Nick befand sich bereits seit einer Viertelstunde vor dem Salon. Sprich er war einen ganze Stunde eher da. Vorsichtshalber war er Jo und Elias aus dem Weg gegangen und hatte sich den größten Teil des Tages außerhalb der Wohnung aufgehalten.
Er hatte sich ein Eis gegönnt und wartete nun vor dem Geschäft auf Phil, auf die niedrige Fensterbank gelehnt und beobachtete die Leute in der Einkaufsstraße.
Pünktlich um fünf hatte Phil Feierabend gemacht, sich von Janine und den anderen verabschiedet und den Salon verlassen. Er blinzelte in die Sonne und sah sich um. Ein Lächeln zierte sein Gesicht, als er Nick entdeckte. War er also doch gekommen.
„Hi“ Phil trat zu Nick und sah ihn an. „Gehen wir was trinken? Ich bin am verdursten.“
„Hey.“
Nick erhob sich. „Sicher. Ist auch drückend schwül.“
Er strich die winzigen Schweißperlen von der Stirn, die sich dort gebildet hatten.
Phil beobachtete die Hand und wie von selbst hob er seine eigene und strich Nick eine Strähne von der Schläfe. Etwas verlegen zog er seine Hand zurück. „Um die Ecke ist ein kleines Cafe, wo man draußen sitzen kann. Unter Bäumen.“ Er lächelte und schob seine Hand in die Hosentasche. „Gehen wir?“ Er nickte in die Richtung und setzte sich in Bewegung. „Ich hatte nicht gedacht, dass du kommst“ bemerkte Phil beiläufig.
„Ich hatte es ebenfalls nicht gedacht.“
Nick betrachtete den Asphalt unter seinen Füßen und hob leicht die Schultern. Er betrachtete im vorbeilaufen einige Schaufenster, bis sie am Cafe angekommen waren. Dort ließ er sich aufseufzend in einen der Stühle sinken.
Er sah Phil an und suchte nach Worten.
„Tut mir leid.“ Brachte er es schließlich doch über die Lippen.
Phil setzte sich auf den Stuhl gegenüber und sah Nick eine ganze Weile lang an, bevor er antwortete. „Was tut dir leid? Das du einfach mitten in der Nacht wie ein Dieb verschwunden bist? Das sollte dir auch leid tun. Es hat mich verletzt. Alles andere muss dir nicht leid tun.“
Nick spielte mit der Getränkekarte in seinen Händen.
„Alles.“
Er sah auf und Phil an. „Der überstürzte Sex, das ich ohne weiteres verschwunden bin... aber, ich weiß nicht.“ Hilflos hob er die Schultern. Wie sollte er das nur erklären? Was sollte er eigentlich erklären? Er wusste ja selber nicht was genau er fühlte oder nicht fühlte. Außer Verwirrung.
"Ich habe mich nicht protestieren gehört." Phil sah Nick an und schwieg dann, als der Kellner kam und nach ihren Wünschen fragte. Er bestellte sich einen Milchshake und ein Mineralwasser und wartete, bis auch Nick seine Bestellung aufgegeben hatte und der Kellner verschwunden war. "Der Sex war geil und ich hab‘s genauso gewollt und gebraucht wie du." stellte er dann abschließend fest. "Ich weiß nur nicht, wie es weitergeht."
Nick kniff leicht die Augen zusammen.
„So, du meinst also, das ich es ‚gebraucht’ habe.“ Bemerkte er langsam.
„Und selbst wenn du nichts dagegen hattest, hätte es gar nicht so weit kommen dürfen.“ Er hob die Schultern.
„Ich weiß nicht, ob du es gebraucht hast.“ Phil wurde lauter, riss sich dann aber wieder am Riemen, als er merkte, dass er auffiel. Mit roten Ohren lehnte er sich auf seinem Stuhl zurück. „Und warum hätte es nicht so weit kommen dürfen? Weil du mich kaum kennst? Oder weil du in nichts hineinschliddern willst?“
„Weil wir uns nicht mal annähernd kennen und gerade mal den ersten Abend weggegangen sind.“
Nick betrachtete Phil. „Es ist nicht so, das du nicht mein Typ bist. Ich meine...“ Er seufzte tief. „ach was soll‘s.“
„Es ist aber passiert und einfach hinfällig, sich drüber den Kopf zu zerbrechen.“ Phillip verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich hab dich gern, Nick. Und ich würde mir wünschen, dass wir uns besser kennen lernen. Aber ich bin Realist genug, um zu wissen, dass ich Pech haben könnte. Vielleicht willst du mich jetzt ja gar nicht mehr näher kennen lernen, sondern denkst, ich bin einer, der gleich mit jedem in die Kiste springt.“
Nick seufzte theatralisch.
