Alec war perplex und konnte nicht reagieren, sondern Kai nur blöde hinterher sehen. Er erhob sich und strebte dem Ausgang zu. Als er bei Kye vorbeikam, meinte er nur: “Ich habe nichts gemacht oder gesagt, also spar die deinen Kommentar. Ich schau mal nach ihm.” Alec warf einen Geldschein auf den Tresen und verließ die Bar. Draußen angekommen, schaute er sich suchend um.
Ken runzelte die Stirn, doch bevor er seinen Senf dazugeben konnte, war Alec schon nach draußen verschwunden. “Ich sollte ihm besser auch nachgehen.” meinte er leise.
Kai war nicht weit gekommen. Er lehnte an der Mauer, neben der Tür und hatte sich vorn übergebeugt. Die Arme auf den Oberschenkeln abgestützt, den Kopf gesenkt versuchte er sich zu beruhigen und das Hyperventilieren einzustellen.
„Und warum sagst du mir das, und tust es nicht einfach?“, meinte Kye schroff.
Alec hatte Kai entdeckt und ging zu ihm. “Ruhig atmen” sagte er, als er den Zustand des anderen erkannte. “Es ist alles in Ordnung.” Er versuchte, ruhig zu bleiben, damit Kai merkte, dass er ihm helfen wollte.
“Weil ich ein höflicher Mensch bin und dir sagen wollte, warum ich dich jetzt einfach so sitzen lasse.” Ken rutschte vom Barhocker und ging nach draußen. Beim Anblick von Kai wurde er blass und er kam ebenfalls hinzu. “Brauchst du einen Krankenwagen?” fragte er besorgt und legte ihm die Hand auf die Schulter, nachdem er sich an Craven vorbeigedrückt hatte.
„Fass mich nicht an!“, fauchte er und entzog sich Ken ruckartig. Er prallte gegen Alec und seine Panik steigerte sich wieder. Hart stieß er sich von ihm ab und taumelte auf die Straße.
Er zwang sich ruhig einzuatmen und sah dann beide an.
„Tut mir leid. Lasst mich in Ruhe“, presste er hervor und zermahl dabei Sand zwischen den Zähnen. „Es geht mir gut.“
Ken war zu erschrocken, um gekränkt zu sein. Zumal es nicht die erste Abfuhr war, die er sich geholt hatte. “Ja, das sehe ich.” schnaubte er und kam wieder näher, machte aber keine Anstalten mehr, Kai anzufassen. “Wenn du okay bist, dann können wir ja nach Hause gehen.”
Alec runzelte die Stirn ob des Ausbruchs. “Ich lasse dich in Ruhe, keine Sorge. Aber erst, wenn ich mich davon überzeugt habe, dass du gut wieder zu Hause angekommen bist. Demzufolge werde ich euch beide nach Hause fahren. Rührt euch nicht von der Stelle, ich muss Kye nur Bescheid sagen.” Ohne irgendwelche Widerworte abzuwarten, verschwand Alec wieder in der Bar.
Kai fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. Er hatte sich einigermaßen beruhigt und wischte sich den kalten Schweiß von den Schläfen.
Er sah nur noch Alec verschwinden. Aber er hatte nicht vor bei irgendjemanden in den Wagen zu steigen.
Unsicher betrachtete er Ken. Jetzt wusste er wieder, warum er keine Freunde hatte und sich nie welche zulegen wollte.
„Ich fahre mit dem Bus“, teilte er ihm mit. Entschuldigen würde er sich später.
“Dann fahre ich mit dir.” Ken hatte keine große Lust mehr auf Craven und seinen schweigsamen Freund, er machte sich echte Sorgen um Kai und würde ihn auf keinen Fall allein lassen. “Gehen wir.” Und ohne ein weiteres Wort setzte sich Ken in Bewegung, auf die Bushaltestelle zu, die ein paar Blocks weiter lag.
Alec war in der Zwischenzeit wieder zurück in der Bar und stand neben Kye. “Der Kleine ist ein wenig hysterisch. Ich werd ihn und Ken nach Hause fahren. Gehst du gleich mit oder wartest du hier auf mich? Ich komme dann später wieder.”
