Von Sommer, Sonne und den entsprechenden Temperaturen hatten sie hier in Hamburg die letzten Tage ja nur träumen können. Launisch war das Wetter gewesen – so wie im übrigen Deutschland natürlich auch. Als Hanseatin konnte Camilla damit jedoch umgehen. Irgendwann fand man sich eben damit ab. Außerdem hatte sie eben mit Lasse und Jonathan herrlich, entspannte Wochen auf der Finca in Spanien verbracht. Und dort war das Wetter richtig gut gewesen. Im Moment beherbergte das alte Gemäuer Rafael und seine Familie.

Gabriel und Colin waren hingegen nur noch sehr selten dort. Schließlich hatten die ihr Haus in Südfrankreich. Dort waren sie glücklich. Gabe, der dort ausspannen und faulenzen konnte und Colin, der mit Liebe wochenlang den Garten umbuddelte und verschönerte. Soviel Energie hätte sie selbst nie dafür aufbringen können. Aber Camilla hatte ja auch keinen Garten. Längst war sie richtig in Lasses Wohnung eingezogen und hatte sie zu ihrem gemeinsamen Heim gemacht. Sie fühlte sich auch wohl und geborgen. Ja, sie war glücklich. Nur manchmal kam ihre schwermütige Art zum Vorschein. Und Camilla grübelte darüber nach, wie lange es noch andauern würde.

Lasse war ihr ein großartiger und liebevoller Gefährte. Er wusste um ihre Eigenarten und Ängste. Und auch, dass sie darüber nicht sprechen wollte. Für Jonathan war er ein Vater, wie ihm sein Erzeuger ihm nie einer geworden wäre. Und der Kleine sprach ihn längst mit Papa an. Sie waren eine richtige Familie geworden. Und das auch ohne Heirat. Lasse sprach nicht mehr davon. Vielleicht wollte er es ja auch gar nicht mehr.

Andererseits hatte es Colin übernommen dieses Thema zu verfolgen. Fast schon lästig war es ihr. Doch Colin, der war Colin. Und wegen seiner Liebenswürdigkeit überhörte sie dessen Geleier über die Ehe auch. Bei Rafael und Caitlean hatte es ja irgendwann funktioniert. Vermutlich hatten sie es einfach nicht mehr hören können. Und als bevor Caitlean das zweite Kind geboren hatte, hatten sie dann doch noch geheiratet.

Eine treue Verbündete hatte Colin natürlich in Inez, die alle ihre Kinder schön verheiratet haben wollte. Karl und Gabriel hingegen, die ließen die Leier über die Vorzüge der Ehe geschmeidig an sich abperlen – auch wenn sie beide – ganz offensichtlich – glücklich verheiratet waren.

Camilla war eben dabei den großen Tisch auf dem Balkon zu decken. Cole und Gabriel würden zum Abendessen kommen. Und da das Wetter so schön war, wollten sie grillen. Noch war Camilla allein in der Wohnung, da Lasse Jonathan von der Kita abholte. Dabei wechselten sie sich immer ab und die Kita war von ihren Arbeitsstätten gleichermaßen gut erreichbar.

Nach diesem Sommer würde sich dann sowieso so einiges ändern. Im Herbst würde Jonathan eingeschult werden. Darauf freute sich der Knirps auch schon sehr. Außerdem hatten sie sich nun doch entschieden Jonny ein Haustier zu schenken. Genau genommen waren es zwei Haustiere. Zwei Abessinierkätzchen sollten noch im Juli bei ihnen einziehen. Jonathan hatte sie sich selbst aussuchen dürfen.
Für Camilla war es völlig in Ordnung. Jonathan war ein Einzelkind und ein Haustier konnte der Entwicklung kaum schaden. Eher war das Gegenteil der Fall.

Natürlich hatte Camilla sich in den letzten Jahren etwas verändert. Das Mädchenhafte war nun verschwunden und sie wurde ihrer Mutter immer ähnlicher. Sie war eine Frau und hatte auch den entsprechenden Körper. Wenigstens hatte es die Natur mit ihr besser gemeint und ihr bislang graue Haare erspart.

Wegen der Einladung, aber nicht nur, war sie heute etwas früher von der Arbeit weggefahren. Camilla fuhr meist mit dem Fahrrad und Lasse nutzte das Auto, das sie gemeinsam gekauft hatten. Schließlich war sein Arbeitsplatz auch etwas weiter entfernt. Nur wenn der große Einkauf an stand, dann fuhr eben Camilla mit dem Kombi. Klar, Männer und Einkauf? Nein, das war so wie mit den fliegenden Schweinen.

