Godric stieß in Gedanken den einen oder anderen Fluch aus und dankte gleichzeitig dem Schicksal, dass er nicht allzu viel Alkohol gewöhnt war und dieser dadurch sein volles, schmerzabstumpfendes Potenzial bei ihm entwickeln konnte. Namen kamen ihm zischend über die Lippen, so zischend, dass Max sie vermutlich nicht verstehen konnte. Jedes Mal, wenn der Schmerz so heftig wurde, dass er etwas tun musste, nicht länger still sein konnte, ließ entließ er einen über seine Lippen. Den Namen einer der 100 Qualen, die ein Meister der Schwarzmagie einem Menschen ohne Schutzzauber beifügen konnte. Godric selbst beherrschte erst etwas über zwei Dutzend. Es war schwer, sie heraus zu finden Die Bücher, in denen sie standen, waren stets besonders gut versteckt oder auch so alt, dass man darin kaum noch etwas erkennen konnte. Nur selten traf er auf jemanden, der ihm einen beibringen könnte und erst zwei Mal in seinem Leben war er jemandem begegnet, der ihn tatsächlich einen der Flüche gelehrt hatte, im Austausch zu einem, den Godric kannte und er nicht. Wie gesagt…zwei Dutzend waren es, die ihm geläufig waren, die er anwenden konnte, aber bei jedem einzelnen Zischlaut stellte er sich vor, wie der Inquisitor unter der Qual zu leiden haben würde und das ließ den Schmerz ein wenig erträglicher werden. Nicht viel, aber es genügte, um es durchzustehen. Godric versprach sich selbst, alle diese Qualen dem Kerl wirklich auf den Hals zu hetzen, aber dazu musste er seinen Namen herausfinden und er brauchte Zeit für die Vorbereitungen. Viel Zeit und viele seltene Ingredienzien, aber das machte nichts. Er war von Natur aus geduldig, was seine Rache anbelangte. Eines Tages würde der Tag kommen, an dem sein Folterknecht für das alles würde leiden müssen. Wahnsinnig leiden. Mit dieser Gewissheit würde er sich auskurieren, während der Inquisitor ihn langsam vergaß, bis irgendwann, in fünf oder zehn Jahren, würde er beginnen sich zu krümmen, weil ihm eine Schlange in der Brust wuchs und langsam sein Herz zerquetschte. Als Max fertig war und ihm in das saubere Hemd geholfen hatte, konnte er sich trotz dieser Gedanken kaum noch aufrecht halten. In seinem Kopf hämmerte es und der Schmerz pulsierte wie Blut durch seinen Körper. Vielleicht besaß er gar kein Blut mehr. Nur noch Schmerz. Und wenn dieser versiegte, würde sein Körper in sich zusammen fallen, wie ein Zelt, das nicht richtig fest gemacht worden war. Gott, er fühlte sich so alt. Godric drückte sein Kreuz durch und nahm sich dann ein frisches Stück Binde und tränkte es mit Alkohol um die Wunden des anderen damit zu säubern. Er selbst verstand nicht viel von Heilkunst und bisher hatte er gut mit all seinem Dreck gelebt und auch die eine oder andere unbehandelte Wunde überstanden, aber wenn der andere meinte. Er war bei weitem nicht in der Verfassung, um sich mit ihm zu streiten. Auch an Maxwell ging die erste Berührung zwischen rohem Fleisch und Alkohol nicht ohne ein schmerzvolles Zischen vorüber. Auch wenn Godric sich sicher war, dass es nicht dasselbe bedeutete, wie die Laute, die er selbst von sich gegeben hatte. Er grinste traurig und arbeitete sich weiter vor. „Ich bin eindeutig zu alt für so etwas…“, meinte er leise, um irgendetwas zu sagen. Den anderen abzulenken, so wie er es immer bei ihm versuchte. Wenigstens musste der andere nicht so lange leiden, wie er selbst. Zumindest nicht ganz so stark. Er hatte eine böse Wunde auf der Stirn, das Gesicht sah im allgemeinen nicht allzu erfreulich aus und Godric hütete sich wohlweißlich, auch noch die zerschundene Nase zu berühren, aber zwischen den in seinen Torso eingeritzten Buchstaben gab es noch ein wenig Haut. Er war sich nicht einmal sicher, ob er diesen Gedanken ironisch oder ehrlich meinte. Vermutlich ein schlechtes Zeichen. „Im Übrigen habt Ihr eher mich gerettet.“, bemerkte Godric beiläufig, als er begann, die Salbe aufzutragen. Den Verband anzulegen würde er dem anderen selbst überlassen, das war allemal sicherer. „Ohne Licht hätte ich nichts tun können und später…ich wäre verbrannt ohne euch. Und nun teilt Ihr euer Essen mit mir, euer Feuer, euer Pferd und euren Brandwein… Danke.“ Das letzte Wort kam leiser über seine Lippen, als die übrigen und er musste sich Mühe geben, Maxwell dabei in die Augen zu sehen. Es war nicht so, dass er Probleme damit hatte, sich zu bedanken, aber er tat es selten und gerade jetzt war es ihm beinahe ein wenig unangenehm.