„Ein wenig hysterisch“, wiederholte Kye langsam und schüttelte schließlich den Kopf. „Ich warte und halte mich an meinem Whiskey fest.“
“Ja, so irgendwie. Und ich habe keine Ahnung, warum. Wahrscheinlich ist er ein Psycho und ich sollte mir lieber keine Gedanken darum machen.” Alec fuhr sich durch die Haare und nickte dann. “Ich bin in 20 Minuten wieder hier.”
Er ging nach draußen, aber von Ken und Kai keine Spur. Na schön, dann eben nicht. Deutlicher konnte man nicht werden und Alec würde ihnen sicher nicht hinterherlaufen. Also kam er zurück zu kye in die Bar und ließ sich neben ihm auf dem Barhocker nieder. Er bestellte noch Whiskey, so etwas konnte man nüchtern kaum ertragen.
„Das ging aber schnell“, scherzte Kye.
„Was ist passiert?“, fragte er schließlich und sah seinen Freund von der Seite an. Ein wenig besorgt vielleicht.
Alec stürzte seinen Whiskey hinunter und bestellte gleich noch mal zwei. “Sie waren nicht mehr da. Und hinterher laufen werde ich ihnen sicher nicht, zumal Kai sehr deutlich gesagt hat, ich soll ihn in Ruhe lassen.” Er wandte sich Kye zu.
“Der Kleine war wirklich völlig durcheinander, am hyperventilieren. Und das nur, weil ich ihn gefragt habe, warum er der Meinung ist, das mir einiges nicht bewusst ist. Ich war nicht schroff, ich war nicht barsch, ich war nicht ich, verstehst du?”
„Und du glaubst du bist der Grund für diesen Ausbruch?“ hakte Kye nach. Die Stirn überlegend in Falten gezogen.
“Nein, eigentlich nicht. Ich war freundlich. Deswegen bin ich ja so geschockt. Wenn es anders gewesen wäre, hätte ich es verstanden.” Alec griff nach dem neuen Whiskey, den der Barkeeper schon hingestellt hatte und nippte daran.
“Mich würde interessieren, was in dem Jungen vorgeht. Er hat ja nicht nur mich verblüfft, sondern Sutherland wohl auch.”
Nun wandte Kye den Kopf um Alec anzusehen.
„Und warum willst du das wissen? Was versprichst du dir, oder ihm davon?“
“Ich könnte solche Situationen in Zukunft vermeiden, wenn ich wüsste, was Sache ist.” sagte Alec und erwiderte Kyes Blick ruhig. “Würde in keine Fettnäpfchen mehr treten, angeschrieen und dann einfach stehengelassen werden.”
„Dann willst du ihn wiedersehen“, stellte Kye ruhig fest.
“Ich werde ihn zwangsläufig wieder sehen.” Alec ging gar nicht auf die Feststellung ein. “Er wird sich sicher noch mehr Bücher ausleihen im Laufe seiner Collegezeit.”
"Davon rede ich nicht", brummte Kye.
“Ich weiß.” Alec seufzte leise und zuckte die Schulter. “Ich habe keine Ahnung, was ich will. Und das ist die reine Wahrheit.”
Kai starrte in die Nacht hinaus. Seine Stirn lehnte gegen das kühle Fensterglas. Das Brummen des Motors beruhigte ihn.
„Tut mir leid“, begann er leise mit ziemlich rauer Stimme. „Ich wollte dich nicht so angiften.“
Ken hatte die Arme vor der Brust verschränkt und die Beine weit von sich gestreckt. Er fühlte sich müde, obwohl er eigentlich nichts Kräftezehrendes unternommen hatte. Das monotone Geräusch des fahrendes Busses hatte ihn vor sich hindösen lassen und so wandte er langsam den Kopf, als Kai anfing zu sprechen. “Es macht nichts. Ich hab es schon vergessen, Kai.” Ein prüfender Blick über dessen Gestalt, dann sprach Ken weiter: “Geht es dir jetzt besser?”
„Nein.“
Kai starrte weiter hinaus. Die vorbeirauschenden Straßenlaternen hypnotisierten ihn fast.
Er war froh, das morgen Samstag war. Einen Tag mit Vorlesungen hätte er nicht überstanden.
Jetzt wollte er nur noch in sein Bett. Und zwei Schlaftabletten. Dann würde er wenigstens nicht träumen.
