungssinn ist nicht so gut. Aber leider habe ich den Herrn Hergen nicht angetroffen. Kann ich etwas zu essen bekommen?" fragte er und setzte sich an einen Tisch in Thekenähe. "Und eine große Apfelsaftschorle?"

"Ja sicher." Hendrik stellte die Biere auf ein Tablett. In einer Ecke saßen drei Männer. Sie waren hier aus dem Ort und arbeitete in dem Betrieb, der Lennarts Familie gehörte. Einer sehr großen Tischlerei. "Tagesgericht ist heute Schnüüsch mit Schweinebacke. Und rote Grütze gibt es auch." Hendrik griff nach dem Tablett. "Aber ich kann Ihnen auch die Karte bringen." Damit verzog er sich kurz zu seinen ersten Mittagsgästen und teilte die Getränke aus.

Friedrich sah den Wirt etwas ungläubig an. "Äh, ich glaube, ich möchte lieber die Karte haben." sagte er mit einem Lächeln. "Ich bin zwar aus Hamburg, habe aber die letzten Jahre in Berlin verbracht. " Das Tagesgericht sagte ihm so gar nichts und eigentlich wollte er dann lieber was haben, was er auch kannte. "Aber Grütze nehme ich gern."

Aha. Hamburg. Lennart hatte ja vorhin gemeint, dass er wohl ein Berliner war. Aber was wusste Lennart denn schon. Der war ja auch selten aus dem hohen Norden weg gewesen. "Kommt gleich, Chef." meinte Hendrik gutmütig als er wieder zurück zu Friedrich kam. Er gab dem jungen Mann eine Karte. Sie war nun nicht so anspruchsvoll wie in einem Restaurant. Aber sie wurde von den Gästen gut angenommen. Hier wurde eben so gekocht, wie es auch die Gäste verlangten. Exotischen Schnickschnack suchte man hier vergebens. Aber die Touristen, die sich zu ihm verirrten, die suchten ja das Einfache. Es gab ausserhalb des Ortes - an der Schlei - noch ein Feinschmeckerrestaurant. Beides hatte hier seine Berechtigung. Hendrik ging wieder hinter den Tresen und mischte die Apfelschorle. "Und? Is was dran an der Ufogeschichte?" Das war hier längst Gespräch und die Bewohner des Dorfes amüsierten sich köstlich über den Spinner aus der Stadt.

Friedrich sah kurz in die Karte und entschied sich dann für Matjes mit Pellkartoffeln. Das kannte und mochte er und Fisch war das einzige, was er in Berlin vermisst hatte.
"Frau Peterson meint, dass der Hergen nicht alle Tassen im Schrank hat. " erklärte er dann mit einem Grinsen. "Ich selber hab noch nicht mit ihm gesprochen, aber ehrlich gesagt, glaub ich auch nicht an Ufos."

Hendrik stellte Friedrich die Schorle hin und nahm die Karte wieder an sich. Matjes mit Kartoffeln und Grütze." fasste er die Bestellung noch einmal zusammen und lachte dann auf. "Stimmt." Der Wirt schüttelte den Kopf und ging wieder hinter seinen Tresen. "Die Marte hat es ja auch schon im Dorf erzählt." Der Bäcker hatte es gewusst und auch Dirk aus dem kleinen Dorfladen. Es war ein Glück, dass sie so etwas hatten. Für die alten Leute. Der nächste Supermarkt war ja dann schon in Schleswig. Zum Glück nicht weit von hier.

"Hat sich wohl schon rumgesprochen." Friedrich schmunzelte. War doch klar, hier kannte sicher jeder jeden. Wäre nichts für ihn. Manche Sachen mussten die Leute über ihn nicht unbedingt wissen. Es war schon schlimm genug, dass in Hamburg alle möglichen Leute ihn und vor allem seine Familie kannten. Das war etwas, was Friedrich in Berlin genossen hatte. Die weitgehende Anonymität, die es möglich machte, in die Szene einzutauchen ohne Gefahr zu laufen, dass einen jemand näher kannte.
"Ich soll eine Reportage schreiben drüber. Ich arbeite beim Schleswiger Boten."

"Ja klar." Hendrik lachte. "Bei uns bleibt nichts geheim." verriet er Friedrich, der das sicher schon erraten hatte.