Die Fingernägel tief in die Handflächen gegraben hielt Maxwell irgendwie dem Brennen stand. Gelegentlich kamen keuchende und zischende Geräusche über seine Lippen, keine Flüche oder Verwünschungen, einfach nur unterdrückte Schmerzenslaute und er spürte wieder die Angst vor dem Aufsteigen was der Padre ihm noch alles hätte antun können, doch bevor die grausigen Bilder und Einbildungen zu deutlich wurden, gelang es ihm dann doch sie beiseite zu schieben. Vielmehr konzentrierte er sich nun auf Godric, darauf was dieser sagte und er nutzte ebenfalls die Gelegenheit diesen im flackernden Schein des kleinen Feuers ausgiebig zu betrachten, versuchte zu schätzen wie alt dieser war kam aber nur in einen Bereich zwischen 30 und 45, aber das konnte auch an den Lichtverhältnissen und an dem liegen was er durch gemacht hatte, dessen Äußerung des Alter betreffend nahm er als Anlass ihn einfach danach zu fragen: „Verzeiht die Neugierde, aber wie alt seid ihr denn?“
Das Andauernde Fluchen hatte ihn stutzig gemacht, nicht das es ihm wirklich etwas ausmachte aber jemand der so zetern und wohl auch hassen konnte musste einiges hinter sich haben, ganz zu schweigen von dem vielen dämonischen Vokabular und den eindeutig dunklen Künsten denen er sich bediente. Auch das schreckte den Blonden kaum, er hatte so ein Gefühl daß dieser Mann ihm schon nichts tun würde und normalerweise war er misstrauisch bis in die Haarspitzen, andererseits war es eines der Gefühle denen er traute, solche Anwandlungen hatte er manchmal und diese waren über seine sonstige Unentschlossenheit und mangelnde Entscheidungsfreude erhaben… ‚Morgen,’ nahm er sich vor, ‚morgen werde ich ihn einmal zur Rede stellen…’
Jetzt bemerkte er die Befangenheit in den Worten des Dankes und ehe er es sich versah lag sein Finger an den aufgerissenen Lippen seines Gegenübers. „Schschschsch…“ machte er mit einem kleinen, müden Lächeln, „Wir haben uns gegenseitig geholfen, wenn ihr wollt aber stellt euer Licht nicht unter den Scheffel.“ ‚Du machst aber gewagten Unfug!’ Auch dieser Gedanke wurde verdrängt, er beschäftigte sich damit sich umständlich selbst einen Verband um den Oberkörper zu wickeln und nun auch in ein neues Hemd zu schlüpfen. „Legt euch in den Mantel,“ sagte er dann leise als er sah, wie schwer es Godric hatte wach und bei Bewusstsein zu bleiben und das erinnerte ihn auch daran wie sehr er seine Kräfte überstrapaziert hatte. „Er ist sehr warm und zusammen am Feuer werden wir nicht frieren in der Nacht…“ jetzt war es wieder das müde Plappern, mit dem er sich selbst genauso wach halten wollte wie seinen Komplizen. Ächzend erhob sich Maxwell, taumelte noch einmal durch die Dunkelheit um ihre Kleider einzusammeln, diese brachte er mit in die kleine Höhle damit sie nahe am Feuer trocknen konnten.
Godric lag schon eingemummelt da, und der Blonde kroch einfach dazu, drückte seinen – verhältnismäßig – unversehrten Rücken an die ebenso verhältnismäßig unversehrte Brust des Anderen, zog die obere Hälfte des Mantels dicht herunter und versuchte seine Gliedmaßen so zu sortieren daß er es bequem hatte und sich nicht selbst verletzte. „Schlaft gut,“ flüsterte er schließlich, als wohlige Wärme und ein gewisses Gefühl der Geborgenheit, das damit einherging, ihn umfing, „Wir sind hier sicher…“ versicherte er noch einmal.“ Dann fiel endlich die Anspannung von ihm ab und die Erschöpfung schlug schlag artig zu, es war als falle er ein Stückchen in sich zusammen, bebte und war der Ohnmacht nun sehr nahe… die ihn auch einige Augenblicke später verschlang, gnädiger, freundlicher Schlaf umfing ihm mit schwarzen weichen Flügeln und trug ihn fort von allem beschwerlichen in der Welt – zumindest bis zum nächsten Tag.