“Kann ich etwas für dich tun, damit es dir besser geht? Verschwinden, dich nie wieder ansprechen oder vielleicht heute Nacht auf deinem Sofa pennen, damit du nicht allein bist?” Ken stellte die Frage leise und sah dabei auf den Hinterkopf des Busfahrers. Zum Glück war es nicht allzu voll, die Nacht war ja noch jung und vielen fuhren erst in die Stadt hinein anstatt aus ihr heraus.
„Ich habe nicht mal ein Sofa auf dem du pennen könntest.“
Kai schob die Hände unter die Achseln und die Schultern hoch.
„Ich werde dann gleich ins Bett gehen. Ich bin müde.“
“Ich wollte dir eigentlich sagen, dass du mich anrufen kannst, wenn du mich brauchst.” Ken sah Kai wieder an. “Auch, wenn ich dich quasi überfallen habe und wir uns noch gar nicht richtig kennen. Ich weiß nicht, ich habe ein wenig Ahnung von dunklen Geheimnissen und Dingen, die man lieber vergessen würde und wäre froh gewesen, wenn ich früher jemanden zum reden gehabt hätte.”
Nun sah Kai ihn zum ersten Mal wieder an.
„Darüber kann man nicht reden.“
Und er hatte keine Lust auf Mitleid und die Blicken die man ihm zuwarf. Als wäre er ein verletztes Tier, das man auf der Straße aufgelesen hat und weiß, das es eingeschläfert werden muss weil keine Chance auf Heilung besteht.
“Du musst auch nicht drüber reden. Ich will dir nur sagen, dass ich da bin.” Ken sah Kai für einen Moment in die Augen. Ihm hatte damals jemand gefehlt, der ihn einfach nur mal in den Arm genommen hätte, einfach da gewesen wäre.
Kai zuckte nur die Schultern und sah wieder aus dem Fenster. Als sie ausgestiegen waren, atmete er erst einmal tief die kühle Nachtluft ein. „Ich werde mich jetzt verziehen. Schönen Abend noch.“
“Okay.” Ken war hinter Kai aus dem Bus gestiegen und nickte. Der andere wollte seine Gesellschaft im Moment nicht und er war klug genug, sich nicht weiter aufzudrängen. “Gute Nacht, Kai. Wenn du morgen Lust hast, können wir uns ja auf ein Eis in der Cafeteria treffen. Du hast meine Handynummer, ruf mich an.” Ken winkte und setzte sich dann in Bewegung, auf seinen Appartementkomplex zu.
Das Wohnheim war wie ausgestorben gewesen. Eine Wohltat für Kai und er hatte es mehr als begrüßt.
Am nächsten Morgen war er sehr früh aufgestanden und hatte sich an den See auf dem Campus zurückgezogen. Damit war ein weiter Weg verbunden, aber das störte ihn nicht.
Eher genoss er die Stille.
Ken hatte sich noch eine Weile vor die Glotze gesetzt, nachdem er zu Hause angekommen war. Aber das Programm lief an ihm vorbei, sein Kopf war mit anderen Dingen beschäftigt. Mit Kai und außerdem, mit Cravens Freund, Kye. Der hatte es ihm schon angetan, aber Ken war Realist genug, um sich keine allzu großen Hoffungen zu machen.
Dementsprechend schlecht hatte er geschlafen und war für seine Begriffe viel zu früh wach. Da er nicht mehr einschlafen konnte, beschloss er, ein wenig mit dem Fahrrad durch das Gelände zu fahren und später vielleicht zusammen mit Kai zu frühstücken. Vorausgesetzt, dieser wollte ihn überhaupt sehen.
Die Uni erwachte einige Stunden später zum Leben. Es war Wochenende und die meisten kamen erst jetzt wieder zu sich.
Kai hatte keinen Hunger. Er hatte nicht in der Mensa vorbei gesehen und Mittagessen würde er wohl auch ausfallen lassen.
Er hatte sich in seine Arbeit vergraben. Das tat er meistens.
Ken war ein wenig durch die Gegend gefahren, es hatte ihm gut getan und geholfen, dass seine Gedanken nicht immer um Kye kreisten. Den musste er sich eh aus dem Kopf schlagen, also sollte er auch bald damit anfangen.
