Lukas sah ihm nach und ließ die Luft nach draußen, die er unbewusst angehalten hatte. Gott, so ein Mann in dieser Einöde, kaum zu glauben.
Als er diesen Ort betreten hatte, war ihm klar gewesen, warum es Klaus in die Stadt gezogen hatte....mit seinen Neigungen war hier kein Blumentopf zu gewinnen. Klaus hatte immer gesagt, das ihn die Umgebung zu ersticken drohte, das seine Eltern ihn nicht akzeptieren konnten...das sie erwarteten, das er heiratete und das Gasthaus übernahm.
Lukas stellte seine Reisetasche auf das Bett und ließ sich auf der Kante nieder.
Ja Klaus.....er hatte ihn kennengerlernt, als er frisch in die Stadt gekommen war und sie waren eine Zeitlang ein Paar gewesen....na ja, so was ähnliches. Lukas war mit Klaus One Nights nicht einverstanden gewesen, er war der Typ, der treu war. Klaus konnte das nicht....es war, als wollte er alles nachholen, was er hier in diesem Nest versäumt hatte....und das hatte er auch getan. Lukas war dabei immer unglücklicher geworden....und schließlich hatten sie sich getrennt. Gute Freunde waren sie allerdings geblieben, er hatte eingesehen, das Klaus eben eine andere Auffassung hatte.
Klaus war um die Häuser gezogen und Lukas hatte sich in seine Arbeit vergraben, er war Schreiner und beschäftigte sich hauptsächlich mit der Restauration von alten Möbelstücken. Diese Arbeit liebte er, sie hatte ihn damals abgelenkt und Lukas hatte kaum gemerkt, wie der Kontakt zu Klaus immer weniger und seltener geworden war.
Hatten sie sich anfangs jeden Zeit Tag gesehen oder telefoniert, lagen bald bis zu drei Monaten dazwischen.
Lukas sah auf seine Hände, er konnte sich an den Tag erinnern, als er von einer gemeinsamen Freundin angerufen wurde, die ihm erzählte, das Klaus tödlich verunglückt war und das schon vor zwei Wochen.
Und er hatte nichts gewusst, nichts geahnt, weil er sich schon zwei Monate nicht gemeldet hatte. Das schlechte Gewissen plagte ihn und das erste Mal in seinem Leben hatte er sich getraut, bei Klaus Eltern anzurufen und zu fragen, wann denn die Beerdigung sein würde.
Kurz und knapp bekam er mitgeteilt, das sie am morgigen Tag angesetzt war und das sein Anwesenheit so oder so nicht geduldet würde.
Klaus Mutter war der Meinung, die Stadt habe ihren Jungen verführt, umgedreht, mit der Seuche Homosexualität angesteckt und sie wolle ganz sicher keine seiner perversen angeblichen Freunde am offen Grab haben. Dann hatte sie aufgelegt.
Lukas durchlief ein Schauer, als er daran zurückdachte. Er war nicht gegangen, er wollte einen Eklat am Grab vermeiden. So hatte er nicht einmal die Möglichkeit gehabt, sich von Klaus zu verabschieden...und deswegen war er jetzt hier, deswegen und noch wegen etwas anderem.
Er wollte den Ort sehen, wo Klaus aufgewachsen war, wollte sich ihm wieder so nahe fühlen wie früher. Auch wenn Lukas schon längst über die Liebe hinweg war... er hatte ein erbärmlich schlechtes Gewissen.
Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn er die Untreue des anderen geduldet hätte, nicht den Kontakt zu dem anderen hätte so weit abreißen lassen.
Er zuckte zusammen, als von unten eine Stimme rief, er hatte sich doch frisch machen wollen.
Lukas sprang auf und zog sich den Pulli über den Kopf, verschwand in Richtung Bad, jedoch nicht ohne ein „Ich komme gleich“ zurückgerufen zu haben.
Martin musste sich unterdessen seiner Mutter stellen und kam sich vor wie unter den Augen der Inquisition.
