„Bitte.......tu mir den Gefallen...ich verlange sonst nie was von dir... Zwei tiefblaue Augen blickten mich sehnsuchtsvoll an, die Bitte, die darin lag, wechselte sich ab mit der Drohung, mich zu Mus zu verarbeiten, sollte ich nein sagen.
„Aber Tanja.... wagte ich aufzubegehren. „Du weißt, ich hasse diesen ganzen kitschigen Mist.....Weihnachtsmarkt, Kunstschnee, irgendwelche Engelsfiguren und Leute, die den ganzen Tag grinsen wie irre......da wird mir schlecht.
„Papperlapapp, Adrian, übertreibt nicht so schauerlich. Es wird Zeit, das du mal wieder rauskommst und dich von der allgemeinen Feststimmung anstecken lässt. Wer weiß, vielleicht findest du grade auf diesem Markt deinen Traumprinzen...dein persönliches Weihnachtswunder.... lächelte meine kleine Schwester und schüttelte ihre blonden Locken. Sie sah selbst wie ein Rauschgoldengel aus und ich seufzte wieder.
„Mein persönliches Weihnachtswunder war, das mich Papa nicht rausgeschmissen hat letztes Jahr, als ich ihm eröffnete, das ich ausschließlich am eigenen Geschlecht interessiert bin........mein Kontingent an Wundern ist aufgebraucht.
Meine kleine Schwester ließ sich jedoch nicht erweichen......für ihre 14 Jahre war sie ganz schön ausgebufft. „Tja, wer so gepolt ist, muss damit leben.......in dieser Familie regt sich niemand drüber auf...nur du machst immer einen auf unverstanden. Und jetzt holst du deine Jacke und gehst mit mir dahin......sonst fang ich an zu weinen und du kriegst mächtig Ärger. Sie strahlte wie die Unschuld persönlich und ich knirschte mit den Zähnen, ich war zwanzig Jahre alt, beinahe 21 und ließ mir von der Göre auf der Nase herumtanzen...so wie alle im Haus. Sie war eben unbestritten das Nesthäkchen. Ich erhob mich vom Sofa und sah ihre Augen triumphierend blitzen. „Dafür habe ich was gut bei dir...
Sie lachte leise. „Ich will eben mit meinem großen, gutaussehenden Bruder angeben...deshalb gehe ich mit dir. Sei stolz drauf... Ich lachte leise und schüttelte den Kopf. „Klar.....du willst nur, das alle denken, du hättest endlich nen Freund.......weil wir uns so gar nicht ähnlich sehen. Ich selbst war dunkelhaarig....hatte aber die gleiche Augenfarbe wie sie.
Meine Jacke überziehend öffnete ich die Tür. „Na komm, bringen wir es hinter uns...bevor ich es mir anders überlege. Tanja hüpfte begeistert hinter mir her, nahm vor dem Haus meinen Arm und zog mich weiter, in die Innenstadt.
Schon von weitem konnte ich das Gedudel verschiedener Weihnachtslieder hören......zusammen vermittelten sie mir nicht gerade den Eindruck von Frieden und Freude....sondern klangen eher wie die Titelmelodie von Halloween. Vor meinem geistigen Auge sah ich Michael Myers umherschleichen, das Messer gezückt.........und das entlockte mir ein kleines Lächeln..........pervers, ich weiß.
Meine kleine Schwester wuselte aufgeregt durch die Reihen und zog mich hinter sich her, ohne Rücksicht auf Verluste. „Zuerst will ich Maronen..... befahl sie und schleifte mich zu einem Stand, wo ich ihr dann eine Tüte Maronen kaufen durfte. Zufrieden kauend zog sie mich weiter, an einen Stand, wo es Weihnachtsfiguren gab. Misstrauisch beäugte ich das künstliche Tannengrün und fragte mich gerade, wie es wohl roch, wenn es hier durch Zufall brennen sollte, als ich neben mir die genervte Stimme eines Jungen vernahm. „Bist du bald fertig? Das ist ja nicht zum Aushalten hier....
