„Verdammt, Finian... du glaubst auch nur, was du siehst und was du schon gehört hast, oder?“ Andrew erhob sich und straffte seine Gestalt. „Ist es so abwegig, das sich ein Typ wie ich sich Gedanken um andere Menschen machen könnte? Wenn ich scharf auf dich wäre, hätte ich dich angebaggert, und würde dich nicht zum Essen einladen.“ Er holte tief Luft, nur nicht ausfällig werden.
"Ja! Es ist abwegig. Oder bist du ein verdeckter Samariter? Ich glaube nicht, und jetzt lass mich endlich in Ruhe und ich werfe dich eigenhändig raus!" fauchte Finian ihn an.
„Und dann? Suhlst dich in deinem Selbstmitleid? Verflucht, Finn, was zum Teufel hab ich angestellt? Heute Morgen haben wir uns doch noch ganz normal unterhalten können.“ Andrew sah Finian an, seine Augen sprühten Funken. Er war kurz davor, die Beherrschuing zu verlieren. „Ich bin vielleicht kein Samariter, aber jemand, der der Meinung ist, das du es wert bist, dich näher kennen zu lernen.“
"Wie schmeichelhaft." Finn spuckte ihm regelrecht vor die Füße. "Und was ich tue oder nicht tue,geht dich einen Scheißdreck an." Er mußte sich ebenso zurückhalten, nicht auf ihn loszugehen und Andrew hatte bereits selbst erlebt, wie aggressiv Finn werden konnte.
„Du bist ein ignorantes Arschloch.“ Andrew war nun richtig wütend, die Luft knisterte förmlich zwischen ihnen. Von wegen, er sollte Finian die Chance geben, den wahren Andrew kennen zu lernen. Einen Dreck würde er tun, erstickte der andere die zugegebenermaßen etwas holprigen Ansätze bereits im Keim. „Traure dem Feigling nach, spring von mir aus aus dem Fenster. Kein Wunder, dass es keiner mit dir aushält, wenn du immer so bist. Connor verdient meine vollste Bewunderung.“
Finn sah Andrew aus großen Augen an. Warum er sich dessen Worte so zu Herzen nahm, wußte er nicht, aber sie saßen tief und waren schmerzhaft. Jetzt sah er nur noch rot. Er stürzte nach vorn , umklammerte Andrws Taille mit den Armen und warf ihn um. "Elendes Arschloch..." schrie er ihn an, versuchte sich aufzusetzen und ihm einen Faustshlag ins Gesicht zu versetzen.
Andrew war überrascht, aber nur einen Moment, Er hatte es provoziert, also kam es nicht unbedingt unvermittelt. Er wand sich unter Finian und schlug mit der Faust nach ihm. „Geh von mir runter, du bescheuerter Idiot.“ fauchte er. Wenn Finn wollte, würde er sich mit ihm prügeln, davor hatte Andrew keine Angst.
Die Faust erwischte ihn an der Schläfe und er wankte einen Moment benommen,bevor er Andrew einen Kinnhaken versetzte. Ihm schwindelte und er sah den anderen doppelt. "Schwachsinniger..." zischte er dennoch.
Andrews Kopf fuhr zur Seite und er biss sich auf die Lippe, schmeckte Blut. „Nenn mich nicht schwachsinnig, du sturer Dickschädel. Ich bin nicht schwachsinnig.“ knurrte er und versetzte Finian einen Stoß.
Finn kippte zur Seite, versetzte Andrew aber noch einen Tritt. "Schwachsinnig und dumm wie Stroh!"
„Eingebildet und unverschämt wie eh und je.“ Andrew keuchte leise und drehte sich zur Seite, wischte sich mit dem handrücken über die Lippe. Sie blutete, was nicht verwunderlich war und würde wahrscheinlich anschwellen. Zusammen mit dem blauen Kinn sicher ein atemberaubender Anblick. „Du bist völlig verrückt, Finn.“
Finn gab gar keine Antwort, er lag auf der Seite Andrew den Rücken zugekehrt und atmete schwer. Er wirkte verkrampft und krallte seine Hände in den teuren Hotelteppich.
Andrew richtete sich auf und rückte näher an Finian heran. Er beugte sich leicht über ihn. „Alles okay mit dir?“ fragte er dann besorgt.
"Lass mich in Ruhe..." kam es kraftlos von Finn, der sein Gesicht unter seinem Arm versteckte.