Obwohl sie eigentlich ihre Karriere verfolgte und auch gern arbeitete, so hatte Camilla sich auch ganz gut in der Rolle einer Hausfrau eingefunden. Sie hatten zwar eine Putzfrau, doch Camilla kochte um Beispiel selbst. Und sie überlegte auch im nächsten Jahr etwas weniger zu arbeiten, wenn Jonathan in die Schule kam. Aber das würde sie dann spontan entscheiden. Jedenfalls war Jonathan in einer privaten Grundschule mit angeschlossenem Hort angemeldet.

„Einsteigen.“ Lasse wartete geduldig, bis Jonny eingestiegen war und hörte sich amüsiert dessen Geplauder an. In dieser Hinsicht hatte er viel von seinem Onkel Cole. Er konnte plappern ohne Luft zu holen. Nach der Arbeit holte er seinen Sohn im Wechsel mit Milla von der Kita ab. Das hatte sich so eingebürgert und er machte es gerne. Jonny war sein Junge und auch, wenn er nicht der leibliche Vater war, sah er ihn doch als sein Kind an.

Lasse fühlte sich wohl in Hamburg, nach Schweden hatte er kein Heimweh. Hier hatte er die Personen, die er liebte, um sich. Sein Vater, Erika und seine Brüder kamen immer mal wieder zu Besuch und der Schwede vermisste nichts.
Camilla und er führten eine harmonische Beziehung, und er war froh, dass er so hartnäckig um sie geworben hatte. Heirat hatte er nicht wieder zur Sprache gebracht, kannte er doch Millas Einstellung dazu. Zum Glücklichsein brauchte man keinen Trauschein. Das stimmte schon, aber Lasse war ein traditioneller Mensch und er wusste, dass er seine Traumfrau gefunden hatte. Ihr zuliebe verzichtete er jedoch darauf, das Thema anzuschneiden. Irgendwann würde Milla ihn erhören, dessen war er sicher.

„Deine Onkels kommen heute Abend zu Besuch.“ erklärte er Jonny, als er eingestiegen war und den Motor startete. „Deswegen müssen wir uns auch beeilen, damit Mama nicht ganz allein alles vorbereiten muss.“ Zum Glück war die Kita nicht allzu weit von ihrer Wohnung entfernt und normalerweise spielte er mit Jonny noch eine Runde Fußball vor dem Abendessen. Seit einem halben Jahr hatte er dieses Spiel für sich entdeckt und Lasse war dabei Camilla zu überzeugen, dass er vielleicht in einem Verein spielen sollte. Heute musste das Spiel allerdings ausfallen, aber Jonathan war nicht besonders traurig darüber. Er liebte seine beiden Onkel und vor allem Cole brachte ja auch immer wieder etwas mit. Egal, wie oft man versuchte ihm das auszureden, es fruchtete nichts. Gabe hatte es schon längst aufgegeben und auch Milla fing langsam an es zu ignorieren.
Knappe zwanzig Minuten später betraten Lasse und Jonathan die Wohnung. „Wir sind da...“

Was blieb ihr denn anderes übrig? Milla musste es ignorieren, sonst hätte sie Colin längst mit dem 250ten Matchboxauto erschlagen. Jawohl, erschlagen. So gern sie ihren Schwager auch hatte. „Hallo ….“ rief sie zurück. „Ich bin auf der Terrasse.“ Camilla hatte fertig aufgedeckt und sich inzwischen auch geduscht und umgezogen. Jetzt trug sie eine abgeschnittene Jeans und ein seidenes Neckholdershirt mit einem aufwändigen Muster. Im Urlaub hatte sie ziemlich viel Farbe abbekommen. Sie und Jonathan. Lasse hingegen war von Natur aus ja nicht so dunkel. Aber ihr Freund hatte jetzt eine richtig gesunde Farbe. Stand ihm gut. „Na ihr?“ Lächelnd kam sie zurück ins Wohnzimmer. Erst bekam Jonny einen Kuss, den sich der Bengel prompt wegwischte, dann war Lasse dran. „Na?“ Ihr Lächeln wurde wärmer und sie schmiegte sich kurz an ihren großen Schweden. „Wir haben noch Zeit. Gabe hat angerufen. Cole trödelt wieder herum.“ Das war nun wirklich keine Neuigkeit.