„Ja genau. Ich denke, das du ne sexgeile Schwulette bist die nebenbei eigentlich Callboy werden könnte. Ich bitte dich.“ Er verzog das Gesicht und betrachtete ihn.
„Depp.“ Phil runzelte die Stirn und musste dann lachen. „Würde das Klischee des schwulen Friseurs hundertprozentig abdecken.“ meinte er, nachdem er sich beruhigt hatte und wischte sich über das Gesicht.
„Du bist mein Typ, Nick. Aber ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll. Sollen wir so tun, als wäre es nicht passiert, weiter ausgehen und uns besser kennen lernen? Oder ist es vergebene Liebesmüh, wenn ich mein Herz dran hänge?“
Nick seufzte abermals.
„Woher soll ich das wissen!?“
Seine Fingerspitzen trommelten nervös auf der Stuhllehne und er beobachtete die vorbeiziehenden Passanten.
„Schon mal an eine rein platonisch Freundschaft gedacht?“ murmelte er.
Nun war es an Phil, leise zu seufzen. Hatte er sich doch gedacht, dass es besser war, nichts an Gefühl zu investieren. Allerdings war es von seiner Seite aus schon ein wenig zu spät dazu, aber gut. Besser eine Freundschaft mit Nick, als ihn gar nicht mehr sehen. „So war es doch von Anfang an vorgesehen, wenn dass gestern nicht passiert wäre.“ sagte er leise und mit einem schmalen Lächeln. „Ich würde gern dein Freund sein.“ Wie gern und welche Art von Freund, daran verbat sich Phil, zu denken.
Jetzt wandte Nick sich Phil wieder zu.
„Ich weiß nicht was..., ich meine“ er seufzte fast gequält und vor allem hilflos. „Ich mag dir nicht irgendwelche Hoffnungen machen, die sich dann doch nicht erfüllen. Ich mag dich und will dass das so bleibt.“
„Dann haben wir doch alles geklärt, Nick.“ Phil lächelte nun offener. Man konnte niemand zwingen und seine Gefühlslage war allein seine Sache, dass musste der andere nicht wissen.
„Wir treffen uns, gehen aus oder verbringen Zeit miteinander, bei dir, bei mir… und wenn wir nur DVDs gucken. Wir sind Freunde, okay?“ Er griff über den Tisch nach Nicks Hand und drückte sie. „Bist du damit einverstanden?“
Nick betrachtete die schlanke Hand die auf seiner lag und dachte daran, wie diese Hand sich auf seinem Körper angefühlt hatte. Und er mochte dieses Gefühl.
Nach einem Moment hob er den Blick und sah Phil ins Gesicht. Aber er konnte nur nicken.
„Gut.“ Phil zog seine Hand erst wieder zurück, als der Kellner mit den Getränken kam. „Dann haben wir das geklärt“ fuhr er fort, als sie wieder allein waren. „Aber ich muss dir noch eines sagen, ich begrüße meine Freunde immer mit einem Kuss. Damit musst du leben.“ Mit einem Lächeln griff er nach seinem Milchshake und saugte an dem Strohhalm. „Erdbeere… magst du auch mal?“ Phil hielt Nick den Becher hin. Normalität war jetzt das Beste und so würde er sich auch verhalten.
„Muss ich ja?“
Nick betrachtete Phil kritisch und dann angeekelt den Milchshake.
„Nein Danke.“ Lehnte er ab. „Mir wird allein bei dem Gedanken daran schon schlecht.“
Er griff sich seine kalte Cola und nahm einen Schluck.
„Musst du“ bekräftigte Phil ungerührt und saugte wieder an seinem Strohhalm. „Du weißt gar nicht, was dir entgeht“ grinste er und leckte sich über die Lippen.
„Hey, Phillie“ klang es auf einmal und ein junger Mann trat an den Tisch. Er beugte sich nach vorne und begrüßte ihn mit einem flüchtigen Kuss. „Ich hab dich am Wochenende vermisst.“
„Juli“ Phil lächelte und sah dann Nick an. „Nick, das ist Julian, ein Freund aus der Berufsschule. Juli, das ist Nick.“ stellte er die beiden vor.
