„Ich fragte mich schon, wann es denn soweit ist.“
Aidans Augen blitzten vor Vergnügen.
„Aber ich kann dich beruhigen. Eifersucht ist etwas natürliches, wenn man Geschwister bekommt und man merkt, das man nicht mehr gut genug ist.“
Michail lachte spöttisch auf. „Eifersüchtig? Aber mitnichten. Immerhin habe ich dir fast drei Jahrhunderte voraus im Bezug auf Grigori und seine Eigenheiten. Worauf sollte ich eifersüchtig sein? Darauf, dass er mit dir ins Bett steigt? Ich bevorzuge so oder so einen warmen Frauenkörper. Du bist ein neues Spielzeug, nichts weiter.“
„Mir scheint du bevorzugst einiges.“
Aidan leckte sich den Mundwinkel und stützte sein Kinn auf seine leicht geschlossene Faust.
„Nun, dann brauchst du ja keine Angst zu haben“, bemerkte er milde.
„Ich habe auch keine Angst- vor dir.“ Michail lehnte sich bequem zurück und musterte Aidan wie ein lästiges Übel. „Und was ich bevorzuge oder nicht, werde ich dir sicher nicht erzählen. Irgendwann wirst du so oder so verschwinden- auf die eine oder andere Weise.“
„Keine Sorge, du interessierst mich in etwa soviel, wie der Dreck unter deinen Nägeln. Allerdings wirst du eines begreifen müssen, ob es dir schmeckt oder nicht. Ich habe dieselben Rechte wie du.“ Aidans Lächeln blieb auf seinen schmalen Lippen. „Daran wird auch deine Speichelleckerei nichts ändern.“
„Denkst du? Dann bist du schlecht informiert, Bruder.“ Michails Stimme troff vor Gehässigkeit. „Innerhalb eines Clans gibt es so etwas wie eine Hierarchie. Ich bin sehr viel älter als du- demzufolge auch sehr viel stärker. Soviel also zu den gleichen Rechten. Du magst sie deiner Meinung nach vielleicht haben, aber ich bezweifle, dass du sie wirst durchsetzen können.“
„Ich bezweifle stark, das so etwas wie du überhaupt einen Platz in der Gesellschaft hat. Aber es gibt schließlich immer jemanden, der Mitleid hat oder einfach nur dumm ist.“
Aidan lehnte sich zurück und seine Fingerspitzen strichen immer wieder leicht über den Stoff der Sessellehne.
„Ich habe keine Angst vor dir, Michail. Schenk dir deine Drohungen. Akzeptiere meine Anwesenheit. Ich muß es bei dir, ja leider auch tun.“
Michail lächelte und um seinen Mund erschien einen Moment lang ein grausamer Zug. Aidan hatte keine Angst vor ihm- aber er würde sie noch kriegen. Dessen war Michail sich sicher, so sicher, wie die Nacht dem Tage folgte. Aber er ließ den anderen in dem Glauben. „Ich drohe dir nicht, ich stelle nur fest. Ich beuge mich dem Willen meines Vaters- deswegen muss ich ja nicht davon begeistert sein.“ Er wandte einen Moment lang den Blick ab, bevor er Aidan wieder ansah. „ Allerdings bezweifle ich, dass Grigori sich darüber freuen wird, dass du ihn offensichtlich für dumm hältst.“
„Er hat es bereits selbst zugegeben.“ Aidan hob kurz die Schultern. „Von daher wirst du ihm nichts neues erzählen.“
„Aber Antoine hatte Recht. Du bist ein Plappermaul. Du solltest dein Haar wachsen und dir Kleider nähen lassen. Dein Klapperschlangencharme passt eher zu einem Weibsbild.“
Wenn diese Gespräche jetzt jeden Abend so gingen, wurde es schon bald ermüdend. Aidan stand nicht der Sinn nach Rangeleien eines eifersüchtigen Balges.