Lennart hatte bei Hendriks Nachbar noch etwas zu tun gehabt und kam nun ebenfalls in die Wirtschaft. "Moin, moin." grüsste er und winkte auch gleich zu den Männern, die er natürlich von klein auf kannte.

"Moin." Hendrik grinste über den Tresen. "Isst du hier oder fährst du zur Familie?"

"Kommt drauf an." Lennart grinste jungenhaft, da entdeckte er Friedrich. "Was gibt es denn heute?" Wenn er hier etwas aß, dann immer das Tagesgericht. Das bekam man gleich.

"Schnüüsch mit Schweinebacke. Und rote Grütze." gab Hendrik zurück.

Oh, das war doch lecker. "Jo, da bleib ich da." beschied er Hendrik. "Und dazu eine Cola." Trank er nicht so oft, aber heute hatte er dazu Lust. "Und? Haben Sie die Pension gefunden?" Lennart wandte sich - am Tresen stehen bleibend - Friedrich zu.

Klar. Wie er es sich gedacht hatte. Friedrich grinste breit und wollte eben etwas erwidern, da ging die Tür auf und der junge Mann von vorhin kam herein. Er nutzte die Gelegenheit ihn genauer anzusehen. Sah gut aus, vor allem seine Kehrseite.

"Ja, danke nochmal. Leider war die ganze Aktion nicht von Erfolg gekrönt." Friedrich lächelte Lennart zu als er angesprochen wurde.

Während Hendrik in die Küche verschwand, blieb Lennart am Tresen stehen und grüsste zwei Männer, die die Wirtschaft betraten. Zu Mittag ging es hier immer lustig zu und Hendriks Kneipe lief wirklich gut. "Das tut mir leid. Ist er schon abgereist?" Vielleicht hatte er es sich ja doch anders überlegt. Der Spinner. Ufos. Inzwischen wusste es auch schon Lennart.

"Nein, abgereist noch nicht." Friedrich lehnte sich bequem zurück und sah Lennart an. "Er ist wohl heute an der Nordsee baden, der Glückliche. Ich hoffe, dass ich ihn am Abend sprechen kann. Ich soll ne Reportage schreiben." Er grinste etwas verlegen. "Mein Name ist übrigens Friedrich Lüders. ich arbeite seit heute für den Schleswiger Boten."

"Ach." Lennart guckte Friedrich an und lachte dann. "Und die haben sie wegen dieser Ufo-Geschichte geschickt?" wollte er auch gleich wissen und lachte wieder auf. Neue Gäste kamen in die Kneipe und es wurde lauter.

Hendrik kam aus der Küche zurück - zwei Teller in der Hand. Das Essen für die ersten Gäste. "Zeitverschwendung." kommentierte er und lief an Friedrich und Lennart vorbei.

Naja. Da hatte Hendrik schon Recht. "Ich bin Lennart Jacobs." Lennart kam näher und hielt Friedrich die Hand hin. "Schleswiger Bote also." Ja klar. Natürlich kannte man die Zeitung. Lennart las sie auch. Gut, es war nur eine Regionalzeitung. Aber darin fand sich oft mehr Relevantes, als in den großen Zeitungen.

"Naja." Friedrich kratze sich verlegen am Hinterkopf. "Ich bin neu, wahrscheinlich muss ich mich damit beweisen." Er grinste und reichte Lennart die Hand, drückte sie kräftig. "Schleswiger Bote, ja. Die New York Times war leider nicht interessiert." bemerkte er trocken und deutete auf den Stuhl gegenüber. "Möchten Sie sich setzen?"

Ach, Lennart war doch ein aufgeschlossener Kerl und setzte sich. "Klar. Gern." Allein essen war langweilig. Und zu den Leuten der Schreinerei musste er sich heute ja nicht setzen. Vielleicht erfuhr man ja noch was Interessantes. "Kommt vielleicht noch. Der Sprung über den Teich." meinte er nicht unfreundlich. "Danke." Hendrik brachte ihm eben seine Cola und lief dann mit dem Tablett voller Bier weiter. Für einen Stadtmenschen hatte Friedrich einen festen Händedruck. Ungeniert musterte Lennart ihn. "Den Boten lesen wir hier aber auch. Wir werden gespannt auf den Artikel warten."