Kurz vor dem Mittag kam er zurück und beschloss, einfach mal bei Kai vorbeizugehen. Allein essen gehen wollte er nicht und für einen Brunch war die Zeit grade richtig. In etwas wusste er ja, wo dieser wohnte, also lief er gutgelaunt dort hin und studierte die Briefkästen. Irgendwo musste ja schließlich Miahira stehen.
Es dauerte, aber schließlich wurde Ken fündig und läutete.
„Was gibt’s?“
Kai hatte zwei Bücher unter dem Arm klemmen und kramte nach seinem Schlüssel, als er hinter Ken stand.
Ken fuhr zusammen und drehte sich ruckartig um. Dabei hätte er Kai fast schon wieder von den Beinen geholt, wenn er nicht reflexartig zugegriffen hätte.
“Gott, erschreck mich nicht so.” Er atmete tief ein und grinste dann etwas schief. “Alles okay? Ich wollte dich eigentlich nur zum Essen abholen, nicht umschmeißen.”
Kai entzog ihm seinen Arm.
„Ich habe keine Hunger, aber danke das du fragst.“ Er hatte seinen Schlüssel gefunden und sah Ken an. „Aber wenn die ein paar Sandwichs aus dem Automaten reichen, kannst du gern rein kommen.“
“Okay.” Ken lächelte strahlend, er war, was das Essen betraf, nicht so anspruchsvoll. Hauptsache, es schmeckte und machte satt. “Ich lade dich gegen später auf einen Kaffee oder ein Eis ein, wenn du magst.” Etwas verlegen schob er seine Hand, die nun nicht mehr Kais Arm festhielt, in die Hosentasche.
Im Zwischengang befanden sich mehrere Automaten. Und Kai wartete bis sich Ken entschieden und sein Mittag gezogen hatte.
In seinem Appartement grüßte er seine Mitbewohner nur flüchtig und verzog sich in das nebenanliegende Zwei-bett-zimmer. Sein Bettnachbar war schon ausgeflogen und Kai bot Ken sein Bett an, während er sich an den schlichten Schreibtisch setzte und seine Bücher ablegte.
Ken nickte den andern zu und setzte sich dann vorsichtig auf Kais Bett. Seine Schuhe streifte er ab und zog die Füße hoch. “Bist du sicher, dass du nichts essen willst?” fragte er mit einem entwaffnenden Lächeln und hielt sein Sandwich hoch. “Ich teile mit dir.”
„Ich sagte doch schon, das ich keinen Hunger habe.“
Wäre er ein Hund gewesen, hätte er bedrohlich die Zähne gefletscht. „Nein danke“, lehnte er schon ruhiger ab und schlug ein Buch wieder auf.
„Was hast du heute vor?“, wollte er sich an ein anderes Thema wagen und die unangenehme Situation umschiffen.
“Schon in Ordnung.” Ken zog seine Hand wieder zurück und zuckte die Schulter. Er würde in Zukunft keine Entscheidung mehr in Frage stellen. Mit Genuss packte er das Sandwich aus und biss hinein. “Ich habe nichts vor. Gegen Abend werde ich noch ein wenig in meine Bücher schauen und etwas ausarbeiten. Aber das ist nicht viel und schnell gemacht.” Er musterte Kai einen Moment lang, bevor er sich wieder auf sein Sandwich konzentrierte. “Warum fragst du? Möchtest du etwas zusammen mit mir unternehmen oder willst du mich lieber loswerden?”
Kai seufzte und er betrachtete Ken.
„Weil ich es einfach nur wissen wollte.“ Mehr sagte er nicht dazu, sondern widmete sich wieder seinem Buch.
„Hast du dich gut unterhalten?“, fragte er nach geraumer Zeit dennoch nach.
“Ich dachte nur.” Ken leckte sich die Lippen und nickte dann. “Na ja, unterhalten… ich habe die ganze Unterhaltung meist allein bestritten. Kye scheint nicht der gesprächige Typ zu sein. Und du?”
„Aber er scheint dich nicht abgewürgt zu haben.“ Kai wandte sich ihm zu und lächelte leicht.
„Oder hat er dich schlicht ignoriert?“
“Ich weiß es nicht. Ab und an hat er was gesagt.” Ken legte das halbgegessene Sandwich weg und wurde ernst. “Aber es ist eh unerheblich, weil ich da eh keine Chance habe.” Er sah Kai an. “Ich bin wirklich schlimm, nicht wahr? Ich rede nur von mir, dabei wollte ich dich besuchen, weil ich wissen wollte, wie es dir heute geht.”