„Hi, du.“ Lasse lächelte und schlang seinen Arm um Milla, drückte sie an sich. Im Gegensatz zu seiner Freundin war er aber immer noch blass. „Hätte man je etwas anderes erwartet?“ sagte er dann mit einem Lachen. „Ich hoffe, er lässt sich nicht allzuviel Zeit, denn ich verhungere demnächst.“ Der Schwede grinste breit und lie゚ Milla dann los. „Bringt er denn wenigstens was mit?“

Camilla zuckte leicht mit den Schultern. „Er hat irgendetwas von Erdbeerkuchen gefaselt.“ Also Gabriel hatte das gesagt. „Ich habe frisches Steinofenciabatta besorgt.“ Camilla nahm Jonathan die Tasche ab und schickte ihn ins Badezimmer um sich die Hände zu waschen. „Soll ich dir schon ein Brötchen schmieren?“ Camilla hatte Kräuterbutter gemacht und noch eine Sauce für das Fleisch. Das Fleisch selbst wollte Colin mitbringen. Selbst eingelegt und gewürzt. Das überließ sie lieber dem Schwager, bevor sie sich dessen kluge Reden über die richtige Methode anhörte.

„Erdbeerkuchen klingt lecker.“ Lasse überlegte einen Moment und schüttelte dann den Kopf. „Nein, ich halt es schon noch aus bis die beiden kommen. Lieber nachher gemütlich zusammen essen.“ Er blinzelte in die Sonne und streckte sich dann. „Ich werd kurz duschen und mich umziehen. Kann ich dir dann noch etwas helfen?“

Überlegend sah Camilla durch die offene Tür zum Balkon hinaus. „Nein. Eigentlich nicht.“ Sie hatte aufgedeckt und alles vorbereitet. „Du könntest dann den Griller anwerfen.“ Sie blinzelte. „Das ist Männerarbeit.“ Nicht, dass sie das nicht konnte. Aber jetzt musste sie sich um Jonathan kümmern und ihn erstmal versorgen. Vermutlich war es nicht dumm ihn gleich zu Lasse unter die Dusche zu stecken. Der Kleine hatte sicher auch wieder ordentlich geschwitzt.

Lasse lachte. „Besser ich tu es als dein heißgeliebter Schwager.“ Der würde nämlich den Balkon abfackeln, falls er das Gas überhaupt zum brennen bringen würde.“ Mit einem breiten Grinsen wandte er sich ab, um unter die Dusche zu verschwinden. „Kommst du mit, Jo?“ Fragend sah Lasse ins Kinderzimmer, wo Jonathan auf dem Boden saß. „Ich nehm ihn gleich mit.“rief er dann zu Milla und beide verschwanden im Bad und kurz darauf plätscherte Wasser.

Colin war in der Lage und fackelte ihnen die ganze Wohnung ab. Camilla sparte sich einen Kommentar, grinste jedoch wissend. Nachdem Lasse und Jonathan im Badezimmer verschwunden waren, ging Camilla ins Kinderzimmer. Dort war natürlich aufgeräumt. Jetzt hatte Jonathan das ganze Wochenende wieder Zeit um es zu verwüsten. Sie räumte Jonnys Klamotten und Schuhe weg. Dann suchte sie eine kurze Hose und ein Shirt heraus. Und natürlich noch eine Unterhose. Mehr brauchte der Kurze heute wirklich nicht mehr. Und es war ja auch warm genug.

Camilla hatte sich eben auf dem Balkon eine Zigarette angezündet, da läutete es auch schon an der Tür. Kritisch guckte sie auf die Uhr. Jetzt war Gabriel aber gerast. Sie drückte die Zigarette wieder aus und kam in die Wohnung zurück. „Kommt rauf.“ Sie drückte den Summer an der Gegensprechanlage und wartete dann an der geöffneten Wohnungstür.

Lasse hatte unter viel Gelächter Jo und sich abgeseift und war nun grade im Schlafzimmer, beim anziehen. Eine Cargohose und ein Muskelshirt, mehr brauchte er nicht mehr. Barfuß kam er aus dem Zimmer, als es läutete. „Hoffentlich gibt das keinen Strafzettel.“ bemerkte er nur schmunzelnd und verschwand auf dem Balkon, um den Grill anzuschmeißen.

Cole ächzte hinter Gabriel die Treppen hinauf. Er war mit einer Klappbox bepackt, die gut gefüllt war. Au゚er dem Kuchen hatte er sich nicht nehmen lassen, noch einen Salat zu machen. Und ein paar Baguettes gebacken. Seit er sein Studium beendet hatte und nun mehr von zu Hause aus arbeitete, hatte er sich in der Küche erst recht ausgebreitet. Ihm gefiel es, Hausmütterchen zu spielen. „Hallo, Schwägerin.“ Cole strahlte, als er oben angekommen war und stellte die Klappbox im Flur ab, damit er Milla umarmen konnte. Und natürlich Jonny, der nun auch angelaufen kam.