„Ich wäre sicherlich heiß begehrt. Eine Schönheit vor dem Herrn.“ Michail legte die Fingerspitzen aneinander und musterte Aidan aufmerksam. „Wie geht es eigentlich deinem lieben Freund Antoine? Er ist so schnell nach Frankreich verschwunden, ich hatte gar keine Gelegenheit, mich gebührend von ihm zu verabschieden.“
„Darauf hat er auch keinen Wert gelegt.“
Aidan seufzte leise. Grigori ließ sich aber mächtig viel Zeit. Würde der nicht bald auftauchen, würde er einfach wieder auf sein Zimmer gehen.
„Dort wo er jetzt ist, sehr gut“, erwiderte er nur und betrachtete wieder das Feuer.
„Vermisst du ihn?“ fragte Michail nach, aber Aidan wurde einer Antwort enthoben, da Grigori den Salon betrat. Er sah die beiden jungen Vampire prüfend an und setzte sich in seinen Ohrensessel. Die letzten Worte hatte er noch mitbekommen. „Wer vermisst wen?“ fragte Grigori.
„Guten Abend, Vater.“ Michail neigte den Kopf etwas und fuhr gleich darauf fort. „Ich habe Aidan gefragt, ob er Antoine vermisst.“
Aidan wandte sich Grigori zu, als Michail wieder begann seinen Vater Honig ums Maul zu schmieren. Er machte sich nicht die Mühe ihn zu begrüßen.
„Und ich wollte antworten: Warum willst du das wissen.“
Er bedachte seinen Stiefbruder mit einem gelangweilten Blick.
Grigori zuckte die Schultern. „Ich muss Aidan Recht geben, Michail- es ist nicht von Belang, ob er ihn vermisst oder nicht. Sein Leben ist nicht mehr dasselbe.“
„Ich war nur neugierig. Immerhin hattest du ja ein sehr inniges Verhältnis zu deinem Freund. Es ist nur natürlich, wenn du ihn vermisst- vor allem, wenn du weißt, dass du dich ihm nie mehr so nähern kannst wie zuvor.“ Michail lächelte kurz und fuhr sich dann durch die Haare.
Aidan zwang sich das Augenrollen zu unterdrücken und betrachtete Michail erneut.
„So?“ fragte er nur, desinteressiert.
Wenn Michail nur wüsste, Aidan war ihm bereits einen Schritt entgegen gekommen.
„Es wäre schwierig zu erklären, was du jetzt bist. Findest du nicht auch?“ Michail bemühte sich um einen lockeren Tonfall. Tarnen und Täuschen, war die Devise.
„Nein.“
Aidan richtete sich in seinem Sessel ein wenig auf und drückte dann die Schultern durch. Er fühlte sich verspannt.
„Was ist daran schwierig? Es ist nur eine Frage des Glaubens.“
„Er ist ein Mensch. Du nicht mehr. Glaubst du, du bist in der Lage, dich zu beherrschen, wenn du ihn siehst?“ Michail hatte sich etwas vorgebeugt und beobachtete Aidan genau.
„Du hast es ja angeblich nicht mal geschafft, dich bei dem Diener zu beherrschen.“
Verborgen blieb in diesem Haus kaum etwas, zumindest, was die Dienerschaft anging. Und Michail hielt sich immer sehr gut informiert.
„Keine Frage des Glaubens, sondern eher die Frage, ob du es schaffst, ihn nicht zu töten, während er begreift, was du bist.“
„Ich wusste gar nicht, wie besorgt du um mich bist, mein Bruder“, bemerkte Aidan.
„Aber hab keine Angst, ich kann Antoine nichts antun. Sollte es dich beruhigen.“
Er schenkte Michail ein liebenswürdiges Lächeln.