„Freund....Martin, das ich nicht lache. Ist er dein Freund?“ fragte sie ziemlich direkt, während sie ihn betrachtete, wie er Teller auf den Tisch packte.
Martin verdrehte die Augen. „Mam...ich habe keinen Freund. Und wenn doch, wäre ich nicht so blöd, ihn hierher zu schleppen, damit das ganze Dorf sieht, ey der Wiesinger Martin steht auf Kerle. Der Pfarrer würde mich vom Friedhof jagen.“
„Der katholische Pfarrer sollte sich lieber bedeckt halten, seine Haushälterin bügelt auch nicht nur seine Hemden.“ Heide Wiesinger gab sich ungerührt. „Und der evangelische ist ein sehr aufgeschlossener Mann. Keiner wird es wagen dich vom Friedhof zu jagen, du hast ne blühende Phantasie.“
Martin seufzte leise. „Trotzdem, wir sind ne kleine Gemeinde. Und außerdem bedeutet Freund nicht, das dieser Freund dann automatisch auch schwul ist.“
„Hm.. soso....und wo hast du ihn kennen gelernt?“ fragte seine Mutter unerbittlich weiter.
„Wenn du es genau wissen willst, ich hab ihn auf dem Friedhof getroffen, vorhin. Zum ersten Mal in meinem Leben. Er hat Klaus Grab besucht und mich nach einem Zimmer gefragt. Als ich ihm das Lamm genannt habe, meinte er, er würde lieber in einem Kuhstall schlafen. Also kam ich auf die Idee ihn mitzubringen, weil er mir leid tat.“
Martin sah seine Mutter mit funkelnden Augen an, ihn nervte die Fragerei.
„Klaus Breuninger? Das ist ja interessant....warum war er wohl nicht bei der Beerdigung?“ Die Augen seiner Mutter blitzten und Martin beeilte sich zu sagen, das sie das nichts anginge und sie nicht fragen sollte.
„Jaja...“ Heide Wiesinger winkte ab. „Ich werd dich schon nicht blamieren. Ach übrigens, wusstest du, das Klaus angeblich homosexuell gewesen sein soll? Wäre interessant zu wissen, ob das stimmt.“
„Was soll daran interessant sein? Klaus ist tot, und er kann nicht mehr ja oder nein sagen..“ Martin wurde langsam sauer, er verstand den Sinn dahinter nicht.
Seine Mutter seufzte. „Ist mir schon klar, das du immer noch allein bist.. bzw. das du von deinen Touren in die Stadt immer allein zurück kommst. Du hast ja so gar keinen Durchblick.“
Sie ließ sich aber auch nicht weiter drüber aus, was sie meinte und ihren Sohn unwissend im Regen stehen.
Der wollte noch etwas erwidern, hörte dann aber Schritte auf der Treppe und hielt die Klappe. Lukas kam herein, ein wenig schüchtern und lächelte.
„Vielen Dank für die Gastfreundschaft“ sagte er artig, als Heide ihn nötigte, sich zu setzen.
Martin hatte den Dunkelhaarigen heimlich beobachtet, er hatte einen anderen Pullover an und sah irgendwie viel besser aus als vorhin...aber vielleicht hatte er auch in diesem Moment einen Knick in der Optik.
Seine Mutter hatte ihn bereits zwei Mal angesprochen und Martin wurde rot, als er merkte das er immer noch dämlich in der Gegend rumstand anstatt sich zu setzen.
„Greift zu und esst ordentlich... heute sind wir allein, dein Vater kommt doch später. Er hat vorhin angerufen“ Die mollige Frau setzte sich und reichte die Schüsseln herum. Kartoffeln, Gemüse und Buletten...ein Lieblingsgericht von Martin.