„Hallo Schwager.“ Milla grinste schief und erwiderte die Umarmung, ehe sie Jonny Platz machte. Der stürzte sich richtig auf seinen Lieblingsonkel. Nun, er war ein gro゚er Junge und entsprechend schwer. „Schön, dass ihr endlich da seid.“

Gabriel verzog seinen Mund nur spöttisch und umarmte seine Schwester fest. „Es geschehen noch Zeichen und Wunder.“ Als Hausmütterchen würde er seinen Mann nun nicht bezeichnen. Aber Colin mochte die Hausarbeit halt. Gut, die Kocherei eben. Jeder wie er eben wollte. „Colin konnte sich nicht entscheiden was er anziehen wollte.“ Gabriel hatte sich einfach eine bequeme Hose und dazu ein Muskelshirt angezogen. Ähnlich wie Lasse, jedoch in Schwarz. Prüfend sah er seine Schwester an und griff sich de Klappbox, ehe er die Wohnung betrat. „Siehst gut aus.“ Aber Milla und Familie waren ja erst aus Spanien zurück gekommen. In zwei Wochen würden dann auch Rafael, Cat und die Rotzgören nach Hamburg kommen. Gabriel freute sich schon auf sie – wenn auch nicht ganz so ekstasisch wie Colin.

Cole überhörte Gabes Bemerkung geflissentlich. Es war schließlich nicht so einfach, was man anziehen sollte. Immerhin hatte auch Cole ein gewisses Maß an Eitelkeit und er wollte Gabe gefallen. Man musste ja auf sein Äußeres achten, wollte man interessant bleiben. “Ich hab dir was mitgebracht.“ erklärte er dann Jonny und griff in die Klappbox, um ein kleines Päckchen herauszuholen. „Nur eine klitzekleine Kleinigkeit.“

Lasse war inzwischen auch gekommen und reichte Gabriel die Hand. „Ist der Weihnachtsmann wieder ein halbes Jahr zu früh dran?“ scherzte er mit Blick auf Jo und das Päckchen.

„Danke.“ Camilla grinste verschmitzt. „Wir haben uns auch alle gut erholt.“ Der Familienurlaub hatte ihnen wirklich gut getan. Und er war wohl der letzte, bevor Jonny eingeschult wurde. Andererseits würden sie vielleicht auch noch ein, zwei Mal über das Wochenende nach Sylt oder Rügen fahren. Wie es ihnen eben gefiel. Vielleicht bliebt Jonathan dann auch einmal bei seinen Großeltern oder Gabriel und Cole. Inzwischen war so eine Übernachtung kein Problem mehr. Sie nahm Gabriel die Klappbox aus den Händen und brachte sie auch gleich in die Küche.

„Der Weihnachtsmann wohnt doch längst bei uns.“ bemerkte der Schwarzhaarige trocken und drückte Lasses Hand, ehe er seine Sneakers abstreifte. „Also an deiner Farbe muss aber noch gearbeitet werden.“ bemerkte er zu Lasses nobler Blässe. „Oder gab es Sonnenbrand und du hast die Haut schon wieder verloren?“

Jonathan hatte keine Zeit um Onkel Gabriel zu begrüssen. Sofort hatte er das Päckchen ausgepackt und schrie begeistert auf. „Papa. Das ist der grüne Bionical.“ Der große Grüne fehlte ihm noch in seiner Sammlung. „Danke.“ Da fiel er Colin doch gleich wieder um den Hals.

„Freut mich, dass es dir gefällt.“ Cole strahlte mindestens ebenso sehr, wie Jonathan. Solche Dinge konnte er sich auch gut merken, er hörte Jonny aufmerksam zu und hatte natürlich gewusst, dass der Grüne noch fehlte. „Ich bin beileibe nicht so füllig wie der Weihnachtsmann. Und einen Bart hab ich auch nicht.“ Mit einem dementsprechenden Blick auf Gabe begrüßte Cole nun seinen Stiefbruder.

„Vornehme Blässe halt, Gabe.“ Lasse lachte und zuckte die Schulter. „Mit euch Spaniern kann ich nicht mithalten. Aber ich bin schon viel brauner als sonst.“ Er schüttelte Gabriels Hand und begrüßte dann Cole. „Irgendwann werde ich dir den ganzen Krempel, den du Jonny so im Laufe der Zeit geschenkt hast, nach Hause karren, damit du ihn aufbewahren kannst.“

„Leere Drohungen.“ Cole lachte und zog seine Schuhe aus. „Dann petz ich es Inez und du kriegst Ärger.“ Er grinste breit und folgte Camilla in die Küche. „Kann ich noch irgendwas machen? Den Kuchen können wir in den Kühlschrank stellen. Ich hab auch Sahne mit gebracht.“

Camilla hatte die Klappbox bereits ausgepackt. Der Salat war willkommen. Sie hatte auch welchen gemacht, allerdings Kartoffelsalat. „Eigentlich nicht.“ Sie lächelte ihren Schwager an. „Außer das Fleisch und die Salate nach draussen bringen. - Lasse hat den Grill schon angemacht.“ Bestimmt war er bald heiß genug, dann konnten sie das Fleisch auch bald auflegen. „Du hast auch frisches Brot gemacht?“ Der Duft verführte fast. Aber sie hielt sich noch zurück.