Andrew aber dachte nicht daran, Finian in Ruhe zu lassen. Er strich ihm über die Schulter und legte sich dann einfach hinter ihn, hielt ihm in einer lockeren Umarmung. „Finn“ murmelte er leise. „Was ist denn bloß los?“
Finn schwieg weiterhin, aber irgendwie fühlte sich die Umarmung so vertraut an...so bekannt. Er spürte Andrews Atem in seinem Nacken und versteifte sich plötzlich. Sein Hände...er kannte sie! Aber das war unmöglich, das konnte nicht sein!
Andrew merkte die Anspannung, aber er dachte sich nichts dabei. Seine Finger streichelten Finian unaufdringlich und tröstend und er rutschte noch etwas dichter heran.
Finn spang plötzlich auf, als hätte er einen Stromschlag bekommen. Seine Schläfe begann bereits anzuschwellen und sich rot zu verfärben. Andrew sah nicht besser aus. Er starrte ihn aus großen Augen fassungslos an. "Warst du es?" konnte er sich wispernd durchringen und schluckte schwer.
„Was war ich?“ Andrew konnte im Moment nicht folgen, zumindest wollte er es auch nicht unbedingt. Er musterte Finian und schluckte ebenfalls, konnte sich nicht durchringen, ihn anzulügen. „Ja.“ sagte Andrew deshalb nur.
Finians Gesicht verschloß sich, er presste die Lippen aufeinander, das sie nur noch ein weißer Strich waren. "Raus hier..." wisperte er schließlich und hatte die Augen geschlossen. Er fühlte sich plötzlich vollkommen erniedrigt und hintergangen. Er wollte Andrew nicht mehr ansehen müßen. "Hau endlich ab!"
Andrew versuchte noch was zu sagen, aber er wusste nicht was. „Es ist einfach so passiert, ich konnte nichts dagegen tun..“ murmelte er leise und erhob sich. Das war wohl gründlich in die Hose gegangen und die gemeinsame Suche nach irgendwelchen Eckpunkten in ihrer Vergangenheit konnte er sich jetzt wohl auch abschminken.
"Erspar mir das..." Finns Augen blitzten wie reines Eis. "VERSCHWINDE!" Er hatte sich danach einsam gefühlt, vollkommen leer und Andrew hatte ihn wissentlich benutzt. Es war nicht anonym gewesen, nicht von Andrews Seite aus. Er hatte genau gewußt, wen er vor sich hatte und hatte Finn benutzt. Anstatt ihn zu trösten, hatte er ihn mißbraucht. Für seine eigene Lust und sein Ego.
Andrew sah Finian an und schüttelte den Kopf. Er konnte ja selber nicht genau erklären, warum er das getan hatte. Ihn hatte die Tatsache gestört, das irgendjemand mit Finn hätte vögeln können, aber das würde er ihm sicher nicht auf die Nase binden. Die Lust, die sie geteilt hatten, hatte etwas Vertrautes gehabt, und das hatte Finian auch gespürt. Das wusste Andrew, auch ohne das dieser das sagen würde. „Es ist nicht so, wie du denkst.“ sagte er mit fester Stimme und ging zur Tür, öffnete sie. „Ganz und gar nicht so, wie du denkst.“
Finn sah ihm stumm nach. Als ob Andrew wissen würde was er dachte. Er starrte die geschlossenen Tür einen Moment an, dann kam Bewegung in ihn. Er nahm seinen Koffer und packte seine Sachen ein. Er hätte nie hierherkommen sollen. Weder mit Dylan noch wegen dieser bescheuerten Rückführung. Es gab kein früheres Leben und schon gar keine Verbindung zu diesem widerwärtigem Sack.
Andrew blieb vor der Zimmertür stehen, überlegte einen Moment und ging dann zurück in sein Zimmer. Kaum war er dort, holte er das Handy raus....er musste mit Dante reden, sonst würde er verrückt werden.
Dante seufzte, als er einen Blick auf das Display warf. Er sah Connor an. "Rate mal." und nahm ab. "Was ist los?" fragte er nach.
„Er weiß es.“ sagte Andrew nur und legte wieder auf. Was zum Teufel hatte ihn geritten, Finian das zu sagen? Er hätte lügen sollen.
"Was..." Dante starrte sein Handy an. "Scheiße!" brummte er und fuhr sich durchs Haar. Er klappte sein Handy zu und sah Connor an. "Du solltest dringend nach Finn sehen."
Connor sah Dante etwas verwirrt an. „Ich sollte nach Finian sehen? Was ist denn passiert?“ fragte er, erhob sich aber nichts desto trotz von seinem Stuhl.