„32.“, antwortete Godric zögernd. Er war sich dessen nicht ganz sicher. Seit er in Spanien weilte, hatte er keine Möglichkeit, das Datum zu überprüfen. Er war einfach nirgendwo gewesen, wo ein anständiger Kalender geführt wurde. Aber er war irgendwann zwischen Herbst und Winter geboren worden und wenn er das Datum nicht wusste, datierte er seinen Geburtstag einfach auf den Tag, an dem er das erste Eis entdeckte oder der erste Schnee fiel. Es machte ja auch langsam nicht mehr sonderlich viel aus. Als er sich später unter seinem Mantel zusammenrollte, fühlte er wieder ganz kurz dieses Gefühl von Maxwells Finger an seinen Lippen und in ihm kam zusammen mit einem seltsam flauen Gefühl die Frage auf, warum er ihn nicht ins Gesicht geschlagen hatte. Oder ihm gesagt, dass seine Finger nichts in seinem Gesicht und erst recht nichts auf seinen Lippen zu suchen hatten. Nein, das klang ein wenig falsch. Darum ging es ja auch nicht, schließlich hatte der andere ihn fast überall berührt, um seine Wunden zu säubern, aber diese Geste war…anders gewesen. Maxwell hatte ihm schließlich irgendwie den Mund verboten und so etwas ließ er sich normalerweise nicht gefallen. Erst recht nicht, wenn er sich bedankte oder etwas dergleichen. Dafür war es ihm eindeutig zu wichtig. Also warum hatte er nichts gesagt? Warum war er darauf quasi stumm geworden und hatte sich ohne jeden Gegenkommentar ins Bett schicken lassen? Er hatte sogar das Fluchen aufgehört, verdammt!
Godric begann kleine Stückchen von der Innenseite seiner Unterlippe abzubeißen, um sich mit dem kleinen, zusätzlich Schmerz, von einem überfrühten Schlaf abzuhalten. Jetzt musste er erst einmal nachdenken. Und das gründlich. In diesem Augenblick legte sich dieser unverschämte Blondschopf vor ihn, drückte sich sogar an ihn, bis Godrics Nase halb in seinem Haar vergraben lag und zog den Mantel über sich. Gut, Körperwärme hin oder her, war so was nötig, wenn er gerade beschlossen hatte nachzudenken? So langsam begann er sich wieder an die Nachteile des gemeinsamen Reisens zu erinnern. Wenn er allein gewesen wäre, hätte er alleine geschlafen, hätte in Ruhe nachdenken können (wobei es dann nichts gegeben hätte, wo er drüber hätte nachdenken müssen) und vermutlich wäre er auch nicht erfroren. Aller Wahrscheinlichkeit nach. Godric warf dem Blonden einen bösen Blick zu, aber der ließ sich nicht davon stören. Wenn er das ganze richtig einschätzte, dann schlief Maxwell bereits. Der ruhige Atem, den er hörte und auch an seiner Brust spürte, sprach eindeutig dafür.
„Ja…morgen sollten wir wirklich über das eine oder andere reden…ein paar Dinge klar stellen.“, hauchte er dem anderen leise ins Ohr, auch wenn er sich sicher war, dass er es nicht hören konnte. Dennoch…nachdem er ein paar weitere Augenblicke unter dem Mantel verbracht hatte, seufzte er leise, legte die Arme um den warmen Körper vor ihn und drückte sich ein wenig näher an ihn heran, die Nase im feuchten Haar vergraben, das ihn mit dem angenehmen Duft einzulullen begann. Heute konnte er das noch durchgehen lassen, aber morgen würde er definitiv etwas daran ändern…ja, definitiv… Ein paar Mal widerstrebendes Blinzeln, dann war er eingeschlafen.
Seine Träume waren seltsam, wie schon lange nicht mehr. Später konnte er sich nur noch an wenige Sachen erinnern. An Dunkelheit. An Schmerz und Blut. An unmenschliche Schreie und den Geruch von Feuer in der Nase. Aber über all dem schwebte die Wärme, an die sich sein schlafender Leib presste und wenn ihn die Schmerzen aus dem Schlaf herausrissen, driftete er sofort wieder hinüber, als er den Geruch wieder wahr nahm und das Gefühl, jemanden im Arm zu halten.