Gabriel schmunzelte. „Du eiferst unserem Vater nach.“ Karl Reininger war auch alles nur kein Sonnenanbeter. Ganz im Gegensatz zu seiner Frau. „Und? Schon wieder im Alltag angekommen?“ Er selbst braucht immer eine Woche bis er sich wieder aklimatisiert hatte. Urlaube waren immer viel zu kurz.

Jonny hingegen gab Gabriel noch ein schnelles Küsschen und verschwand dann auch gleich in seinem Zimmer um seinen neuen Bionicle zusammenzubauen. Onkel Cole war doch echt der beste Onkel.

„Ja. Ich hab in Frankreich von einer Marktfrau ein Rezept bekommen und das heute mal ausprobiert.“ Cole griff sich die Box mit dem eingelegten Fleisch, um sie nach draußen zu bringen. Sein Französisch war mittlerweile recht gut. Gabriel hatte mit ihm geübt und da sie im Sommer oft vier Wochen unten waren und er einkaufen ging, hatte es sich gefestigt. „Ich will euch doch verwöhnen.“ Colin grinste und trug die Box auf die Terrasse.

„Wir sind eben die kühlen, nordischen Typen. Das Temperament und die Bräune überlassen wir unseren Frauen.“ Lasse schmunzelte und wandte sich um. „Komm gehen, wir nach draußen. Ich hab schon Bier kaltgestellt und dann kann ich das Fleisch schon mal auf den Grill schmeißen.“

Wieder gestattete sich Gabriel ein spöttisches Grinsen. „Meinst du wirklich, dass du an den Grill kommst, wenn Colin hier ist?“ Ihnen war allen klar, dass es eine rhetorische Frage war. Gabriel folgte Lasse hinaus. Es war hier wirklich sehr schön. Doch Gabriel neidete ihnen die Wohnung nicht. Er mochte sein Loft mit der Dachterrasse. Und das Haus in Südfrankreich war natürlich eine Perle.

Camilla ging ebenfalls hinaus. Gabriel rauchte sich eben eine Zigarette an und sie griff nach ihrer Zigarette, die sie zuvor abgedämpft hatte. „Wann fahrt ihr denn nach Frankreich?“ wollte sie wissen und ließ sich von Gabriel Feuer geben.

„Wir fahren dann im August und zwei Wochen im September.“ erwiderte Gabriel, nachdem er den ersten Zug von seiner Zigarette gemacht hatte. „Wir wollen ja Rafi und Cat sehen.“ Und natürlich die Kinder. „Deswegen fahren wir heuer etwas später.“ Zudem waren sie ja zu Ostern auch im Süden. So ein Haus war schon toll. Es fiel ihnen jedes Mal schwer nach Hause zu fahren. Irgendwie waren sie an beiden Orten zu Hause.

„Man kann ja hoffen.“ Lasse strich im vorbeigehen Camilla über die Schulter und sah nach der Glut. „Du kannst eh schon auflegen, Cole.“ meinte er dann und griff nach der Zigarettenschachtel, um sich ebenfalls eine anzuzünden. Dieses Laster hatte er bisher noch nicht ablegen können.

Cole legte Fleisch und ein paar Würstchen auf den Grill. So ein Gasgrill war praktisch und er überlegte, ob er Gabe dazu überreden sollte, dass sie sich für die Dachterrasse auch einen anschafften. Andererseits waren sie so oft in Frankreich, wie es nur ging und ob es sich dann lohnen würde, war fraglich. In Hamburg war das Wetter ja nicht so beständig.
„Ich freu mich schon auf die beiden. Ich habe Aileen schon so lange nicht mehr gesehen, nur die Schauergeschichten gehört.“ Ihre kleine Nichte hatte das Temperament von Cat und den Sturkopf von Rafi geerbt. Eine explosive Mischung.

Die sanfte Berührung an ihrer nackten Schulter hinterließ ein angenehmes Prickeln. Camilla schenkte Lasse ein warmes Lächeln. „Ich glaube nicht, dass es Schauergeschichten sind.“ meinte Camilla ein wenig belustigt. „Sie ist eben ein temperamentvolles Kind.“ Aber bei den Eltern war das kein Wunder?