„Wie poetisch. Du kannst ihm nichts tun?“ Michail warf Grigori einen kurzen Blick zu, der das Gespräch interessiert verfolgte und sah dann wieder Aidan an. „Deine Instinkte sind die eines Raubtieres. Egal, wer vor dir steht, wenn der Hunger zu groß ist, dann…“ den Rest des Satzes sprach Michail nicht aus, das war seiner Meinung nach auch gar nicht nötig.
Nun, wenn Aidan Antoine nichts tun konnte, er konnte es ganz sicher. Und er wäre auch nicht so gnädig, das ganze schnell zu beenden.
„Das hat mit Poesie gar nichts zu tun. Sondern mit reiner Logik“, Aidan betrachtete Michail und bemerkte seine Gier. Sie war ihm deutlich ins Gesicht geschrieben.
„Bevor du anfängst mit sabbern, selbst du kannst ihm nichts anhaben.“
Michail begann zu lachen. „Wenn du meinst.“ Einen Moment später hatte er sich wieder im Griff. „Was meinst du mit Logik? Glaubst du, du hast eine Art Beißhemmung, wenn du ihn siehst?“
Grigori wandte sich an Aidan. „Was genau meinst du damit?“ Auf Michail Gerede ging er nicht ein, das war ihm zu dumm.
„Ich denke, es würde Michails Freude etwas trüben, seine sadistischen kranken Spielchen an einem Toten vorzunehmen. Ich kann mich auch täuschen. Nekrophilie würde durchaus zu ihm passen“, wandte sich Aidan an Grigori, und sprach über seinen Bruder als wäre er gar nicht da.
Michail hatte keinen Hehl aus seiner Abneigung ihm gegenüber gemacht, warum sollte er es tun!?
Michail schwieg, aber der pure Hass blitzte für einen Moment aus seinen Augen.
„Antoine ist tot?“ Grigori war überrascht und das sah man ihm auch an. „Seit wann?“
„Nun, seit das Schiff untergegangen ist, nehme ich an.“
Aidan hob unbeteiligt die Schultern. „Soweit ich weiß, sind Menschen keine Kiemenatmer.“
Michail ignorierte er vorerst. Er schätze, das er mittlerweile einen noch sehr viel qualvolleren Tod durch ihn erleben würde, als bisher. Vielleicht trieb er ihn auch soweit, das er im Affekt zuschlug. Keine schlechte Idee. So würde er ihm selbst noch als Leiche hämisch entgegengrinsen können.
Grigori runzelte die Stirn. „Nun ist mir auch klar, warum du zu mir gekommen bist.“ stellte er sachlich fest. „Es tut mir leid.“ Und das tat es wirklich, er wusste ja, wie Aidan und Antoine zueinander gestanden hatten.
Michail konnte sich beherrschen. Im Affekt würde er sicher nicht zuschlagen, das machte ja keinen Spaß. Ein zu schneller Tod wäre kontraproduktiv.
Aidan machte nur eine wegwischende Handbewegung.
„Genug des Seelenstriptease für heute?“ fragte er nach und hatte sich auch schon erhoben.
„Ich wünsche dir eine gute Nacht.“ Grigori nickte Aidan zu, festhalten konnte er ihn so oder so nicht und er hatte es auch nicht vor.
Michail wollte sich natürlich noch nicht zurückziehen. Er würde die Gelegenheit nutzen, mit Grigori zu reden. Allerdings machte ihm dieser einen Strich durch die Rechnung.
„Du kannst dich auch zurückziehen, Michail. Ich werde noch ein paar Seiten lesen und wäre gern allein.“
Aidan nickte ihm zu und verließ den Salon. Ein zufriedenes Lächeln konnte er sich dennoch nicht verkneifen.
Er konnte förmlich riechen, wie das gegen Michails Rechnung ging. Dieses Zusammenleben würde sich als sehr amüsant gestalten, stellte er fest.
Auf seinem Zimmer angekommen, zog er die dicken Vorhänge vor das Fenster und warf sich aufs Bett.
Was stellte man an, wenn man nun unendlich viel Zeit hatte?