Als er schließlich vollständig erwachte, wurde es draußen bereits hell. Godric öffnete nur widerstrebend die Augen und konnte sich ein schmerzvolles Stöhnen nicht verkneifen. Die Sonne bereitete ihm mit ihrer Helligkeit unsagbare Kopfschmerzen und er konnte kaum sehen. Fast alles schien weiß zu sein. Immer noch grummelnd vergrub er seine Nase wieder in dem angenehm weichen Haar und ließ seine Hände über die angenehme Wärmequelle streifen. Haare. Wärmequelle. Die Sonne! Godric riss die Augen auf, achtete dabei nicht auf die Blitze aus grellem Schmerz in seinem Kopf, ließ Maxwell los und robbte hastig rückwärts. Eine Weile blieb er dort liegen und betrachtete mit klopfendem Herzen den anscheinend immer noch schlafenden Körper vor sich. Gott verdammt, er hätte in der ersten Sekunde beinahe geschrieen. Es dauerte einen Augenblick, bis all die Erinnerungen an die vergangene Nacht und jene davor gesackt waren und er wieder einigermaßen sehen konnte, setzte er sich auf und torkelte von Maxwell und dem erloschenen Feuer fort zum Fluss. Mehrmals stolperte er unterwegs über Wurzeln oder auch seine eigenen Füße, bis er schließlich am Ufer in die Knie ging und damit begann, sich Wasser ins Gesicht zu schaufeln. Als er schließlich dazu bereit war, seinem Spiegelbild in die Augen zu sehen, zog er spöttisch eine Augenbraue hoch. Oh, er sah wirklich fantastisch aus. Seine Haut war tatsächlich noch bleicher als früher geworden und die Kerkerhaft hatte tiefe Schatten um seine Augen eingegraben. Und seine Augen an sich sahen so müde aus… Vermutlich konnte er froh sein, dass der aufkommende Bart vieles versteckte, aber das änderte nichts daran, dass er ihn bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit gnadenlos abrasieren würde. Bärte waren so ziemlich das unpraktischste, was es gab und manchmal fragte er sich ernsthaft, warum so viele Männer einen trugen und ihn auch noch zur Schau stellten, wie etwas, auf das man so stolz sein konnte, wie auf ein selbst errichtetes, riesiges Haus. Godric schüttelte den Kopf über den Gedanken und besah sich dann seine Hose, die immer noch neben dem Pferd lag. Trocken war etwas anderes, aber er hatte keine wirklich Lust, den Tag halbnackt zu verbringen, also begann er sie leise vor sich hin murrend anzuziehen.
Die wohlige, einlullende Wärme verschwand, es wurde kühl und garstig und überhaupt .. etwas stimmte nicht. Widerstrebend blinzelnd und murrend wachte Maxwell auf nur um als allererste Amtshandlung den Mantel wieder um sich zuziehen und sich in das schon kühle Fell zu schmiegen. Eigentlich hatte er gehofft nicht so aufzuwachen sondern auf mehr Wärme und Behaglichkeit gehofft, außerdem schien ihm das Licht schrecklich grell und er kniff die ohnehin verschlafenen Augen zu schmalen Schlitzen zusammen.
Vom Feuer war nur noch Glut übrig und der Blonde beeilte sich Holz nachzulegen. ‚Tee’ dachte er, wo manche Leute morgens einsilbig sprachen dachte er sogar einsilbig. Nach kurzem emsigen wühlen in seiner Tasche fand er auch das Gesuchte, einen kleine Kessel und Hagebuttentee.
Schnell war alles aufgebaut, jetzt brauchte er nur noch Wasser und… ‚Godric…. Wasser.’
Nach einer schweren Phase der Überwindung, stand er dann doch auf, tappte müde und nach wie vor verschlafen an den Fluss wo er Godric auch fand, die Haare des Blondschopfes waren zerstrubbelt und standen in alle Richtungen ab und er konnte kaum grade ausgucken, murmelte nur ein „Morgen…“ und schöpfte Wasser für den Tee, tappte wieder weg um es zum kochen aufs Feuer zustellen, ehe er mit seine Hose auf dem Arm und der für ihn unverzichtbaren Seife wieder kam. Die Hose legte er über einen Felsen am Ufer, aus dem Hemd schlüpfte er ungeniert wieder heraus und tauchte einen Zeh ist Wasser, was eine Gänsehaut von eben jenem Zeh bis zum Skalp nach sich zog. Trotzdem schritt er etwas bist zur Hüfte ins Wasser, wusch sich Gründlich, achtete dabei aber darauf den Verband trocken zu behalten. Und natürlich wurde er wach davon. „Ihr seid schon munter?“ fragte er dann im Plauderton, über die Schulter.