Ich sah zur Seite und konnte einen Jungen entdecken, etwa in Tanjas Alter, der ein fürchterlich gelangweiltes Gesicht machte. Der Typ neben ihm allerdings interessierte mich weitaus mehr......groß, dunkelblond und ein engelsgleiches seliges Lächeln im Gesicht. „Ach Peter..... ertönte dunkel die Stimme des Engels und unwillkürlich lief mir ein Schauer über den Rücken. „Es ist doch toll hier...... Der Kleinere verdrehte die Augen und schüttelte nur den Kopf. „Dafür, das du erwachsen bist, benimmst du dich reichlich kindisch... murrte er.
Mühsam riss ich mich von dem Anblick des Dunkelblonden los, als mich etwas energisch am Ärmel zupfte. „Der hat die gleiche Einstellung wie du... sagte meine Schwester laut, so das es jeder im Umkreis von 10 Kilometern hören konnte.
Ich zuckte leicht zusammen und wollte gerade was erwidern, als ich die dunkle Stimme wieder vernehmen konnte......und diesmal waren ihre Worte an mich gerichtet. „Magst du keine Weihnachtsmärkte? Ein paar graue Augen blicken mich an und mir war, als hätte man mir den Boden unter den Füssen weggezogen. „Nein, äh.... ja...... äh eigentlich... stotterte ich vor mich hin und meine Schwester tätschelte mir beruhigend den Arm. „Keine Sorge...das ist nicht ansteckend...
Der Kleine sah meine Schwester bewundernd an und fing dann an zu kichern., wahrscheinlich über meine roten Ohren. „Tanja.....halt deine freche Klappe... zischte ich, was aber im allgemeinen Gelächter unterging....der Blonde stimmte in das Gekicher des Kleinern mit ein. „Da bin ich aber froh....... meinte er, als er sich wieder beruhigt hatte.
„Mein Name ist Sven......und der Kleine ist mein Bruder Peter, der mich notgedrungen begleiten musste. „Ja... maulte dieser. „Weil er sonst unserem Vater petzt, das ich in Mathe ne 5 geschrieben habe...dabei hasse ich diesen Kitsch hier..
Ich nickte verstehend und stellte uns dann ebenfalls vor. Tanja ließ meinen Arm los und belegte Peter mit Beschlag. „Ich zeige dem Jungen, wie schön so ein Markt ist....wir treffen uns in einer Stunde am Ausgang... meinte sie und war Sekunden später mit dem völlig verblüfften Peter im Gewühl verschwunden.
Ich sah ihr völlig perplex nach. „Der arme Junge... murmelte ich bedauernd. „Na wenn das so ist, sollte ich dich vielleicht von den Freuden eines Weihnachtsmarktes überzeugen? fragte Sven mit seiner wunderschönen Stimme und einem atemberaubenden Lächeln im Gesicht. Ich spürte, wie meine Ohren anfingen zu glühen und erwiderte das Lächeln, suchte nach Worten, brachte aber nur ein „Warum nicht... heraus. Gleichzeitig ärgerte ich mich zu Tode.....das klang so desinteressiert und ich hatte doch Interesse daran, mit Sven über den Markt zu gehen, viel mehr erschien mit das Ganze jetzt in einem anderen Licht.
< Vergiss es Junge......der Typ ist viel zu toll, um wahr zu sein.....er ist bestimmt Hetero. Verrenn dich bloß nicht in irgendwelche fixe Ideen...> dachte ich bei mir, als ich Sven folgte, der einen Stand mit Süßigkeiten ansteuerte, kandierte Äpfel kaufte und mir strahlend einen davon unter die Nase hielt. Ich hasse kandierte Äpfel.......aber sein Gesicht veranlasste mich, in dieses widerlich süße, rotglänzende Ding zu beißen. Etwas hochbeinig kauend und mit leicht verzerrtem Gesicht nuschelte ich ein „Danke...das ist gut... hervor.