Gabriels Liebling war ja eigentlich Finnja. Rafis Zweitgeborene war ihm und Karl ähnlich. Ruhig und neugierig. Nicht so überdreht wie ihre Schwester Aileen. Die Kleine war jetzt auch schon fast drei Jahre alt. Gabriel konnte es nicht fassen wie schnell die Zeit verging. „Inez freut sich auch schon sehr. Und jetzt hat sie ja auch genug Zeit um sich den Enkelkindern zu widmen.“ Im August war Ruhe an der Uni. Und Gabriel wusste, dass seine Mutter plante Jonathan mitzunehmen, wenn sie und Karl nach Bayern fuhren. Das war für Lasse und Camilla sicherlich auch nicht schlecht. So eine Beziehung musste auch gepflegt werden. Doch die beiden wirkten auch so sehr entspannt und glücklich.

„Du solltest Cat mal hören.“ Cole lachte und zuckte die Schultern. „Naja, was hat sie erwartet? Sie war als Kind keinen Deut besser.“ Im Geheimen bewunderte er ja Finnja. Sie stand zwar was das Temperament betraf im Schatten ihrer großen Schwester, aber es schien sie nicht zu stören. Sie hatte die Ruhe weg. „Caitleen freut sich auch. Auch deswegen, weil sich dann die Oma auf die Kleinen stürzen wird und sie sich mit Rafe mal ein paar ruhige Stunden gönnen kann.“ Seine Cousine wollte noch ein drittes Kind, hatte sie ihm verraten. In den nächsten Jahren. Sie wollte gern einen kleinen Jungen.

„Zum Glück ist Inez eine hingebungsvolle Großmutter.“ Lasse lachte leise und legte nun einen Arm um Camilla. „Da hat sie gute Chancen, dass sie mal ein bisschen Zeit für sich haben.“ Er streifte die Asche ab und schnupperte. „Das riecht schon sehr gut, Cole.“

Und Colin hatte es natürlich nicht für sich behalten können und gleich an Gabriel weiter getratscht. Der hingegen hatte dieses Detail jedoch nicht weiter erzählt. Es wäre unhöflich gewesen. Und wenn Cat es der Verwandtschaft erzählen wollte, dann würde sie es tun. Aber die Mädchen waren doch sehr knapp hintereinander zu Welt gekommen. Und sie hatten doch wirklich genug Zeit. Rafael und Cat waren noch jung.

„Na, wenn sie Lust haben, dann werden wir auch einmal etwas mit ihnen unternehmen. Allerdings haben sie uns schon länger nicht gesehen.“ meinte Camilla, die sich gegen Lasse lehnte. „Vermutlich müssen sie sich erst wieder an uns gewöhnen.“ Mit heulenden und sich sträubenden Kindern wollte sie dann doch nicht in den Zoo gehen. Camilla zog an ihrer Zigarette. Sie standen alle zusammen auf dem großzügigen Balkon, der mehr einer Terrasse glich. Es war wirklich ein herrlicher Blick hinunter in den Park mit dem üppigen Baumbestand.
„Wie lange werden sie eigentlich hier bleiben? Zwei Wochen?“ Zum Glück dauerte so ein Flug nach Irland nicht lange. Bestimmt würden sie sich alle vor Weihnachten wieder sehen. Es war schon schade, dass sie so weit von einander entfernt wohnten.

Cole war es egal. Ihm reichten momentan drei Nichten und Neffen zum verwöhnen. Und wenn Cat und Rafe noch eines wollten, auf dem Gut war eh genug Platz und auch genug Familie, die sich um die Kleinen kümmerte. „Zwei Wochen wollten sie bleiben. Vielleicht verlängern sie auch, aber Caitleen wusste es nicht genau. Sie will Oma nicht so lange allein mit dem ganzen Haushalt lassen. Die würde sich zwar bedanken, wenn sie das wüsste, aber ich habs ihr nicht verraten.“ Colin drehte die Fleischstücke um und drückte dann Lasse die Gabel in die Hand. „Halt mal, ich hol den Salat und das Brot.“

„Mal sehen, wie sie sich anstellen. Aileen ist ja ein aufgeschlossenes und keinesfalls scheues Kind.“ Lasse würde natürlich mit den Gören in den Zoo gehen. Er liebte Kinder und wenn es nach ihm ging, dann bekamen sie zusammen sicherlich auch noch mindestens eines. Allerdings überließ er das Camilla und rührte auch nicht an dem Thema. Vorerst hatten sie mit Jonathan auch genug zu tun. Er kam ja in die Schule und freute sich auch schon sehr darauf.

Für Jonathan würde ein neuer Lebensabschnitt beginnen. Genauso wie für sie auch. Camilla musste sich erst an den Gedanken gewöhnen, dass ihr Knirps nun schon ein Schulkind war. „Sie ist ein Satansbraten.“ Camilla lachte, dämpfte ihr Zigarette aus und lief Colin nach. Es fehlten ja auch noch die Butter, die Sauce und Ketchup. Ohne ging da gar nichts. Jonny aß seine Würstchen nur damit – so wie jedes Kind halt.