„Ich habe dich ja auch gefragt“, gestattete sich Kai diese Bemerkung und wandte sich wieder um.
„So unerheblich scheint es für dich ja nicht zu sein.“ Mit dem Bleistift pochte er einen unsteten Rhythmus auf die aufgeschlagene Seite des Buches.
„Wie heißt er überhaupt?“
“Trotzdem. Du musst ja weiß Gott was denken.” Ken seufzte leise. “Er heißt Kye. Kye Montgomery.” Er zog die Beine an und legte das Kinn auf seine Knie.
“Kai, was meinst du? Ich weiß, du kennst mich nicht, aber denkst du auch, dass ich da keine Chance habe? Ich besitze kein besonders großes Selbstbewusstsein, auch wenn ich mich redlich bemühe, das nicht zu zeigen.”
„Dafür müsste man erst einmal wissen, ob er überhaupt auf Männer steht. Meinst du nicht? Und wenn wir die Tatsache außer Acht lassen, das er ein Professor ist und du ein Student; den Altersunterschied und das du ihn erst einmal gesehen hast. Dann würde ich sagen es besteht eine Möglichkeit.“
Kai zuckte bedauernd die Schultern. „Aber ob du eine Chance hast oder nicht, zeigt sich wohl erst, wenn du es versuchst.“
Ken machte ein Gesicht wie Bambi, dessen Mutter man grade erschossen hatte. “Ja, ich weiß. Aber irgendwie trau ich mich nicht, weder zu fragen noch, es zu probieren. Nicht nur, dass ich kaum eine Möglichkeit habe, ihn zu sehen, ohne das er Schwierigkeiten kriegt, ist es auch so, dass ich Angst habe, ihn mit meinem Dauergequassel zu nerven. Ich weiß ja, wie ich sein kann. Mein Psychoheini hat immer gesagt, es wäre meine Art, alles zu verarbeiten.” Er lächelte etwas schief.
„Schon. Aber das müssen deine Mitmenschen ja nicht auch, oder?“
Kai lächelte ihm zu. „Lass es auf dich zukommen. Du wirst schon sehen, das wird wie von allein gehen.“
“Dein Wort in Gottes Ohr, Kai.” Ken erwiderte das Lächeln, allerdings nicht ganz so enthusiastisch wie noch vor einiger Zeit. “Schwul zu sein ist schon nicht lustig, aber sich dann womöglich noch in einen Hetero zu vergucken, das ist tödlich.”
„Worin besteht da der Unterschied?“ Kai zuckte die Schultern. „Ist doch egal, ob schwul oder hetero. Wenn ein Mensch die Gefühle eines anderen nicht erwidert, ist es immer schwer. Man kann eben nichts erzwingen.“
“Du hast schon recht. Im Prinzip sollte es auch egal sein, in wen man sich verliebt, allein der Mensch zählt und nicht das Geschlecht. Leider ist es in unserem Land noch nicht überall angekommen.” Ken spielte mit seinen Zehen und sah Kai nicht an.
„Das kann man auch nicht sagen. Gegen seine Natur kann man sich nicht wehren. Das ist alles.“
Kai betrachtete ihn, wie er auf seinem Bett saß wie ein Häufchen Elend.
“Kann man auch nicht. Egal, wie vehement man davon überzeugt werden soll, dass es etwas unnatürliches ist.” Ken war in Gedanken versunken und schauderte plötzlich, dann sah er auf und Kai an. Ein Lächeln zierte sein Gesicht. “Danke, dass du mir zuhörst.”
„Ich bin nicht taub. Daher bleibt mir nichts anderes übrig.“ Kai lächelte noch immer.
„Nun, es kommt darauf an, um was es geht.“
Ken verzog das Gesicht. “Ich mein das ernst. Jeder andere hätte abgeschaltet und gar nicht mehr zugehört. Hab ich alles schon erlebt.” Kurz darauf grinste er aber schon wieder. “Meine intimen Geheimnisse erzähle ich dir nur, wenn du unbedingt drauf bestehst. “ Leise lachend platzierte Ken seine Knie wieder auf dem Bett und schob die Füße unter seinen Hintern.