"Finn weiß, das Andrew ihn gevögelt hat." gab Dante seine Informaton kurz weiter und stand ebenfalls auf
„Bitte?“ Jetzt entgleisten Connors Gesichtszüge doch kurz. „Wie? Wo? Ach, sags mir nachher, ich gehe nach Finian sehen.“ Er lächelte Dante kurz zu und berührte ihn an der Schulter. „Wir sehen uns später.“ Er drehte sich um und eilte zu den Treppen, um zu Finns Zimmer zu laufen.
Dante lächelte leicht und nickte ihm zu. Er selbst machte sich auf zu Andrew. In Finns Zimmer hatte Connor allerdings kein Glück mehr, dafür vibrierte sein Handy kurz, als eine SMS einging.
Connor lehnte am Türrahmen und nahm sein Handy zur Hand. Er las sie und fluchte leise vor sich hin, stand doch darin, dass Finn zum Flughafen gefahren war und er sich melden würde, wenn er wieder in England war.
Dante klopfte an Andrews Tür. Er befürchtete das schlimmste.
„Komm rein“ krächzte Andrew und erhob sich. Er hatte sich auf das Bett geschmissen und wäre am liebsten nicht mehr aufgestanden.
Dante bereitete sich schon auf das schlimmste vor, aber er war dennoch erschrocken als er Andrew sah. "Scheiße! Hat er dich dafür vermöbelt?" fragte er entsetzt und kam näher, untersuchte die Blessuren näher.
Andrew schüttelte den Kopf. „Nein, geschlagen haben wir uns vorher.“ Er drehte den Kopf weg, es tat weh und er zog zischend die Luft ein. „Irgendwie kam er dann wohl drauf und fragte mich, ob ich es gewesen sei. Und ich konnte ihn nicht anlügen.“ murmelte er.
Dante ließ von ihm ab und setzte sich seufzend. "Und dann?" fragte er nach. Er ehob sich gleich wieder und öffnete die Minibar, goß ihnen beiden einen Scotch ein. Er reichte Andrew das Glas.
„Na was wohl? Er hat mich rausgeschmissen.“ Andrew sah Dante an als hätte dieser gerade behauptet, die Erde sei eine Scheibe. „Er ist mir nicht um den Hals gefallen und hat behauptet, er hätte den besten Sex seines Lebens mit mir gehabt.“ Er griff nach dem Scotch und bedankte sich. „Entschuldige, ich bin leicht durcheinander.“
"Verständlich. Er muß sich ja völlig erniedrigt vorkommen. Hast du dich entschuldigt?" Dante nahm ebenfalls einen Schluck.
„Entschuldigt? Warum?“ Andrew verstand den Sinn nicht. „Er wollte Sex im Backroom. Er hat ihn bekommen. Warum muss ich mich entschuldigen? Ich hab ihn nicht dazu gezwungen.“ Er stürzte den Scotch hinunter und schüttelte sich. „Und wieso erniedrigt?“
Dante seufzte tief. "Ach Will. In einen Backrom geht man, weil man anonymen Sex will. Der war nun allerdings nicht mehr so anonym, weil du genau wußtest, wen du vor dir hast. Finn wußte es nicht. Wie denkst du, fühlt er sich jetzt?"
Andrew sah Dante an. „Befriedigt?“ fragte er dann und seufzte leise. „Es war so nicht geplant. Ich konnte nur nicht zusehen, wie irgendein anderer Finn vögelt. Alles in mir hat sich dagegen gesträubt und ich bin hingegangen, ohne mir das zu überlegen.“
"Andrew!" meinte Dante streng. "Stell dich nicht dümmer als du bist. Er hat den Sex gewollt ja, aber vielleicht hat auch etwas ganz anderes gewollt. Sein Lover hat ihn sitzen lassen..."
„Nähe sucht man nicht in einem Backroom. Und Vergessen findet man da nur zeitweilig, wenn man wieder draußen ist, kommt es noch schlimmer.“ Andrew sah Dante aufsässig ein. „Vielleicht bin ich wirklich so dumm und weiß nichts darüber. Ich habe so gut wie keine zwischenmenschlichen Beziehungen gehabt, Dante.“
"Ja, und das solltest du ändern verdammt." Dante stellte das Glas mit Schwung ab, der Inhalt schwappte ein wenig über den Rand. "Finn braucht jemanden der ihn auffängt, der ihn endlich so nimmt wie er ist und es ehrlich meint. Und so jemanden bauchst du auch. Ihr wärt das perfekte Paar, das sieht ein Blinder! Aber du Hornochse bist vielzu sehr damit beschäftigt, dich weiter davor zu drücken, Gefühle zuzulassen."