Friedrich nippte an seiner Schorle und lachte dann. "Ach was, über den Teich will ich gar nicht. Berlin wäre schön. Vielleicht klappt es ja noch. Ich habe in Berlin studiert." setzte er erklärend dazu. "Ich hoffe ja, dass meine Chefin auch so zufrieden mit dem Artikel ist, dass er in Druck geht." Friedrich machte sich nichts vor. Er hatte zwar studiert, aber er war ein Frischling und musste sich seine Lorbeeren erst verdienen.

"Jo. Berlin. Grosse Stadt." Lennart war einmal dort gewesen. Über das Wochenende. Mit ein paar Jungs aus Hamburg. "War ich vor ein paar Jahren dort." verriet er dem Fremden. Lennart trank einen langen Schluck von seiner Cola. "Da haben wir an einem Wochenende soviel mitgenommen wie möglich war." Er lachte. Nicht nur an Sehenswürdigkeiten. Die vielen Clubs und Schwulenkneipen waren schon Hammer gewesen. Aber Hamburg brauchte sich dahingehend ja auch nicht zu verstecken.

Friedrich nickte begeistert. "Berlin ist klasse. Dagegen kam mir Hamburg wie die tiefste Provinz vor." Lag allerdings auch daran, dass er sich seit der Pubertät zu Hause nicht mehr sonderlich wohlgefühlt hatte. "Irgendwann will ich zurück. Keine Sperrstunde, jede Menge urige Kneipen und Leute. Das gefällt mir."

"Ach. Hamburg ist doch eine schöne Stadt." Da kam gleich Lennarts Lokalpatriotismus zum Vorschein. "Hab ich ein Jahr gelebt, als ich Zivildienst gemacht hab." Da hatte er erst seine Sexualität entdeckt und war sich seiner Wünsche und Bedürfnisse bewusst geworden. Hier auf dem Land wäre das vermutlich nur schwer möglich gewesen. Schleswig hatte keine besonders große Szene und bis nach Kiel war es ein Stück.

Friedrich warf Lennart einen undeutbaren Blick zu. "Mir war Hamburg immer zu klein, aber das hat persönliche Gründe." sagte er dann. "Eine schöne Stadt ist es ohne Zweifel." Nur hinziehen würde er sicher nicht mehr. Es war einfach zu nahe bei seinen Eltern, die immer noch sorgsam darauf achteten, dass keiner ihrer Freunde etwas von dem schwulen Sohn erfuhr.

"Na für uns ist Hamburg schon groß." meinte Lennart gutmütig.

"So, die Herren." Hendrik trat an den Tisch und stellte Friedrich und Lennart die Teller vor die Nase. "Mahlzeit." wünscht er ihnen und trollte sich auch gleich wieder. Die Kneipe war voll und er selbst hatte jede Menge zu tun. Wurde Zeit, dass Leni - seine Tochter - auch in die Wirtschaft kam.

Lennart grinste dem raubeinigen Wirten nach und griff nach seinem Besteck. "Na dann Mahlzeit." wünchte er Friedrich. Matjes. Mhm. War auch lecker. "Ich würde aber nicht mehr dort wohnen wollen. Ich brauch das Land und die Weite."

"Danke." Friedrich lächelte den Wirt an und nahm dann sein Besteck in die Hand. Matjes- das war etwas, was die Berliner nicht machen konnten. "Mahlzeit" wünschte er dann und probierte. Das war gut. "Nein, ich könnte nicht auf dem Land leben, wo jeder jeden kennt. Ich brauch den Trubel der Großstadt und bin eben nur der Umstände wegen hier gelandet." Schleswig war sicher nicht das Ziel seiner Träume. "Aber so ist es eben. Zum Glück wollen wir nicht alle dasselbe."

Richtig. In der Großstadt würde Lennart kreuzunglücklich sein. Und er hatte auch nicht besonders gern in Hamburg gelebt. Es war ihm eben nichts anderes übrig geblieben. "Ich bin hier in Schleswig und in Brodersby aufgewachsen und verzwurzelt." Er konnte sich etwas anderes gar nicht vorstellen. "Und in der Stadt könnte ich meinen Beruf gar nicht ausüben." Ausserdem hätte er dann auch noch ein anderes Problem. Wohin mit seinen Tieren? Lennart hatte einen Beagle und zwei Katzen, die seine Mühle mäusefrei hielten.