„Ich weiß es nicht.“ Godric hatte sich endlich die Hose über die Beine gesteift. Normalerweis war sie weit, bequem und praktisch, aber nun hing ihm der feucht-klamme Stoff an der Haut und wenn er ihn mit spitzen Fingern zu lösen versuchte, gab es ein hässliches saugendes Geräusch und eine Sekunde später pappte das Ganze schon wieder an ihm dran. Also versuchte er sich damit zu arrangieren. Dass Maxwell aufgewacht war und sich dann schaudernd ins Wasser getraut hatte, hatte eine gewisse Ablenkung für ihn bedeutet, die er wohl zu schätzen wusste. Nun lehnte er mit verschränkten Armen an einem Baumstamm nahe dem Flussufer und betrachtete Maxwell aus dem Schatten heraus mit halb geschlossenen Augen. Heute war der Himmel klar und die Sonne strahlte ungehindert zwischen dem lichten Blätterdach zu ihnen herunter. Er wusste nicht viel über Heilkunde, aber er hatte so die leise Ahnung, dass sich seine Haut schon bald krebsrot verfärbt hätte, wenn er sich nach Wochen unter der Erde auf unbestimmte Zeit der frühen Herbstsonne aussetzte. Vom Feuer her wehte der Geruch nach frischem Tee und es war das erste Mal, dass Godric den anderen im bei Licht sah. Es gefiel ihm und irgendwie machten ihn das Licht, das Gesicht des anderen, das er jetzt endlich richtig sah und der Teegeruch ein wenig träge. Godric hielt sich eine Hand vor den Mund und gähnte. „Es scheint beinahe so. Aber ich erwarte immer noch halb, aus der Ohnmacht aufzuwachen, die die Peitschenhiebe verursacht haben und herauszufinden, dass sie jetzt genug Kohlen haben, um mir das Fleisch von den Füßen zu kochen.“
Das stimmte nur zur Hälfte. Er rechnete tatsächlich irgendwie damit, aber gleichzeitig wusste er, dass es Schwachsinn war. Dass der Geruch nach Wald und feuchter Erde, der blaue Himmel über ihm und der leichte Wind, der die Blätter von den Bäumen löste und in einem kleinen Schauer aus Farben auf die Welt hinabregnen ließ, zu real waren, um nur einer Ohnmacht zu entspringen. Außerdem wäre ein solcher Traum ein Ausdruck von Hoffnung. Und Godric erlaubte sich keine Hoffnungen. Und ganz bestimmt nicht welche, die so aussahen. Wenn er irgendwo in einem Kellerloch langsam vor sich hin bluten würde, hätte er mehr Zweifel daran, dass er nicht träumte, als hier. Außerdem war Maxwell auch hier. Die Hoffnungen, gegen die er hin und wieder nichts tun konnte, hatten nie etwas mit anderen Menschen zu tun. Der Teekessel begann zu pfeifen und riss den etwas unwilligen Godric aus seinen Überlegungen. Er war im Moment zu zerstreut, dachte zu viel nach, stellte er missmutig fest. Gerade jetzt konnte er sich das eigentlich überhaupt nicht erlauben. Immer noch etwas träge stieß er sich von dem Stamm ab, um zum Feuer zu gehen und den Kessel herunter zu nehmen. Ihm fröstelte ein wenig und er schlang wieder seinen Mantel um sich.
Als Maxwell sich zu ihm setzte, stieg Godric der Geruch nach Seife in die Nase und er konnte sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen. „Ich habe noch nie jemanden mit einem so ausgeprägten Reinlichkeitssinn getroffen.“, stellte er beinahe amüsiert fest. „Ihr habt nicht zufällig auch ein Rasiermesser in eurer Tasche oder?“
Ihm fiel ein, dass heute der Tag war, an dem sie über alles reden wollten. Einerseits gut, denn die Frage, wie das mit dem Feuer funktionierte, brannte ihm auf der Seele, aber andererseits müsste er selbst sich entscheiden, wie viel er dem anderen anvertrauen wollte. Was er ihm sagen konnte. ‚Nichts von dem Fluch’, stellte er von vorneherein für sich selbst klar und sein Gesicht verzog sich unwillig.
Als Godric wieder die Schrecken der Inquisition aufzählte, verharrte der Blonde für eine Sekunde stocksteif mitten in der Bewegung, gerade hatte er diese Ängste erfolgreich verdrängt gehabt. Doch zuerst wusch er sich weiter, schüttelte sich dann wie ein nasser Hund, schlüpfte wieder in sein Hemd und diesmal auch in die Hose die am Feuer getrocknet war und folgte dann dem Pfeifen und dem Geruchs des Tee. Leider besaß er nur einen Becher, so schenkte er ein, trank einen vorsichtigen Schluck und bot ihn dann Godric an, bemerkte dabei dessen Augenfarbe – ein schönes blau – und auch die Farbe von dessen Haar und die vereinzelten grauen Strähnen die ihn schmunzeln ließen, an das ‚32’ erinnerte er sich noch. Im Tageslicht waren seine Augen von einem helleren Braunton und sahen sanft und kein bisschen unheimlich aus. „Bitte redet nicht mehr über die Inquisition, ich will das vergessen und ich will vergessen was sie uns noch alles angetan hätten wenn wir nicht entkommen währen…“ bat er ernst, sah dem anderen dabei in die Augen und verheimlich das Grauen nicht das er bei diesen Gedanken empfand.