„Das meinte ich eigentlich nicht“, bemerkte Kai, doch hob dann leicht die Schultern. „Aber erzähl ruhig. Ich hör gerne zu.“
“So. Du willst also meine Geheimnisse wissen?” Ken ruckelte sich bequem zurecht und überlegte dann. “Ich glaube, so viel ist das gar nicht. Ich habe Angst vor Spinnen, aber noch mehr vor Gewittern, meine Kindheit war ein Alptraum und ich quassle, um meine Unsicherheit zu kaschieren. Mehr gibt es eigentlich nicht zu sagen.”
Kai betrachtete ihn einen Moment lang.
„Du redest wirklich viel“, stellte er fest. „Und meinst nicht was du sagst. Du solltest in die Politik statt in den Journalismus eintauchen.“
“Wie meinst du das?” Ken sah Kai ernst an. Das er viel quasselte, war nichts neues. “Soll ich dir wirklich erzählen, dass ich auf Dirty Talk stehe und beim Sex nicht grade leise bin?”
„Woher soll ich das wissen, was du mir wirklich erzählen willst. Aber wenn du es sagst, solltest du es auch so meinen. Alles andere ist Unsinn.“ Kai hob die Schultern. „Und ob ich das hören will, steht auf einem ganz anderem Blatt.“
Ken seufzte und nickte. “Du hast recht. Eigentlich wollte ich dir andere Dinge erzählen. Diese Sachen hab ich noch keinem erzählt und komischerweise hab ich bei dir das Gefühl, dass du das verstehen würdest. Ich kann nicht sagen, wieso.” Er sah Kai in die Augen und verschränkte die Arme, rieb sich mit den Handflächen über die Oberarme, so als wäre ihm kalt. Was angesichts der Temperaturen draußen unwahrscheinlich war.
Kai erwiderte seinen Blick nur und widmete sich wieder seinem Buch.
„Besuchst du ihn noch? Deinen ‚Psychoheini’?“, fragte er nach und legte einen besondere Betonung auf das letzte Wort.
“Manchmal. Früher war ich jede Woche einmal, jetzt gehe ich nur noch, wenn es mal wieder besonders schlimm ist.” Ken lächelte leicht. “Seit ungefähr 5 Jahren. Darauf bin ich irgendwie stolz- ihn nur noch aufzusuchen, wenn es nicht mehr anders geht.”
„Es zeigt das du allein damit klar kommst. Darauf kann man stolz sein“, fand Kai.
„Fünf Jahre ist eine lange Zeit.“
“Es hat auch lange genug gedauert, bis ich so weit war.” sagte Ken überlegend. “Im Vergleich zu den 8 Jahren davor, die ich regelmäßig gegangen bin, sind 5 Jahre aber schon ein großer Fortschritt. Liegt sicher auch daran, dass ich von zu Hause weg bin.”
Nun wandte Kai sich wieder um. „Wie meinst du das?“
Er verstand nicht wirklich, was Ken da gerade erzählt hatte.
“Ich gehe seit 5 Jahren nur noch ab und zu zum Psychiater. Vorher bin ich acht Jahre lang regelmäßig gegangen, immer einmal die Woche, die letzten beiden Jahre zweimal im Monat. Meine Mutter hat darauf bestanden.” Ken hatte sich wieder losgelassen und die Hände in den Schoß gelegt. “Deswegen meinte ich, dass 5 Jahre ein großer Fortschritt sind.”
„Acht Jahre Therapie und fünf Jahre sporadische Besuche. Du musst wirklich einen an der Waffel haben.“
Kai meinte das nicht abwertend. Es hörte sich sowieso eher verblüfft an, als beleidigend.
“Ja, da hast du wohl Recht. Ich habe sehr, sehr lange gebraucht, um so zu werden, wie ich jetzt bin.” Ken zuckte die Schultern, es war, wie es war. Die Gesprächstherapien hatten ihm gut getan. “Ich hoffe nur, du hältst mich jetzt nicht für einen völlig durchgeknallten Psychopaten.”
„Doch natürlich“, bemerkte Kai trocken und widmete sich wieder seinem Buch.
“Und trotzdem gibst du dich mit mir ab?” fragte Ken und zog sein Bein hervor, setzte sich wieder ordentlich hin.