"Und ich würde hier eingehen." Friedrich nahm noch einen Bissen von seinem Fisch und sah Lennart dann an. "Auf Dauer. Ich hab noch nie auf dem Land gelebt. Hier kannst du doch nichts machen." Was taten die wohl Abends außer Fernsehen oder hier in der Kneipe sitzen?

"Das finde ich aber sehr ignorant." gab Lennart mit gutmütigem Spott zurück. "Fuchs und Hase sagen sich hier nun auch nicht gute Nacht." Aber natürlich musste es einem Stadtmenschen fade vorkommen. "Schleswig ist nicht weit von hier." Aber das wusste Friedrich ja. Er kam ja wohl von dort. "In Kiel ist man in einer Stunde. Und in Flensburg genauso." Nach Lübeck verschlug es Lennart nur selten. Ausser er bekam von dort einen Auftrag. Er hatte ja eine Homepage, über die man ihn von überall erreichen konnte.

"Schleswig ist nun auch nicht gerade der Nabel der Welt." Friedrich legte seine Gabel beiseite und nahm einen Schluck von seiner Schorle. "Ich mag ignorant sein, aber ich kann es mir einfach nicht vorstellen. Schließlich wirst du ja auch nicht jeden Tag nach Kiel oder Flensburg fahren. Und was machst du dann?" Er sah Lennart, ohne es zu merken hatte er zum Du gewechselt.

Nein, damit hatte Friedrich schon Recht. Aber Lennart war halt auch eine bescheidene Natur. "Naja. Am Wochenende." meinte er dann überlegend. Ach, es störte Lennart nicht. Also die vertrauliche Anrede. Sie waren hier nicht so überheblich. Da ging man schnell ins Du über. "Ich hab aber auch viel zu tun und bin viel unterwegs." erzählte er dann locker weiter. "Hast Du bei der Pension die Windmühle gesehen? Also ein Stück noch zur Schlei runter? -- Die gehört mir. Da hab ich eh jede Menge Arbeit." Trotzdem suchte er natürlich an den Wochenenden auch sein Vergnügen. So war es ja nicht.

Friedrich nickte. "Ja, habe ich," und nahm seine Gabel wieder auf. "Die gehört dir? Wow." Nun war er wirklich überrascht. "Warum? Hast du größere Pläne damit?" Er verstand das nicht so ganz.
"Entschuldige, die Frage muss dir blöd vorkommen, aber was macht man mit einer Mühle?"

Aber nein. Die Frage war nicht blöd. Doch um sie zu beantworten, dazu musste Lennart erst runterschlucken. "Ich wohne drinnen." Lennart lachte. "Also ich bin dabei sie bewohnbar zu machen. Das alte Mühlwerk hab ich ausgebaut und verkauft." Es war noch funktionstüchtig gewesen. "Im Nebengebäude habe ich meine Werkstatt untergebracht. Ich brauch da ja viel Platz." Und es war für seine Bedürfnisse perfekt gewesen. Ausserdem war das Grundstück groß genug, damit Amos - sein Hund - herumtoben konnte.

"Aha." Friedrich sah Lennart an und musste dann grinsen, dessen Lachen war einfach ansteckend. "Ich habe noch nie jemanden getroffen, der in einer Mühle wohnt. " Er aß weiter und meinte dann: "Ich bin noch ein paar Tage hier, voraussichtlich. Darf ich mich bei dir mal umsehen?" Neugierig war er ja schon von berufswegen.

Wohnen war noch ein wenig übertrieben. So richtig eingerichtet hatte Lennart sich ja noch nicht. Aber er hoffte, dass er im Herbst dann eine brauchbare Wohnung hatte. "Ja klar." gab er gleich zurück. "Es gibt viele Mühlen die bewohnt sind." erzählte Lennart dann weiter. "Die Müller mussten früher ja auch wo leben. Inzwischen sind aber nur noch wenige Mühlen in Betrieb." Und viele standen auch unter Denkmalschutz. Seine Mühle jedoch nicht. So alt war sie nicht. 160 Jahre stand sie inzwischen dort. "Aber ich will sie dann auch zur Stromgewinnung nutzen." Dann, wenn mal der Rest fertig war.