Nach einem tiefen Atemzug und leichten Kopfschütteln war dieser düstere Schatten erst einmal verdrängt, er strich sich über die Wangen, ein Rasiermesser habe ich nicht, aber einen formidablen scharfen Dolch… der reicht zumindest für mich… aber mein Bart wächst nicht viel mehr als bei einem Knaben ich komme also nicht so oft dazu ihn zu benutzen,“ er machte eine Pause, sah ins Feuer und sprach dann weiter, „Ich habe soviel Schmutz und Siechtum gesehen, der Gedanke dreckig zu sein bereitet mir Ekel, ich rede nicht von Schlamm oder Grasflecken, dem kann man kaum entgehen und solange es keine Wunde trifft ist es nun wirklich nicht schlimm, ich rede von dem richtigen Dreck, dem Gestank nach Schweiß und faulen Zähnen, Fäkalien und …“ er schüttelte sich und unterbrach sich, die feinen Härchen auf seinen Armen sträubten sich zu einer Gänsehaut und er rieb darüber um sie zu vertreiben als er es bemerkte.
Godric nickte und ging nicht weiter darauf ein. Er wusste nicht, was der andere gesehen haben mochte, dass er so entsetzt klang, aber er würde auch nicht weiter fragen. Nicht wenn er ihm so unangenehm war. Er wollte schließlich auch nicht danach gefragt werden, warum er gegen Ende des Monats immer unruhiger wurde und es nicht leiden konnte Blut an den Händen zu haben. Nicht einmal das von Tieren. Wenn er sah, wie einem Schwein oder sonst etwas die Halsader durchgeschnitten wurde, um es langsam ausbluten zu lassen, drehte sich ihm der Magen um. Vor seinen Augen erschienen dann immer die so unterschiedlichen Gesichter seiner Opfer, aus denen das Leben wich und die sich in ihrem letzten Augenblick wohl fragten, was sie falsch gemacht hatten. Warum der für sie vollkommen Fremde nach einem Messer gegriffen und sie getötet hatte Und warum er so erlöst aussah, während ihr Blut seine Hände reinigte.
Allerdings kam er nicht umhin für sich selbst festzustellen, dass sein eigener Beruf wohl nichts für den anderen wäre. Wenn er wirklich arbeitete, stank er meist den ganzen Tag nach Schwefel und manchmal auch nach noch widerlicheren Sachen, je nachdem, womit er zu arbeiten hatte. Fäkalien waren auch schon darunter gewesen und wenn es nur Schweiß und faule Zähne waren, konnte er wirklich froh sein. Es gab Rezepte, die die wahnwitzigsten Dinge verlangten und sich dann meistens als totaler Humbug erwiesen. Godric hatte im Laufe seines Lebens herausgefunden, dass die einfachen Rezepte meist die waren, die etwas taugten. Sobald Krötenaugen verlangt wurden und das Herz einer tibetischen Fledermaus, sollte man misstrauisch werden und lieber die Finger von etwas lassen, das vermutlich nur eine besonders eklige Hühnerbrühe werden würde. „Der Dolch wird reichen, danke. Für einen Bartwuchs wie den euren, benötige ich eine wöchentliche Salbe.“ Ja, eine Salbe, für die er natürlich die Zutaten nicht parat hatte und auch eine längere Zeit nicht haben würde, es sei denn, sie stießen hier auf eine Karawane, die Myrrhe und Zitronengras bei sich hatte. „Ich leihe mir dann kurz eure Seife.“
Den Tee hatte er unangerührt zurückgegeben. Wenn er die Wahl hatte zwischen klarem Wasser und etwas, in dem etwas gekocht worden war, nahm er das Wasser. Auch wenn das Gebräu noch so verführerisch duftete, in ihm stieg immer der Gedanke an einige der ekligeren Sachen hoch, die er in seinem Leben hatte trinken müssen. ‚Dieser Beruf versaut einem so ziemlich alles…selbst beim Fluchen muss man aufpassen was man sagt, um keine Dämonen anzulocken.’
Godric verscheuchte diesen Gedanken und machte sich mit Seife und Dolch wieder auf den Weg zum Wasser, wo er erst einmal ein paar Hände voll trank. Nicht zuviel, aber genug, um seiner gereizten Kehle zu helfen. Dabei dachte er an Maxwells Augen. An die rötliche Färbung, die sie im Kerker gehabt hatten und dieses warme Braun, das sie jetzt zierte. Beides faszinierte ihn, wenn auch auf unterschiedliche Art und Weise.