„Tag Nick.“ Julian lächelte unverbindlich, Phils Geschmack war nicht unbedingt seiner und dessen Freunde auch nicht.
„Wir treffen uns ab und an am Wochenende, zum Dartspielen.“ erklärte Phil dann weiter.
„Ja und dieses Wochenende hat er gekniffen.“ Julian lächelte Phil an und strich ihm über die Wange. „Ich muss weiter, viel Spaß noch euch beiden.“ Er winkte zum Abschied und verschwand.
„Sorry.“ Phil sah Juli kurz nach und Nick dann wieder an. „Er braucht ein wenig, um warm zu werden.“
Nick blinzelte und versuchte das so ebene zu verarbeiten.
Er betrachtete Phil und zuckte die Schultern.
„Ich will ihn nicht heiraten“, bemerkte er, eher verwirrt. Das Ganze war schon etwas merkwürdig und zwielichtig verlaufen.
Er betrachtete Phillip fast verwirrt und nahm sich dann wieder seiner Cola an.
„Komm nie auf die Idee mich ‚Nicki’ zu nennen.“ Fügte er dann noch an, mit düsterem Unterton.
„Das würde ich mir auch nicht gefallen“ murmelte Phil vor sich hin und nahm einen Schluck von seinem Shake. „Julian nennt mich Phillie, also nenne ich ihn Juli. Dich würde ich nie Nicki nennen, dass passt nicht zu dir.“ sagte er dann. „Julian wollte mal was von mir“ erzählte er dann weiter, irgendwie meinte er, sich erklären zu müssen.
„Wer hätte das gedacht.“ Meinte Nick sarkastisch und betrachtete Philipp, zog eine Braue nach oben.
„Das sieht doch ein Blinder mit Krückstock, das sein Schwanz noch immer voll ausgerichtet ist.“
Phil sah Nick aufmerksam an. „Meinst du wirklich? Kann ich mir nicht vorstellen, das ist gegessen. Ich hab ihm klipp und klar gesagt, dass ich nie etwas mit ihm anfangen würde. Er ist mir zu umtriebig, sprich, er kann seinen Schwanz nicht bei sich behalten, wenn ein geiler Typ ihn anbaggert.“ Phil zuckte die Schultern. „Und seither hat er mich auch nie wieder drauf angesprochen.“
„Wo hast du die letzten Jahre verbracht? Im Glücksbärchiland? Das ist ja beängstigend wie naiv du bist.“ Murmelte Nick kopfschüttelnd.
„In einem Erdloch, inmitten von anderen Kobolden.“ erwiderte Phil trocken und stellte seinen Shake beiseite. „Ich höre irrsinnig gern, wie naiv ich bin, wirklich. Mag sein, dass ich ein Trottel bin, der an das Gute im Menschen glaubt und positiv durchs Leben geht. Mehr als enttäuscht werden kann ich nicht und ich bezweifle, dass Julian mich vergewaltigen würde, wenn ich Nein sage.“ Er sah Nick lange an, bevor er weiter sprach. „Ein bisschen Glücksbärchiland würde dir auch gut tun.“
„Ich geh gleich kotzen.“ Ließ sich Nick vernehmen.
„Du bist wie Jo. Von einem ins Tausendste, und vor allem in keinerlei Bezug zu dem was man sagt.“ Er schüttelte den Kopf. „und nein danke, ich brauch kein zugedröhnten Bären.“
„Ist das jetzt gut oder schlecht? Das ich wie Jo bin?“ Phillip nahm einen Schluck von seinem Wasser. „Denn den kannst du ja ziemlich gut leiden.“
„In der Hinsicht wohl eher schlecht, weil es mich nervt.“
Nick ging gar nicht weiter darauf ein, was ging es Phil schon ob er ihn gut leiden konnte oder nicht.
„Es nervt dich also. Gut zu wissen.“ Phillip hatte keine Lust, sich zu ärgern. Verstellen konnte er sich nur bedingt und wenn es Nick nervte, dann konnte er es auch nicht ändern. „Und wie soll ich mich deiner Meinung nach verhalten? Ich möchte niemanden vor den Kopf stoßen, weder dich noch Julian noch sonst jemanden.“