Lukas hatte Martin betrachtet und ein kleines Seufzen lag auf seinen Lippen, das jedoch nicht raus gelassen wurde. Wie sollte er auch erklären, das er den Blonden förmlich anschmachtete? Martin war groß und kräftig, aber nicht fett, er hatte große Hände, die sicher fest zupacken konnten und durch seine Arbeit im Freien auch eine gesunde Hautfarbe. /Und einen geilen Arsch/ schoss es Lukas durch den Kopf und seine Wangen färbten sich rötlich, während er dem Geplauder von Martins Mutter lauschte und sich etwas zu essen nahm. Martin war so das völlige Gegenteil seiner eigenen, blassen, schlaksigen Erscheinung und so genau das, was Lukas gefiel, das es schon fast an Folter grenzte.
Aber um Himmels willen, nur nicht aus der Rolle fallen. Martin war bestimmt alles andere als schwul.
Lukas aß ein paar Bissen, es schmeckte wirklich gut und er bedankte sich nochmal bei Heide Wiesinger, die das Kompliment mit einem Lächeln entgegen nahm. „Es freut mich, wenn es ihnen schmeckt, Lukas. Es macht Spaß für Leute zu kochen, die das zu schätzen wissen“ sagte sie mit einem dementsprechenden Blick auf Martin.
„Ich mag dein Essen auch, Mama...“ protestierte dieser. „Ja, aber du sagst es nicht, du nimmst es einfach nur hin, das ich dich bekoche..“ neckte Heide. „Du schaufelst einfach nur in dich hinein.“
„Das ist doch auch ein Zeichen, das es schmeckt“ murmelte Martin, es passte ihm nicht, das seine Mutter ihn vor Lukas so auf die Schippe nahm und dieser ein Grinsen kaum unterdrücken konnte. Der Städter musste ja denken, er sei ein Bauerntrampel ohne jeden Respekt.
Lukas dachte nichts dergleichen, ihm gefiel einfach nur, wie locker die beiden miteinander umgingen. Mit seiner eigenen Mutter hatte er dieses Verhältnis nicht, seit er sich vor ein paar Jahren geoutet hatte, war das Verhältnis zu seiner Familie merklich abgekühlt.
Nachdem ihm Heide noch eine zweite Portion aufgenötigt hatte, schob Lukas schließlich seinen Teller von sich und hob abwehrend die Hände.
„Mein Gott, es war wirklich herrlich, aber ich kann nicht mehr. Vielen Dank...“
Heide räumte die Teller zusammen und nickte. „Wenn es geschmeckt hat, bin ich zufrieden. Ich räum hier auf, geh du mit deinem Gast nur nach oben....oder vielleicht hat er auch Lust, ein bisschen was von der Gärtnerei zu sehen.“
Martin sah Lukas an. „Ich muss nochmal auf den Friedhof....vielleicht hast du Lust, mich zu begleiten?“ fragte er. „Und danach zeig ich dir die Gärtnerei.“
Lukas lächelte und nickte. „Sehr gern, ich würde auch gern einmal durchs Dorf gehen, wenn du Zeit hast.“
Der andere überlegte und nickte. „Können wir machen, ich muss ohnehin noch aufs Rathaus, nachsehen, ob irgendwas anliegt.“ Martin erhob sich und wartete, bis Lukas ebenfalls aufgestanden war. „Vielen Dank Mama....wir sind dann am Nachmittag weder da.“
„Ziehts euch warm an...noch ist es kalt draußen“ mahnte die mollige Frau. „Ich koch Kaffee, wenn ihr wieder da seid.“
Lukas schmunzelte über den gut gemeinten Rat und über Martins Gebrumme, der sich wieder vorkam wie ein 5 jähriges Kind.
Er polterte voraus und zog im Flur seine Schuhe an. „Hier“ meinte Martin und reichte Lukas seine Jacke. „Zieh dich warm an, sonst kriegt meine Mutter einen Anfall.“ Er lächelte etwas schief, warum musste ihn seine Mutter nur so blamieren vor jemandem, den er gern beeindrucken würde.