„Ich hole Jonathan.“ bot Gabriel an und ging ebenfalls in die Wohnung zurück. Natürlich ohne Zigarette. In der Wohnung wurde nicht geraucht. Darauf achteten Camilla und Lasse peinlichst. War auch eine sehr gute Entscheidung. „Jo?“ Gabriel steckte seinen Kopf durch die Tür des Kinderzimmers. „Es gibt gleich Essen. Wie weit bist du?“

Jonathan saß auf dem Teppich vor seinem Hochbett und baute eben seinen neuen Bionicle zusammen. „Ich bins gleich.“ Er sah auf und Jonathan lächelte seinen Onkel an. Ihm war natürlich schon aufgefallen, dass Gabriel und er sich sehr ähnlich waren. „Ich komme gleich.“

Gabriel lächelte leicht. „In Ordnung. Aber beeil dich. Sonst esse ich deine Würstchen auf.“ Mit dieser Drohung ließ er das Kind zurück und ging wieder hinaus auf die Terrasse.

Cole balancierte eben zwei Schüsseln auf einem Arm und seufzte dann, stellte sie wieder ab. So ging das nicht. Er musste wohl oder übel zwei Mal gehen, oder aber: „Gabe? Schatzi?“ flötete er dann. Sein Mann sollte ihm gefälligst helfen, dann ging es doch schon viel leichter.

Lasse hatte es inzwischen übernommen, die Würstchen zu retten. Die wurden nämlich langsam dunkel und Jo mochte es nicht ganz so knusprig. „Die Würstchen sind fertig.“ rief er dann, wohl wissend, dass Jonathan gleich kommen würde.

Camilla kicherte. Sie kam eben mit einem Tablett nach draußen. „Schatzi.“ flötete sie genauso und drängelte sich an Gabriel vorbei.

Schatzi seufzte nur. „Ich rette dich.“ murmelte er vor sich hin und ging zurück in die Wohnung. Dabei wurde er fast von Jonathan über den Haufen gelaufen. Himmel, hier würde schon keiner verhungern. „Was kann ich denn helfen?“ wollte Gabriel wissen und sah die Misere auch gleich. „Ich nehme das Brot.“ bot er an. Dann hatte Colin beide Hände für die zwei Salatschüsseln frei. Gemeinsam mit Colin kam Gabriel zurück. Er stellte das Brotkörbchen ab und setzte sich dann. Bier stand schon geöffnet auf dem Tisch. Ja, Lasse war ein sehr aufmerksamer Gastgeber. Und ein Bier konnte Gabriel schon trinken. Davon wurde er nicht besoffen. Da würde sein Auto schon keinen Schaden nehmen und er auch keine Punkte in Flensburg abräumen. „Bleibt ihr eigentlich in Hamburg, wenn Jo mit den Eltern nach Bayern fährt?“ wollte Gabriel wissen.

Camilla schenkte sich eben ein Glas Wein ein. Sie hatte auf Bier keine Lust, auch wenn es zu gegrilltem Fleisch gut passte. „Naja. Wir müssen ja arbeiten.“ rief sie Gabriel in Erinnerung und setzte sich. „Aber vielleicht fahren wir über das Wochenende nach Sylt.“ So ein Wochenende in der Zweisamkeit fand natürlich immer wieder statt. Tatsächlich belebte und bereicherte es ihre Beziehung. „Nach Schweden sollten wir auch noch. Aber vielleicht dann in den Herbstferien. Ich denke nicht, dass wir das vor Schulanfang schaffen werden.“

„Vielen lieben Dank. Du bist eben doch mein Held.“ Cole lächelte Gabriel ganz liebenswürdig an und schaffte es ohne größere Blessuren, die beiden Salatschüsseln auf den Tisch zu stellen. Setzen konnte er sich natürlich nicht, erst einmal musste er nach dem Fleisch schauen. In der Hinsicht war Cole schon ein lästiges Übel, aber er wusste auch, dass sich seine Familie mittlerweile mit ihm arrangiert hatte. In 5 Jahren lernte man eben eine Menge dazu.
Er gab die fertigen Fleischstücke und Würstchen auf eine Platte und stellte sie auf den Tisch, bevor er nachlegte und sich dann ebenfalls setzte. „So, guten Appetit.“

Lasse prostete Gabriel zu und nahm einen Schluck Bier. Kalt und gut. „Sylt oder vielleicht Rügen. Mal sehen. Vielleicht machen wir uns aber auch nur ein richtig kuschliges Wochenende hier in unserer Wohnung.“
Er bedankte sich bei Cole und sah Camilla an.“ Was magst du, Milla? Wurst oder Fleisch?“

Manchmal ein zerzauster Held, aber doch ein Held. “Prost, Lasse.“ Gabriel trank einen langen Schluck – gleich direkt aus der Flasche. Das störte hier niemand. „Es ist wohl auch egal wo ihr rumliegt, wenn es regnet.“ bemerkte Gabriel trocken und grinste leicht. Er nahm sich ein Stück Steak und bediente sich dann auch gleich von der Kräuterbutter.