Mit fahrigen Fingern begann er sein Gesicht einzuseifen und dann mit dem Dolch über die Haut zu schaben. „Was ist das mit euren Augen?“, rief er über die Schulter. „Gestern Nacht waren sie eindeutig rot.“
Etwas tadelnd betrachtete Maxwell die Tatsache daß sein Begleiter den Tee nicht anrührte, er war nun wirklich nicht giftig und krank war er auch nicht, sah man von dieser seltsamen Lungenschwäche ab die ihn ab und an Bluthusten ließ, gerade als er sich diesbezüglich äußern wollte, hörte er die frage über seine Augen. „Nichts schlimmes,“ gab er gelassen zur Antwort, dabei blickte er sich kurz unschlüssig um, irgendetwas gab es sicher zu tun und er wollte Beschäftigung, lang suchen musste er nicht, sondern zog sich seine abgewetzte Tasche heran und kramte darin herum, machte Inventur. „Bei Tageslicht sind sie braun, aber bei Fackel-, Feuer- oder Kerzenschein werden sie rötlich bis rot,“ er zuckte die Schultern, trank von dem Tee und genoss die Wärme die dieser in seinem Körper verbreitete, plapperte weiter: „Ich weiß auch nicht warum.. es ist schon immer so, als Kind durfte ich im Dunkeln nicht raus und auch nach Sonnenuntergang keine Spielkameraden in die Stube holen oder besuchen… nun hätte ich nicht gehorcht wäre ich wohl kaum dem Knabenalter entwachsen…. Vielleicht ist es so etwas Ähnliches wie bei Katzen, deren Augen ja auch des Nachts leuchten wenn das Licht auf sie fällt.“ Er zuckte die Schultern, er hatte sich das auch schon oft gefragt, hatte aber nur vage Theorien.
In seiner Tasche sah es ganz gut aus, Arzneien und Bücher waren noch da, sein weniges Geschirr, das Verbandszeug und das Besteck für einen Chirurgicus, das er vor langer Zeit gestohlen hatte, dazu kam noch eine unangetastete Flasche Brandwein, Nadel und Faden, Tees und allerlei kleinen Krimskrams, von dem er sich nicht sicher war ob wofür er ihn je brauchen würde. Außerdem noch Tücher und kleine Beutel in die man weitere Besitztümer verstauen konnte. Käse war auch noch genug da, bestimmt 3 Pfund wie er schätzte und auch das Brot würde noch ein paar Tage ausreichen, allerdings konnte man es nur noch mit gesunden Zähnen kauen. Ein weiteres sehr wichtiges Gut hielt er jetzt in den Händen: guter spanischer Schinken, reichlich, wohlriechend und gut geräuchert, also brauchte er sich keine Sorgen machen daß dieser so bald vergammeln würde. Was man von den Äpfeln nicht behaupten konnte!! „Äh!“ machte er angeekelt unentfernte das faule Obst schnell aus seiner Tasche, zum wegwerfen war es aber eindeutig zu schade. Er nahm ein Messer und begann die fauligen Stellen großzügig heraus zuschneiden, warf sie ins Feuer um kein Ungeziefer anzulocken und legte dann die noch appetitlichen Stücke auf ein Tuch das er zu diesem Zweck ausgebreitet hatte. ‚Wie lange konnte man brauchen um sich zu rasieren?’ aber eigentlich war das egal, er konnte auch ohne das Publikum Frühstück machen. Großzügig schnitt er Streifen von dem Schinken, um sie in einer Blechpfanne in ihrem eigenen Fett zu braten, dazu konnte sie Brot, Käse und die Äpfel essen und mussten nicht einmal sparsam sein – es war herbst.. heute Nachmittag oder morgen würde er nach essbarem suchen. „Warum wolltet ihr den Tee nicht? Fürchtet ihr ich bin Schwindsüchtig oder habe eine andere schlimme Krankheit?“ erkundigte er sich jetzt, nach dem er die Frage schon vergessen hatte zwischenzeitlich. „Ich glaube nicht das es Schwindsucht ist und sollte es eine andere Krankheit sein bringt sie mich schon seid 16 Jahren nicht um..:“ wie auf das Stichwort wurde er von einem trockenen Husten geschüttelt, schnappte sich schnell ein Tuch und knüllte es vor Mund und Nase um nicht das Essen zu beschmutzen damit. So schnell es gekommen war, war es auch wieder vorbei, ein paar schwere Atemzüge und einige vorsichtige Schlucke Tee und er fühlte sich wieder munter und beschwerdefrei.