"Wow." Friedrich war beeindruckt. "Dann bist du unabhängig von fossilen Brennstoffen. Die Idee ist gut." meinte er überlegend. "Mein Vater hat auch schon überlegt, ob er nicht vielleicht auf Solarenergie umsteigen soll. Aber bisher hat er wohl noch nicht das Richtige gefunden." Geld spielte in dem Fall ja eher eine untergeordnete Rolle bei seiner Familie, wohl eher der allgemeine Trend. Sein Vater tankte ja auch, ohne mit der Wimper zu zucken und das würde er auch noch tun, wenn das Benzin drei Euro kosten würde.
"Dann besuch ich dich mal in deiner Mühle. Muss ich vorher anrufen oder bist du in den nächsten Tagen vor Ort?"

Lennart zuckte leicht mit den Schultern. "Naja. Ganz unabhängig wird man vermutlich nie sein. Aber Sonne bringt hier nicht so viel." Daran hatte er ja auch schon gedacht. Aber Wind gab es hier immer. Das musste doch ausgenutzt werden. "Aber Solar ist toll. Ich hab erst kürzlich südlich von Hamburg eine Auftragsarbeit gemacht und die hatten eine Solaranlage für die Beheizung des Pools." Aber natürlich gab es genug Menschen, die keinen Pool hatten.

"Also ich bin morgen den ganzen Tag unterwegs." sinnierte Lennart laut. "Am Abend aber zu Hause." Allerdings bekam er oft Anrufe, dass seine Hilfe schnell gebraucht wurde. Und dann fuhr Lennart eben los. "Von der Pension hast Du eh freien Blick zur Mühle. Wenn du das Auto siehst, dann bin ich auch zu Hause. Einfach vorbei kommen." Lennart hatte ja die Ruhe weg. Ihn konnte man kaum stören.

"Naja, bis es mein Vater in die Tat umsetzt, können noch Jahre vergehen." Friedrich zuckte die Schultern und nickte dann zustimmend. "Ich werd eh damit zu tun haben, Herr Hergen auszuquetschen und mir genau schildern zu lassen, wie und wo er das Ufo gesehen hat." Er grinste und machte sich dann daran, den Rest aufzuessen. "Ich komm dann am Abend vorbei." War ihm ganz recht, was sollte er auch sonst machen? Er musste sich unbedingt ein Buch von zu Hause mitnehmen, einen Fernseher gab es in seinem Zimmer nicht und gemeinsam mit Frau Petersen fernsehen - da gab es sicher schönere Dinge.

Nachdenklich sah Lennart zu Friedrich über den Tisch. "Also ich glaub ja nicht, dass sich das wirklich lohnt." Nein, er wollte Fritz da wirklich nicht den Spass verderben. Aber das waren doch Hirngespinste. "Aber du bist trotzdem eingeladen dir die Mühle anzusehen. Auch wenn du nur kurz bleibst." Dass nun wirklich etwa an der Geschichte dran war, daran glaubten ja nicht mal die Kinder hier im Ort.

"Ich auch nicht. Aber meine Chefin will das haben, also kriegt sie die Story auch. Und ich werde auch ganz genau schreiben, was ich davon halte." Keine Beschönigungen, nur sachliche Berichterstattung. Friedrich hatte seine Prinzipien. "Danke." Er bedachte Lennart mit einem strahlenden Lächeln. Ein wenig Abwechslung konnte nicht schaden und außerdem war er wirklich neugierig wie so eine Mühle von innen aussah, wenn man sie bewohnbar machen wollte. "Ich denke ein, zwei Tage werde ich sicher bleiben. Ich fahr jetzt gleich nach Schleswig in meine Wohnung, um ein paar Sachen zusammen zu packen und mich dann bei Frau Petersen einzuquartieren."

Da Schleswig so nah war, fragte Lennart sich schon wieso Friedrich sich dann hier einmieten wollte. Soviel Aufwand für so eine kleine, lächerliche Sache? Nun gut. Friedrich musste es ja selbst wissen. "Nimm die Badesachen mit." Lennart grinste verschmitzt über seine Cola zu Friedrich rüber. "Man kann ein wenig unterhalb der Windmühle schön baden." Als Kinder hatten sie sich dort viel herumgetrieben und Lennart betrachtete es auch als so eine Art Privatstrand. Auch wenn das Gelände nicht mehr zu Mühle dazugehörte. Es war öffentlicher Grund.