„Wer liegt denn herum?“ Camilla sah ihren Bruder kurz an, dann sah sie wieder zu Lasse. „Ich hätte auch gern so ein Steak.“ Sah lecker aus. Camilla gab Jonathan zwei Bratwürste auf den Teller und schob ihm die Saucen und das Ketchup hin.

Zum Glück war Jo schon sehr selbstständig und säbelte selbst an seinen Würstchen herum. „Opa hat gesagt, dass wir in Bayern wandern gehen werden.“ erzählte er seinen Onkeln.

Gabriel lachte. „Du armes Kind.“ bemerkte er. „Jede Generation von Reininger Gören muss in die bayrischen Berge zum Wandern.“ Dabei mochte seine Mutter diese Art von Bewegung gar nicht. Sie tat es nur Karl zuliebe.

„Also ich fahre auch bei Schlechtwetter auf eine Insel.“ Camilla zuckte mit den Schultern und bedankte sich bei Lasse für das Fleisch. „Und in ein Hotel wollten wir sowieso nicht.“ Wenn, dann mieteten sie ein kleines Haus am Strand. Hatten sie ja schon öfters gemacht.

Zum Glück war Cole kein Kind mehr. Denn wandern hätte er auf jeden Fall verweigert. Er war mittlerweile ein richtiges Nordlicht und hatte mit Bergen nichts am Hut. „Du Armer. Aber ich denke, deine Oma wird dich schon dementsprechend entschädigen.“ Cole nahm sich etwas von dem Kartoffelsalat und ein wenig Brot. „Lieber lieg ich in Frankreich am Teich oder buddel im Garten.“ Oder man machte andere Dinge, aber die zu erörtern, war mit einem Kind am Tisch äu゚erst unpassend. Doch der Blick, den Colin Gabe zuwarf, sprach auch so Bände.

Lasse gab Camilla ein Steak auf den Teller und nahm sich selbst auch eines. „Das nächste Mal musst du auch Fisch mitbringen.“ erklärte er Cole. „Eigentlich ist es egal. Das Wetter ist nebensächlich. Einfach nur mal wieder raus und genießen.“ Es war schön, dass sie sich diese Auszeiten nahmen. Lasse genoß es sehr. „Und Bayern ist ja auch schön. Zumindest zum Schlittenfahren.“

„Da müsst ihr aber noch ein paar Monate warten.“ erwiderte Gabriel. Auch er nahm sich von Camillas Salat und griff dann nach der Schüssel, die Colin mitgebracht hatte.

Jonathan hingegen sah Cole überlegend an. „Oma geht auch nicht gern wandern.“ petzte der kleine Kerl und grinste breit. „Sie meint, dass Opa eh nur einmal in die Berge muss und dann ist Ruh.“

Die Erwachsenen sahen Jonathan an und brachen in Gelächter aus. Treffender hätte es niemand formulieren können. Camilla gluckste. „Lass das halt den Opa nicht hören.“ riet sie ihrem Sprössling. „Also im Winter sind wir dann ganz sicher wieder in Bayern.“ Seit Lasse sie und Jonny dort aufgestöbert hatte, waren sie jeden Winter hingefahren. Manchmal sogar mit Inez und Karl. Und einmal war die ganze Familie dort gewesen. Das war dann zwar etwas eng gewesen, aber es hatte schon irgendwie geklappt.

Colin lachte und nickte zustimmend. Ihm hatte das Inez auch schon mal gesteckt und er konnte seine Schwiegermutter durchaus verstehen. Er griff sich nun auch ein Stück Fleisch und bestrich sein Brot dick mit Kräuterbutter. Leisten konnte er es sich inzwischen wieder, sein Gewicht hatte sich eingependelt und Gabe sorgte auch dafür, dass er sich aufs Rad schwang.
„Das ist eben Liebe.“ Mit einem Grinsen biss er von seinem Brot ab. Das war verdammt lecker.

„Jonathan fährt mittlerweile schon recht gut Ski.“ wusste Lasse zu berichten. „Und für Fußball begeistert er sich auch. Ich versuche, Milla zu überreden, dass sie ihn in einen Verein gibt. Ich bin als Kickpartner nicht so sonderlich berauschend.“

Auch Gabriel fuhr Ski. Colin hingegen nicht. Der baute nur Schneemänner. „Und wie tust du es nicht?“ Fragend sah Gabriel über den Tisch zu seiner Schwester.