Godric wusch sich den letzten Rest Seifenschaum vom Gesicht und bewegte danach kurz den Unterkiefer ruckartig hin und her. Das Gefühl kam nur ganz langsam und von einem schmerzhaften Prickeln begleitet zurück. Verdammte Eiseskälte. Gab es hier nicht irgendwo heiße Quellen in der Gegend? Ihm fiel ein, dass er das Wasser vielleicht über dem Feuer hätte erwärmen können, aber diesen Gedanken verscheuchte er ziemlich rasch wieder. Er brauchte etwas, über das er ein wenig vor sich hin mosern konnte und sich dann selbst die Schuld dafür zuzuschreiben war dem Grundgedanken nicht förderlich. Immerhin war er ja schon selbst Schuld daran, dass die Inquisition ihn erwischt hatte und er diese Folterungen über sich hatte ergehen lassen müssen. In diesen Zeiten nach Spanien zu reisen war ein haarsträubender Plan gewesen, den er aber dennoch durchgeführt hatte. Und dann ließ er sich von dem erstbesten bei der Inquisition anschwärzen. In einem Kaff, bei dem sich vermutlich sogar die Kühe fragten, was sie dort verloren hatten. Das heißt, wenn es hier Kühe gab. Vielleicht war Spanien zu warm für derartige Tiere, schließlich war ihm hier bisher noch keine begegnet. Godric rümpfte die Nase und rief sich sein taubes Gesicht in Erinnerung. Oh ja, er war hundertprozentig sicher, dass die armen Tiere hier alle eingingen, weil sie sich zu Tode schwitzten. Scheiß Viecher. Irgendwie hatte er sich auch das mit dem Fluch selbst zuzuschreiben, aber darüber wollte er nun wirklich nicht nachdenken. Das mit dem Wasser durfte er doch dem Schicksal zuschreiben, nicht wahr? Eine einzige kleine Sache, über die er sich aufregen konnte, ohne dass es auf ihn selbst zurückfiel? Immer noch über dieses Problem brütend, kehrte er ans Feuer zurück und warf einen milde besorgten Blick zu seinem Reisegefährten. Wenn er wirklich schon seit 16 Jahren daran litt, gab es wohl jetzt auch wenig zu fürchten, aber blutiger Husten? „Blutiger Husten gehört zu einem der Symptome der Pest.“, stellte er fest. „Auch wenn in dem Fall niemand auch nur eine Woche überlebt. Seit 16 Jahren Blut zu husten wäre für mich ein Grund, mir Sorgen zu machen.“ ‚Tja, aber ich hab andere Dinge, über die ich mir Sorgen machen kann. Wie da wären die Verfolgung durch die Inquisition und dieser vermaledeite Fluch, der mich vermutlich irgendwann an den Galgen bringt, wenn ich mich nicht vorher in den Fluss stürze. Eine Lappalie, die der Kerl seit 16 Jahren ohne große Beeinträchtigung übersteht ist wirklich die letzte meiner Sorgen.’ „Aber es ist nicht deswegen.“ Wieder sog er den Geruch nach Tee und Feuer in die Nase, zu dem sich nun auch noch der nach gutem Schinken und etwas sehr überreifen Äpfeln gesellte. Schon wieder teilte der andere sein Essen mit ihm. Godric würde irgendwann einen Weg finden müssen, um sich zu revanchieren. Sein Blick strich über das Blut an dem kleinen Tuch. Erinnerungen stiegen auf, wie er sich damals den blutigen Auswurf eines Pestkranken für ein Tonikum hatte besorgen müssen. Er war unter vielen Angesteckten gewesen, hatte mit der Krankheit gearbeitet, war aber nicht selbst davon befallen worden. „Gesundheit scheint die einzige Gabe zu sein, mit der ich gesegnet wurde. Ich kann mich nicht erinnern, jemals auch nur Schnupfen gehabt zu haben. Aber“ Godric stockte und musste sich dazu zwingen, weiter zusprechen. Wenn er nicht an einem der Höfe war, von denen er wusste, dass Alchemisten dort gern gesehene Gäste waren (einige sogar tief unten in den Kellern eingesperrt waren, damit sie nicht fort gehen konnten – ein Schicksal, dem Godric immer wieder mit knapper Not entkommen war) oder unter anderen Angehörigen seines Standes, war er äußerst vorsichtig, was die Nennung seines Berufes anging. Und bisher hatte sich immer wieder gezeigt, dass er damit nur gut liegen konnte. Aber sie hatten gesagt, sie wollten heute reden. Im wäre schlecht davon geworden, das Essen des anderen anzunehmen, ihm aber nicht einmal auf diese Frage eine wahrheitsgemäße Antwort zu geben. Das Lügen würde früh genug anfangen. „ich bin Alchemist. Ich habe schon soviel in Wasser gekocht, dass ich auch einen einfachen Tee nicht mehr runterwürgen kann, wenn es nicht sein muss.“