Friedrich sah halt eine Chance beim Frühstück in aller Ruhe mit Hergen sprechen zu können, in entspannter Atmosphäre. Deswegen hatte er sich eingemietet.
"Baden?" Er sah Lennart an. "Klar, wieso nicht?" Obwohl er noch nie woanders als im Pool seiner Eltern geschwommen war. "Ist ja beinahe so etwas wie ein kleiner Urlaub." Friedrich grinste und schob seinen leeren Teller von sich.

"Na dann seh ich dich ja vielleicht." Auch Lennart war mit dem Essen fertig. Im Gegensatz zu Friedrich würde er ja nichts zahlen. Also ein Mittagessen war hier schon drinnen. Schliesslich hatte er Hendrik ja auch wirklich einen guten Preis gemacht. "Ich bin am Abend oft am Strand unten unterwegs." So. Lennart sah auf die Uhr. "Ich muss jetzt los." Lennart lächelte entschuldigend. Ausserdem musste er noch Amos holen. Der trieb sich bei Hendriks Nachbar herum. Die hatten kleine Kinder und die waren völlig vernarrt in den jungen Hund.

"Okay." Friedrich nickte Lennart zu. "ich komm dann heute Abend, wenn ich sehe, dass dein Auto bei der Mühle steht." Er würde jetzt noch gemütlich seine Schorle austrinken und gegen später, wenn er wieder hier war, vielleicht schwimmen gehen. Wer wusste schon, wann der Hergen wieder auftauchte. "Ich wünsch dir noch einen schönen Tag." Mit einem Lächeln sah er zu Lennart.

"Danke. Wünsch ich dir auch." Lennart stand auf und erwiderte das Lächeln offen. Ausserdem schüttelte er Friedrich auch noch die Hand. "Und viel Erfolg." Seine braunen Augen blitzten fröhlich auf, dann verließ der Blondschopf die Kneipe. Zuvor hatte er aber noch Hendrik zugewinkt. Lennart bog noch kurz zum Nachbarn ab und holte dort seinen Hund. Den hatte er immer mit, auch wen Amos noch ziemlich ungestüm und verspielt war. Aber Lennart besuchte bereits mit ihm eine Hundeschule und der junge Beagle war schon ziemlich folgsam.

Bevor er zu seinem Termin auf einem Gestüt fuhr, holte Lennart noch seine Ausrüstung von zu Hause ab. Die Fahrt nach Sterup dauerte nicht lange. Eine gute halbe Stunde. Dort wurde er schon erwartet. Es gab ein paar Pferde die eine gründliche Hufpflege brauchten und ein paar Eisen waren abgefallen. Aber das war ja nun sein Tagesgeschäft.

Friedrich sah Lennart nach und winkte dann dem Wirt, um zu zahlen. Günstig und lecker war er gewesen und so war er sehr gut gelaunt, als er wieder zu seinem Auto ging. Allerdings, Friedrich schaffte es doch tatsächlich sich auf dem Weg von Brodersby nach Schleswig einmal zu verfahren.

In seiner Wohnung packte er ein paar Klamotten zusammen, Wasch- und Badezeug und dann machte er sich wieder auf den Rückweg. Nicht ohne vorher seiner Chefin noch kurz Bescheid zu geben. Handy und Laptop nahm Friedrich ebenfalls mit, so konnte er seinen Bericht auch gleich schreiben und ihm dann zu Hause den letzen Schliff geben.

Es war später Nachmittag, als Friedrich seine Sachen in der alten Mühle auslud. Frau Petersen saß im Garten und unetrhielt sich ein wenig mit ihm. Hergen war noch nicht wieder da. Also beschloß Friedrich, Lennarts Rat zu folgen und schwimmen zu gehen. Zwei große Handtücher, Badehose und ein Buch - so bepackt machte er sich auf den Weg zum See unterhalbs Lennarts Mühle. Allerdings nicht ohne sich den Weg von Frau Petersen nochmal genau erklären zu lassen.