Sven lachte leise, biss begeistert in seinen Apfel und leckte sich den Zucker mit der Zungenspitze von den Lippen. Ich verfolgte die Bewegung mit den Augen und mir wurde warm......schalt mich selbst einen Idioten und versuchte, mich auf etwas anderes zu konzentrieren........seine dunkle Stimme....seine grauen Augen......< Negativ, Adrian...das hilft dir nun leider überhaupt nicht> In Gedanken seufzte ich laut, warum hatte ich auch immer so ein Pech...hetero, er war ganz sicher hetero.
Mit einem kleinem Lächeln folgte ich Sven durch die Gassen der Weihnachtsbuden, er war wirklich wie ein Kind in seiner Freude über Engelshaar und Weihnachtskerzen, Baumbehang und Räuchermännchen. Er redete munter auf mich ein und so erfuhr ich, das er Klavier spielte, Kunstgeschichte studierte und im Dachgeschoss im Haus seiner Eltern lebte. Nur das, was mich am meisten interessierte, nämlich ob dieser Traum von einem Mann schwul war, das erfuhr ich nicht.......und ich traute mich nicht zu fragen.
Viel zu schnell war die Stunde um und ich konnte meine Schwester schon am Ausgang stehen sehen, ungeduldig winkend. Peter schien sehr erleichtert, uns zu sehen und kam uns entgegen. Ich stand da und sah Sven an, lächelte und verabschiedete mich. „Es war schön, sich mit dir zu unterhalten...auch wenn du so ein Weihnachtsmuffel bist.. strahlte Sven, drückte meine Hand und schenkte mir zum Abschluss einen kleinen Schneemann, der totale Heiterkeit ausstrahlte. „Ein Andenken... meinte er dann und drehte sich um, winkte zum Abschied und verschwand mit seinem Bruder in der Menge.
Ich sah ihm nach und blickte auf den Schneemann, sein lächelndes Gesicht machte mich irgendwie traurig......dem gings gut, keine Sorgen über Frühling und die damit verbundene Schneeschmelze......und ich? Ich hatte gerade den Traumprinzen getroffen.........und keine Chance.
Ein Zupfen an meinem Ärmel riss mich aus meinen düsteren Gedanken und ich blickte in das ärgerliche Gesicht meiner Schwester. „Träumst du, Adrian? Ich hab dir schon zweimal gesagt, mir ist kalt, ich will gehen.... Sie unterbrach sich und sah mich forschend an. „Hm, Brüderchen....was soll die Trauermiene? Ist Sven genauso ein Trottel wie sein kleiner Bruder? Ich schüttelte den Kopf . „Geht dich nichts an und jetzt lass uns gehen.
Ihre Augenbrauen schraubten sich in die Höhe und plötzlich fing sie an zu kichern. „Ich verstehe.....er hat dir gefallen......mein Bruder hat sich auf den ersten Blick verknallt....
Meine Ohren begannen die Farbe von reifen Tomaten anzunehmen und das nicht, weil es kalt war. „Erzähl nicht so einen Mist......Sven ist hetero... „Ah, ja...woher weißt du das? Hast du ihn gefragt? Ich schüttelte den Kopf.
Tanja sah mich ungläubig an. „Du hast ihn nicht gefragt? Hast du wenigstens seine Telefonnummer? Seinen vollen Namen? Weißt du, wo er wohnt?
Ich schüttelte abermals deprimiert den Kopf.
„Adrian, du bist ein Idiot...wirklich. Da begegnet dir ein netter Typ und du bist zu bescheuert, um was draus zu machen... Meine Schwester zog mich ungeduldig hinter sich her.
„Ich hab mich mit Peter unterhalten...er ist ein Minimacho, aber wenn man drüber wegsieht, ganz okay. Und er hat mir verraten, das sein Bruder wieder solo ist, nachdem sein Freund ihn vor einem halben Jahr vor die Tür gesetzt hat. Kapierst du, was ich sage? Sein Freund !
Ich blieb stehen und starrte meine Schwester mit offenem Mund an. Konnte man wirklich so blöd sein wie ich? Ich hatte die Chance meines Lebens in den Sand gesetzt.......ich war so bescheuert. Meine Finger umklammerten den Schneemann und ich drehte mich um, wollte zurück.