„Dante....darf ich dich daran erinnern, dass Finian mich hasst und mich rausgeschmissen hat, bevor du weiter erörterst, wie wir die Hochzeit ausrichten werden?“ Andrew fuhr sich durch die Haare, ging an die Bar und goß sich noch etwas Scotch ein, den er hinunter stürzte. „Ich weiß nicht, wie ich an der Situation wieder etwas ändern sollte.“
"Weil du dich selten dämlich anstellst." Dante seufzte tief. "Außerdem warst du sicher wieder sehr feinfühlig, so wie ich dich kenne."
„Ich habe ihn in den Arm genommen und getröstet. Und dann fragt er mich und ich habe lediglich ja gesagt. Und ihm erklärt, das es nicht so hätte laufen sollen, wie es gelaufen ist.“ Andrew sah Dante etwas eingeschnappt an. „Und ich finde, das war feinfühlig.“
"Ich denke, er hat dich vorher verprügelt?" forschte Dante nach. Das war mit Sicherheit nicht alles, er kannte doch seinen Freund.
„Ich wollte ihn zum Essen abholen. Und als er nicht aufgemacht hat, hab ich den Portier überredet, aufzumachen.“ Andrew schilderte die ganze Situation und setzte sich wieder. „Ich weiß wirklich nicht, was ich machen soll. Wenn ich mich entschuldigen will, dann wirft er mich eh gleich wieder raus.“
"Vielleicht, vielleicht auch nicht. Kommt darauf an wie du dich anstellst. Fang am besten mit einem Telegramm oder so etwas an. Du mußt dich ja nicht unbedingt gleich persönlich auf ihn stürzen. Lass ihm Zeit." schlug Dante vor.
„Ich werde so oder so nicht bei ihm vorbeigehen.“ Andrew biss sich auf der Unterlippe herum, ließ es aber gleich, es tat weh und er hatte das vollkommen vergessen. „Ein Telegramm also. Ist vielleicht keine schlechte Idee. Einfach ne Entschuldigung?“
Dante beobachtete Andrew. "Ich finde, du solltest villeicht gleich einen Brief daraus machen. So mußt du ihm nicht persönlich gegenübertreten und kannst ihm gleichzeitig alles erklären." schlug er vor. Er setzte sich und schlug ein Bein über. "Erklär ihm einfach was passiert ist und warum."
„Und du denkst, er würde einen Brief von mir lesen? Ich habe eher die Befürchtung, dass er ihn gleich zerreißt und in den Mülleimer befördert.“ Andrew lächelte sarkastisch. „Vielleicht sollte ich ihn Connor mitgeben, damit der ihn heimlich irgendwo in Finns Wohnung deponiert.“
"Das ist keine schlechte Idee. Connor wird ihn übergeben und somit sicherstellen, das er ihn auch liest." Dante lächelte Andrew zuversichtlich an. "So, und jetzt komm essen und dann fliegen wir morgen wieder zurück."
„Du traust deinem Freund ne Menge zu.“ Andrew erwiderte das Lächeln. „Ich bin mir immer noch nicht sicher, dass er ihn liest.“ Er seufzte leise und erhob sich dann, straffte sich. Andrew war keiner, der nach außen trug, wenn ihn etwas beschäftigte oder wenn er Kummer hatte. Er konnte es sehr geschickt verbergen und nur Dante wusste, wie es wirklich in ihm aussah. „Dann gehen wir jetzt was essen.“ entschied er.
Dante hatte Andrew mit zum Essen genommen, jeder der drei hatten sich den letzten Abend in Edinburgh mit Sicherheit anders vorgestellt; aber es war ja nicht so, als ob man sich nie wiedersehen würde. Später klärte Dante Connor noch über die näheren Umstände auf, mit denen Finns plötzlicher Aufbruch zusammenhing. Er hoffte Andrew würde den Brief trotzdem schreiben, und wenn sie am nächsten Tag zurück nach England flogen, hätten sich die Gemüter allgemein bereits etwas beruhigt.
Andrew schrieb den Brief am gleichen Abend, richtig schlafen konnte er so oder so nicht. Er entschuldigte sich bei Finian, führte die näheren Umstände auf, warum und wieso und klebte den Briefumschlag schließlich zu.
Er würde ihn ihn London an Connor übergeben, damit dieser ihn an Finn weiterleitete.