Es war sehr später Nachmittag als Lennart zurück kam. Amon lief gleich wild kläffend zwischen Mühle und dem Nebengebäude hin und her, während Lennart seine Sachen in die Werkstatt brachte. Nachdem er noch eine Kleinigkeit gegessen hatte, machte er mit Amos einen Spaziergang. Der Hund brauchte Auslauf. Ausserdem war es schon wieder so warm. Da warf sich Lennart noch ein Handtuch über die Schulter und trabte gutgelaunt mit Amos zum Strand hinunter. Von der Mühle weg war es einen knappen halben Kilometer. Also das lohnte sich gar nicht mit dem Auto oder dem Rad zu fahren.

Der Strand lag einsam vor ihnen und der Hund lief gleich kläffend den Möwen hinterher. Lennart grinste breit und machte keinen Versuch den kleinen Beagle zu halten.

Friedrich hatte grade vorsichtig und mißtrauisch den großen Zeh ins Wasser gehalten, als er ein Bellen vernahm. Gott, es würde doch nicht vielleicht irgendein Riesenvieh frei herumlaufen und sich auf ihn stürzen? So als Appetithäppchen? Er hatte einen gesunden Respekt vor Hunden, die mühelos auf einen Esstisch gucken konnten.

Vorsichtig drehte er sich um um und sah etwas braunweißes den Strand entlang flitzen, direkt auf ihn zu. Friedrich trat einen Schritt zurück, kam ins Straucheln und ehe er es sich versah, saß er im Wasser und vor ihm ein kleiner Hund, der ihn verdutzt ansah.

Jetzt sah es Lennart auch. Und er musste lachen. Aber noch war er zu weit weg, als dass er Friedrich erkannte. "Amos." rief er dem Hund nach und pfiff ihn zurück. Widerwillig trat der kleine Beagle zurück und flitzte dann zu Lennart zurück. Der kam gemächlich näher. Und dann erkannte der Blondschopf Friedrich auch. "Oh hallo." Er lachte wieder. "Tut mir leid. Er ist ziemlich stürmisch." Lennart hielt Friedrich die Hand hin um ihn aufzuziehen.

Das Wasser war, um es nett auszurücken, frisch. Friedrich sah dem Hund nach, der sich umdrehte und davonrannte als es pfiff. Das Herrchen kam näher und entpuppte sich als Lennart.
"Hallo", sagte er und ergriff die Hand, ließ sich aufhelfen. "Ich bin nur erschrocken", behauptete er dann einfach mal und lächelte verlegen, betrachtete dann den Hund. "Ein hübscher Kerl. Und so schön klein."

"Er ist noch sehr verspielt. Tut mir leid." Grinsend ließ er Friedrichs Hand wieder los. Gleichzeitig musterte er das Stadtkind auch. "Und? Warst du schon drinnen?" Lennart beugte sich hinunter und griff in das Wasser. "Na, das ist doch schon ganz vielversprechend." Sicher, es war frisch. Aber wenn man sich ein wenig bewegte, dann wurde einem schon warm.

"Ist ja nicht so schlimm. Ich hatte nur Angst, dass etwas in Größe eines Ponys auf mich zukommt." Friedrich schmunzelte und strich sich über den nassen Hintern. "Nein, bis auf die Begegnung grade war ich noch nicht drinnen." Es war ihm auch ein wenig suspekt, aber das würde er nicht zugeben. Hier am Strand war das Wasser ja noch einigermaßen durchsichtig. Aber weiter draußen? Wer wusste schon so genau, was sich alles in diesem See an Getier tummelte.
Vorsichtig lief er ein paar Schritte ins Wasser hinein, schließlich wollte er sich vor Lennart ja auch keine Blöße geben. "Nicht grade Badewannentemperatur." Friedrich sah über die Schulter hinweg zu Lennart. Eine Gänsehaut zierte seinen Körper.

Tatsächlich war die Schlei gar kein See. Sie war ein Schmelzwasserarm der Ostsee. "Na dann wirds aber Zeit." meinte Lennart fröhlich und sah sich um. Ah, dort hatte sich Friedrich niedergelassen. "Lauf rein und geh mir nicht auf die Nerven." meinte er zu Amos, der zu seinen Füssen hockte und ihn anwinselte. Prompt lief der kleine Hund ins Wasser hinein.