„Vergiss es...die findest du nicht mehr. Peter hat gesagt, sie würden nach Hause gehen. Tanja sah mich mitleidig an.
Den ganzen Nachhauseweg haderte ich mit meinem Schicksal, gab mir tausenderlei Bezeichnungen, von denen Arsch noch die harmloseste war.......und musste eingestehen, das ich wirklich keine Idee hatte, wie ich Sven wiederfinden konnte.
Als wir beide zu Hause angekommen waren, zog ich mich sofort auf mein Zimmer zurück....ich wollte niemanden sehen, sonder mich ganz allein selbst bedauern. Tanja sandte mir einen besorgten Blick hinterher, respektierte aber Gott sei Dank meinen Wunsch nach Ruhe und Selbstmitleid.
Der Griff nach der Fernbedienung meiner Anlage war das erste, als ich meine Zimmertür geschlossen hatte........und bald schallten die sanften Töne von Metallica durch den Raum. Irgendwann gegen Mitternacht hatte mein Vater die Nase voll und drehte die Sicherung raus......ich saß im Dunkeln und beklagte leise mein Schicksal. Zum Schlafen war ich noch nicht müde genug, also beschloss ich, etwas spazieren zu gehen.
Leise verließ ich das Haus, hatte die Hände in meinen Jackentaschen vergraben und beobachtete meinen Atem, der vor mir dampfte, hing meinen Gedanken nach und lief ziellos herum. Als ich mir gerade zum wohl hundertsten Mal an diesem Abend gedanklich selbst eine verpasste für meine Blödheit, sah ich auf und blieb stehen. Unbewusst war ich zurück zum Weihnachtsmarkt gelaufen....die Buden waren dicht und das Ganze sah trostlos aus......genau wie meine Stimmung.
Ich lief durch die Buden, bog um eine Ecke.......und blieb wie angewurzelt stehen. Dort, vor dem riesigen Weihnachtsbaum in der Mitte stand.......Sven. Ich rieb meine Augen, glaubte an eine Halluzination..........aber als ich noch mal hinsah, war er immer noch da.
„Sven? fragte ich leise, ging näher heran . Der Dunkelblonde drehte sich ruckartig herum , seine grauen Augen musterten mich und er begann zu lächeln.....dasselbe engelsgleiche Lächeln, das er heute Mittag bereits draufgehabt............und in das ich mich verliebt hatte.
„Adrian........ seine dunkle, liebevolle Stimme jagte mir einen Schauer über den Rücken und ohne weiter zu überlegen überbrückte ich die kurze Distanz zwischen uns und umarmte ihn, drückte meinen Weihnachtsengel fest an mich. „Ich musste noch mal hierher...irgendwas hat mich magisch angezogen..... murmelte Sven leise, als er meine Umarmung mit der gleichen Intensität erwiderte. „Ich auch...... wisperte ich an seinem Ohr , sah ihn dann an und unsere Lippen trafen sich.......wir standen unter dem Weihnachtsbaum und küssten uns.........der Inbegriff all dessen, was ich unter Kitsch verstand......aber es war wunderschön.
Das ist jetzt drei Jahre her........Sven und ich leben zusammen im Dachgeschoss seines Elternhauses, streiten und lieben uns wie jedes normale Paar. Und einmal im Jahr kommt der unvermeidliche Dackelblick aus steingrauen Augen........lange schlanke Finger streichen über meine Wange (hatte ich erwähnt, das ich Svens Hände liebe?) und mein Freund lächelt sein engelsgleiches Lächeln. „Adrian? Gehst du mit mir auf den Weihnachtsmarkt?
Ich seufze und stöhne, verziehe das Gesicht, aber das ist alles nur Show....und das weiß der Junge auch ganz genau.........denn um Nichts in der Welt möchte ich das verpassen.......seine kindliche Freude an diesem Kitsch und meine damit verbundenen wundervollen Erinnerungen. Nach außen hin bin ich immer noch der Weihnachtsmuffel.......aber meinen kleinen Schneemann habe ich immer noch.
Und ich denke, ihr wisst selbst am besten, was das heißt, habe ich recht?