"Kleiner Narr." Lennart lachte und breitete seine Decke neben Friedrichs aus. Dann zog er sich ungeniert vor diesem aus. "Dann musst du halt ein Stück schwimmen. Dann ist dir gleich nicht mehr kalt." behauptete Lennart. Frech machte er sich ganz hüllenlos. Er schwamm hier immer nackig. Zumindest um diese Uhrzeit. Früher und in den Ferien hatte er schon eine Badehose mit.

Friedrich guckte natürlich. Immerhin war er ein schwuler Kerl und Lennart war ja nun schon sehr ansehnlich. Zum Glück war das Wasser so kalt, dass sich nichts regte. Denn das wäre ihm dann doch sehr peinlich gewesen. Er beschloß, dessen Rat zu befolgen und begann zu schwimmen. Nach einem kurzen Moment hatte er sich an die Wassertemperatur gewöhnt und er begann, es zu genießen.
Dieser Anflug war aber gleich wieder vorbei, als Friedrich beim Schwimmen einen Bewegung neben sich sah. Prompt schluckte er Wasser, hustete und trat dabei auf der Stelle. "Igitt, was war das denn?" jappste er als er wieder einigermaßen Luft bekam.

"Was denn?" Lennart lachte und kam nun auch ins Wasser. Jawohl - nackig. Nackig und haarlos. Also Achseln, Brust und Schritt. Die Beine hatte er sich noch nie rasiert und das würde er auch niemals tun. Er war ja ein Kerl und kein Mädchen. "Ich vermute, dass dich ein Fisch gestreift hat. Aber keine Sorge. Die beißen nicht." Zumindest war er noch nie gebissen worden. Lennart tauchte unter und schwamm dann mit kräftigen Zügen ein Stück hinaus.

Ein Fisch? Friedrich schüttelte es regelrecht. Auf dem Teller war das Vieh eine Sache, aber hier so beim Schwimmen? "Sicher?" fragte er dann, bevor er sich wieder in Bewegung setzte. Man las ja genug in der Zeitung um mißtrauisch werden zu können. Hier gab es bestimmt Riesenviecher.

Lennart grinste wieder. "Ganz sicher. Da sind die Segelboote gefährlicher. Glaub mir." Lennart schwamm weiter und deutete in die Schlei hinaus. Dort drüben gibt es einen kleinen Hafen. Aber so nah heran kommen die Booten eigentlich nie." Es war hier ja auch ein Naherholungsgebiet. "Noch immer kalt?" Friedrich hatte ganz blaue Lippen. Das Stadtkind war eben nichts gewöhnt.

"Aha." Friedrich sah in die angedeutete Richtung und stellte für sich fest, dass der Pool bei seinen Eltern weitaus ungefährlicher war. "Nö, mir ist nicht kalt." log er ganz schamlos und begann wieder zu schwimmen. Dann würde ihm hoffentlich wärmer werden und vor allem zwang er sich, nicht daran zu denken was unter ihm rumschwimmen konnte. "Hier gibt es jede Menge Touristen, oder?"

Es war für Lennart nicht ersichtlich, dass Friedrich ihn anlog. Und es wäre ihm auch nicht weiter wichtig gewesen. Friedrich war nun wirklich alt genug. "Ja. Wir leben hier davon." Friedrich hatte noch viel zu lernen. "Und auch von der Landwirtschaft." Hier gab es eben noch viel unberührte, aber auch kultivierte Natur. Hoffentlich blieb das auch so. Es gab Gegenden um Schleswig, die schon richtige Wohnviertel geworden waren. "Von woher kommst du eigentlich?"

Friedrich hatte wirklich keine Ahnung. Er war ein Stadtkind, schon immer gewesen. Ihm gefiel es, wenn er sich in die UBahn setzte und überall hin konnte, wo er wollte. Kino, Cafe, Pub oder Kneipe- oder eben auch eine gewisse Lokalität mit einem gepflegten Darkroom.
"Ich bin geborener Hamburger, fühle mich aber eher wie ein Berliner." sagte er zu Lennart, als er mit ihm auf gleicher Höhe war. Unsportlich war Friedrich nicht, aber er mochte keine Fitnesstudios. Lieber ging er schwimmen oder laufen. "Auf dem platten Land kenn ich mich so gar nicht aus."